[Filmkritik] Whiplash

PosterWhiplash

Der ambitionierte Schlagzeuger Andrew studiert am renommierten Shaffer Conservatory of Music in New York. Sein großes Ziel ist, so virtuos wie die legendären Charlie Parker oder Buddy Rich zu musizieren. Als Terence Fletcher ihn in seine Studentenband beruft, scheint Andrew einen wichtigen Schritt getan zu haben. Schnell lernt er dessen „Lehrmethoden“ kennen, die den Studenten in jeglicher Hinsicht zusetzen. Andrew fügt sich und ordnet alles seiner Passion unter. Doch wie weit ist er bereit zu gehen?

whiplash

Der Filmtitel ist programmatisch, denn Terence Fletcher versteht es, seinen Studenten Peitschenhiebe zu versetzen. Seien sie verbaler, psychischer oder körperlicher Natur. Unversehrtheit interessiert ihn nicht. Er will sie nicht bloß anspornen, sondern zu Höchstleistungen zwingen. Rücksicht auf irgendjemanden oder irgendetwas kennt er nicht. Er ist wie der Antreiber auf einer Sklavengaleere. Unerbittlich sitzt er seinen Studenten im Nacken. Zeitweise erinnert er an den Führer einer Sekte, dessen Anhänger ihm willenlos ergeben sind. Zwar rechtfertigt der Bandleader sein Handeln damit, dass er das Beste aus den Studenten herausholen will und dies mit einem „Gut gemacht“ nicht gelingen würde. Die Geschichte über Charlie „Bird“ Parker mit der er seine These zu stützen versucht, klingt allerdings wie eine willkommene Entschuldigung für sein Tun. Und seine Psychospiele, besonders zum Ende hin, sprechen ebenfalls eine andere Sprache. Könnte er wirklich so grausam sein, wenn er die Macht nicht auch genießen würde? Die Szenen zwischen den Hauptdarstellern erinnern trotz anderer Beteiligter stets an ein spannungsgeladenes Kammerspiel. J.K. Simmons verkörpert das Ekel Fletcher überaus glaubhaft. Als Zuschauer lernt man ihn wirklich hassen. Es verwundert nicht, dass er für seine Darstellung etliche Preise, u.a. den Oscar, einheimsen konnte.

Kennt man Miles Tanner noch nicht aus anderen Filmen, fragt man sich immer wieder, ob hier ein professioneller Schlagzeuger verpflichtet wurde. Wie ein Besessener, zeitweise auch wie ein Berserker, arbeitet sich der junge Schauspieler am Schlagzeug ab.

Szene

Andrew und Fletcher scheinen sich gesucht und gefunden zu haben – allerdings im Negativen. Der eine fordert, der andere ist bereit, alles zu geben. Beide missachten Grenzen und Konsequenzen. Häufig fragt sich der Zuschauer, wie er selbst reagieren würde und wünscht sich, Andrew würde sich Fletchers Einfluss entziehen. Doch offensichtlich ist er zu jedem Opfer bereit, um sein Ziel zu erreichen. Die Kamera konzentriert sich immer wieder nur auf ihn, rückt seine Gedanken, Emotionen und vor allem die Qualen eindrucksvoll ins Bild. Der Zuschauer kann unmittelbar daran teilhaben. Bisweilen ist es schwer erträglich, Andrew dabei zu beobachten. Die Szenen, in denen er bis aufs Blut (im wahrsten Sinne des Wortes) übt, sind energetisch aber auch erschreckend. Der Spruch „Kunst kommt von Können“ wird hier sehr plastisch um „…und vor allem harter Arbeit“ ergänzt.

Auf einer tieferen Ebene geht es also weniger um die Lehrer-Schüler-Beziehung als um die Beziehung zwischen Kunst und Künstler. Der Mythos des naturgegebenen Genies wird angezweifelt. Stattdessen muss sich der Künstler seiner Kunst vollends verschreiben, um Großes zu erreichen. Harte Arbeit ist wichtiger als Talent.

Folglich riskiert Andrew nicht allein die Gesundheit, sondern vernachlässigt auch seine Beziehungen. Einerseits wird sehr gut gezeigt, dass die Menschen seiner Umgebung nur schwer nachvollziehen können, wieviel er schon erreicht hat und was er dafür durchmachen muss. Sie bewerten sportliche Erfolge höher als musikalisches Können.  Andererseits wird zu wenig auf die Beziehung zu seinem Vater oder der neuen Freundin eingegangen. Mit ihr gibt es nur wenige Szenen, so dass kaum der Eindruck beim Zuschauer entsteht, dass sie wirklich eine Liebesbeziehung hatten.

Visuell ist der Film sehr ökonomisch. Nichts scheint willkürlich. Jede Einstellung ist aufs Wesentliche beschränkt. Selbst die Bewegungen der Akteure sind präzise. Die Farben vermitteln sowohl Wärme als auch Intimität. Damit kontrastieren sie einerseits die Handlung, andererseits stützen sie diese.

Fletcher

Die Musik ist naturgemäß einer der Hauptdarsteller. Nicht nur das Musikstück „Whiplash“, sondern Jazz im Allgemeinen bilden den musikalischen Kern. Es ist dem Film anzumerken, dass hier ein Kundiger am Werk war, denn Regisseur und Drehbuchautor Damien Chazelle hegte selbst den Wunsch, Jazz-Schlagzeuger zu werden. Außerdem wird aus gewöhnlichen Geräuschen wie dem Schließen eines Koffers oder dem Stimmen der Instrumente ein Klangteppich gewebt, so dass der Film auf verschiedenen Ebenen  ein akustischer Genuss ist.

Insgesamt ist Whiplash ein sehr intensives Filmerlebnis, das einen spannenden, bewegenden Einblick in das Leben und die Qualen eines jungen ambitionierten Musikers gibt und lange nachhallt.

8/10 Tickets

8Tickets

Alle Bildrechte liegen beim Rechteinhaber

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6 Gedanken zu „[Filmkritik] Whiplash

  1. eccehomo42

    Großartiger Film, der von seinen Hauptdarstellern lebt. Die Fixierung auf das Wesentliche lässt den Film aufblühen, sodass er der erste Musikthriller ist. Würde ihn sogar noch besser bewerten.
    Dennoch ne sehr gute Rezension😇

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Vielen Dank für die lobenden Worte.
      Musikthriller trifft es wirklich sehr gut. Das ist es tatsächlich und er wühlt den Zuschauer stark auf. Bei der Punktezahl habe ich auch sehr geschwankt. Sicher wären auch 9 Punkte vertretbar… und ich habe auch stark geschwankt. Am Ende hätte es mir besser gefallen, wenn Andrew Fletcher stehen gelassen und seiner Wege gegangen wäre. Also nach dem Solo.

      Gefällt 1 Person

      Antwort

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