[Hörbuch-Rezension] Oryx und Crake

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Die Welt wurde von einer Katastrophe heimgesucht.
Die Bewohner der neuen Welt sind Hybridwesen aus Mensch und Tier, die nichts über die Vergangenheit wissen.
Allein Schneemann, der vermutlich letzte Mensch, kann sich erinnern.
Schneemann hieß einmal Jimmy. Sein Vater war für eine Firma tätig, die Genexperimente vornahm.
Schönheit und Jugend waren Sinn und Zweck. Auch Jimmys Freund Crake betätigte sich auf diesem Forschungsfeld. Doch er strebte nach weitaus mehr. Er wollte Unsterblichkeit erschaffen. Stattdessen erschuf er die neue Welt.

Mit Oryx und Crake hat Margaret Atwood, die kürzlich erst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, eine Mischung aus Dystopie und Science-Fiction geschaffen. Obwohl es der Begriff Science-Fiction nicht wirklich trifft. Vermutlich existieren nämlich schon heute all die technischen Möglichkeiten, die in Atwoods Roman ins Verderben führen. Oryx und Crake ist also eher ein Gedankenexperiment, wohin unsere Welt sich entwickeln könnte.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Schneemann, der in der zerstörten und durch Gentechnik veränderten Welt lebt, erinnert sich zurück an die Zeit als er noch Jimmy war. Der Leser erfährt von seiner Kindheit und Jugend, der Freundschaft zu seinem genialen Freund Crake und seiner Liebe zu Oryx. Gleichzeitig wird deutlich, wie die Gesellschaft funktioniert und welchen Stellenwert Konzerne und Technologien einnehmen.

Der Einstieg in die Geschichte ist besonders wegen der Zeitsprünge ein wenig holprig, doch dann kann sich der Leser recht gut orientieren und der Erzählung folgen. Ersteres mag auch der Sprach geschuldet sein. Der fehlende verbale Austausch scheint Schneemanns Ausdrucksfähigkeit schwinden zu lassen, so dass er um die passenden Begriffe ringt. Außerdem entspricht die Sprache Atwoods Welt. Die Geschehnisse und Figuren sind roh, also ist es auch die Sprache.

Jimmy alias Schneemann tritt zwar als Protagonist auf, doch sein Leben und die Handlung selbst wird entscheidend durch seinen Freund Crake und seine Geliebte Oryx geprägt. Wie maßgeblich sie für die Geschichte sind, deutet schon der Titel des Romans an.
Die Beziehungen untereinander werden durchaus glaubhaft dargestellt, die Figuren selbst und ihre Entwicklung bleiben jedoch mit Ausnahme von Jimmy an der Oberfläche. Teilweise mag das an der eingeschränkten Erzählperspektive liegen. Der Leser erhält keine weitere Darstellung ihres Verhaltens oder Einblicke in ihre Gedanken, sondern ist auf Jimmys Einordnung des Geschehens angewiesen. Auch mangelt es an zwischenmenschlichen Gefühlen, was aber vermutlich von Atwood beabsichtigt ist. Denn auch in der von ihr beschriebenen Welt geht es nicht um innere Werte, Gefühle oder Beziehungen. Menschen zählen nur als Konsumenten. Sie sollen sich Schönheit, Jugend und Unsterblichkeit ohne ethische Bedenken erkaufen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen also eher Ideen, Kritik und Mahnung als die Figuren. Atwood hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor. Zeigt, wohin der reine Glaube an Technik, Wissenschaft und Konsum führen kann. Die zunehmende Macht internationaler Konzerne mit einhergehendem Machtverlust der Politik. Die kritiklose Nutzung digitaler Möglichkeiten. Welche Konsequenzen es haben könnte, wenn Technologien ausgeschöpft werden, ohne moralische Maßstäbe anzusetzen. Was das Fehlen von Selbstreflexion, Mitgefühl und Menschlichkeit bedeuten könnte.

Neben den Kernaussagen finden sich weitere Seitenhiebe auf gegenwärtige Entwicklungen. Jimmy ist ein Mann des Wortes. In seiner Welt zählen Geistes- und Sprachwissenschaften jedoch wenig, was die Vergütung entsprechender Tätigkeiten widerspiegelt. Der einzige Nutzen von Sprache wird im Verfassen überzeugender Werbebotschaften gesehen. Folgerichtig werden auch die Hybridwesen so konstruiert, dass sie weder lesen lernen können noch Interesse an Kunst entwickeln. Und auch Schneemann entgleitet seine Sprache zunehmend.

Atwood scheint damit die Natur des Menschen zu erkunden. Ist es nicht auch die Fähigkeit, Schönes ohne materiellen Wert zu schätzen zu wissen oder sich verbal über Gefühle, Wünsche und Träume auszutauschen, die einen Menschen ausmachen?

Oryx und Crake basiert auf umfangreicher Recherche und enthält viele Denkanstöße. Sprachlich und in den Beschreibungen ist der Roman stellenweise allerdings schwerverdaulich. Atwood schafft es außerdem nicht, emotional mitzureißen. Es bleibt eine große Distanz zwischen Figuren und Leser, die vermutlich beabsichtigt, aber nicht förderlich ist. Es hängt wie immer vom Einzelnen ab, welchem Aspekt er mehr Gewichtung schenkt.

Das Hörbuch des Ronin-Hörverlag wird sehr pointiert von Uve Teschner gesprochen. Er hilft dem Leser, das komplexe Werk akustisch gut verfolgen zu können.

Oryx und Crake basiert auf umfangreicher Recherche und enthält viele Denkanstöße. Sprachlich und in den Beschreibungen ist der Roman stellenweise allerdings schwerverdaulich. Atwood schafft es außerdem nicht, emotional mitzureißen. Es bleibt eine große Distanz zwischen Figuren und Leser. Es hängt wie immer vom Einzelnen ab, welchem Aspekt er mehr Gewichtung schenkt.

Das Hörbuch des Ronin-Hörverlag wird sehr pointiert von Uve Teschner gesprochen. Er hilft dem Leser, das komplexe Werk akustisch gut verfolgen zu können.

Die Dystopie besteht aus insgesamt 3 Teilen.

Vielen Dank an den Ronin-Hörverlag für das Zurverfügungstellen eines Rezensionsexemplar.
Margaret Atwood, Oryx und Crake, Ronin-Hörverlag 2015.
3/5 Schreibmaschinen
3Writer
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2 Gedanken zu „[Hörbuch-Rezension] Oryx und Crake

  1. Ma-Go

    Ich habe den Roman damals im Studium gelesen und war/bin begeistert. Dass er schwerverdaulich war, kann ich jetzt aus der Erinnerung nicht mehr sagen. Bei Hörbüchern liegt es aber manchmal auch am Vorleser, den du ja aber hier gelobt hast. 🙂

    Gefällt 1 Person

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