[Rezension] Yaa Gyasi: Heimkehren

Heimkehren

Die Halbschwestern Effia und Esi werden in verschiedene Stämme hineingeboren. Erst spät erfahren sie voneinander, lernen sich aber nie kennen. Effia wird mit einem britischen Offizier verheiratet, der im Namen Ihrer Majestät an der Organisation des Sklavenhandels mitwirkt. Sie lebt von nun an auf der Festung am Meer. Von dort werden Gefangene nach Amerika verschifft. Eine von ihnen ist Esi.

Die Erzählung setzt mit den beiden Schwestern ungefähr zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein, folgt ihren Nachkommen in Afrika und den USA und endet in unserer Gegenwart. Während sich die einen mit Stammesregeln und -Kriegen der Assante und Fante sowie der britischen Besatzung auseinandersetzen müssen, kämpfen die anderen mit Rassismus und Ausgrenzung. Gemein ist ihnen, dass ihre Leben von Gewalt und Verlust geprägt sind. Es ist dem Roman anzumerken, dass Gyasi große Sympathien für ihre Figuren hegt. Liebevoll und voller Verständnis folgt sie ihren Lebenswegen.

Der Originaltitel Homegoing trifft das Wesen des Romans besser als Heimkehren. Die Figuren sind Vertriebene, sie gehen einen weiten, steinigen Weg und wissen nie, ob sie jemals irgendwo ankommen werden. Wie auf einer Bühne richtet sich das Scheinwerferlicht auf sie. Ihre Vorgänger treten in den Hintergrund und werden nur noch ab und zu von Streiflichtern erfasst. In relativ kurzen Kapiteln werden die Leben, die Erlebnisse, Hoffnungen und Wünsche des jeweiligen Protagonisten angerissen. Danach werden höchstens noch kurze Hinweisen auf ihr weiteres Schicksal gewährt. Manche Leser mag das frustrieren, weil sie gerne mehr Details erfahren würden oder eine Person länger begleiten wollen. Andere werden es jedoch als geniales Element des Spannungsaufbaus wahrnehmen. Außerdem werden so große Zeitspannen komprimiert darstellbar. Trotz der Kürze der Kapitel zeichnet Gyasi sehr überzeugende Charaktere, zu denen der Leser immer wieder eine Verbindung aufbaut. Die Neugier, wie es mit ihnen und ihren Familien weitergeht, wird durchgehend wachgehalten.

Traditionen, Sitten, Glaube und Riten der afrikanischen Stämme, die den meisten Lesern vermutlich zuvor unbekannt waren, werden beschrieben. Das herrschende Patriarchat, Vielweiberei, die Bedeutung der Mutterschaft für den „Wert“ einer Frau werden genauso aufgezeigt wie die Abläufe des Sklavenhandels. All das mag auf moderne Leser mitunter befremdlich wirken, ist aber immer wertungsfrei und lehrreich. Obwohl es nur wenige freudvolle Momente gibt, werden die Leser nicht in tiefe Depressionen gestürzt. Das gelingt zum einen dadurch, dass nichts abgrundtief böse oder uneingeschränkt gut dargestellt wird. Es wird gezeigt, wie es so ist und warum. Zum anderen werden selbst brutalste Geschehnisse nicht in allen blutigen und schmerzhaften Details beschrieben. Nichts wird ausgeschmückt, nur um des Effekts willen. Die Geschehnisse selbst schockieren ohnehin.

Die Sprache ist sehr feinfühlig und schafft mit wenigen Worten sehr schöne Bilder. Besonders anfangs ist sie sehr blumig. Das mag den Einstieg etwas erschweren. Auch, weil vielleicht das Gefühl entsteht, die Autorin konstruiere eher Schicksale als dass diese lebendig würden. Doch dieser Eindruck verliert sich bald und es entsteht eine ganz eigene Faszination. Teilweise finden sich sehr treffende, aber auch poetische Beschreibungen.

Trotz allem gibt es ein paar wenige Kritikpunkte.

Selten werden im Text Jahreszahlen erwähnt. Meistens fallen nur indirekte Hinweisen, aus denen ungefähr auf die Zeit, in der die Handlung gerade spielt, geschlossen werden kann. Wenn es auch sicher Gründe dafür geben mag, den Kapiteln keine Jahreszahlen voranzustellen, so erschwert es dem Leser die zeitliche Einordnung.

Die Symbole „Feuer“ und „Wasser“ durchziehen den gesamten Roman. Sie entwickeln große Kraft und werden facettenreich eingesetzt. Im späteren Verlauf treten sie immer mehr in den Vordergrund, werden leider aber auch ein wenig plumper eingebaut. Es wirkt, als solle der Leser wenig subtil mit der Nase darauf gestoßen werden. Hier wäre etwas weniger vielleicht mehr gewesen.

Das Ende ist zwar versöhnlich und entlässt die Leser mit einem positiven Gefühl. Allerdings wirkt es angesichts der Schwere der vorherrschenden Themen wie Sklaverei nicht ganz passend. Das Gleiche gilt für den sehr großen, fast märchenhaften Zufall.

Heimkehren ist ein beeindruckendes Debüt. Es ermöglicht einen gleichermaßen tiefgründigen wie emotionalen Blick auf persönliche Schicksale und stellt sie in größere Zusammenhänge. Nicht jedes Kapitel, jede Figur berührt gleichermaßen, aber viele von ihnen werden den Leser auch nach dem letzten Satz begleiten. Gerade in unserer heutigen Zeit sind Bücher, die für fremde Schicksale und Ungerechtigkeit sensibilisieren, wirklich immens wichtig. Bücher, die gegen das Negieren historischer Wirklichkeit, wirken.

Vielen Dank an den Dumont-Verlag und Lovelybooks, die das Rezensionsexemplar im Rahmen einer Leserunde zur Verfügung gestellt haben.

4/5 Schreibmaschinen

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Yaa Gyasi, Heimkehren, Dumont-Verlag 2017.

5 Gedanken zu „[Rezension] Yaa Gyasi: Heimkehren

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