[Rezension] Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro

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Mr. Stevens arbeitet als Butler auf dem Herrensitz Darlington Hall. Hier kennt er sich aus, bei ihm laufen alle Fäden zusammen, er ist pflichtschuldig und ergeben. Viele Jahre hat er dem adeligen Hausherrn gedient, jetzt steht er im Dienst des neuen amerikanischen Besitzers Mr. Farraday.

Der Leser begleiten Stevens auf einer mehrtägigen Reise, deren Ziel es ist, die ehemalige Hausdame Mrs. Kenton zu treffen. Da es schwierig geworden ist, geeignetes Personal zu finden, möchte er sie nach Darlington Hall zurückholen. Während er mit dem Auto durchs Land fährt, erinnert er sich an die vergangenen Dienstjahre. Wir lernen ihn immer besser kennen und sehen, wie er sich in Situationen gegenüber seinem Vater, der Hausdame oder dem Hausherrn Lord Darlington verhalten hat. Er sinniert über seinen Beruf und lässt Ereignisse Revue passieren.
In der heutigen Gesellschaft geht es vielfach um Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung.
Stevens repräsentiert hingegen die völlige Unterordnung . Er ordnet sein Leben und seine Persönlichkeit seinem Beruf und seinem Hausherrn mit allen Konsequenzen unter. Vor allem mit der Konsequenz, seinen eigenen Gefühlen nicht nachzugehen. Es erscheint sogar, als nehme er sie gar nicht wahr. In manchen Passagen wirkt Stevens wie ein Roboter, der vorgefertigte Phrasen abspielt, und es tut richtig weh, mitzuerleben, wie er damit z.B. Mrs. Kenton verletzt. Auch die Sterbeszene seines Vaters, der ebenfalls Butler war und sich immer sehr gefühlskalt gegenüber seinem Sohn gezeigt hat, lässt den Leser erschauern. Stevens Senior gibt endlich seinen Gefühlen Ausdruck, doch sein Sohn kann darauf nicht reagieren, antwortet immer wieder dasselbe und lässt den Moment verstreichen.

Stevens gehört zu einer untergehenden Epoche. Seine Lebenseinstellung und sein Berufsethos werden nicht überleben. Der neue, amerikanische Hausherr Mr. Farraday symbolisiert den unaufhaltsamen Wandel.

Der Autor hat einen absolut eindrucksvollen Roman geschaffen, der dem Leser noch lange etwas zum Nachdenken schenkt. Was vom Tage übrig blieb ist ein Gesamtkunstwerk, das  ruhig, unaufgeregt, aber vielleicht gerade deshalb ergreifend ist. Es werden fundamentale Wahrheiten behandelt. Dennoch werden unendlich viele Interpretationsmöglichkeiten geboten, denn obwohl sich Stevens im Leben zurücknimmt, ist er ein sehr vielschichtiger Charakter.

Auch sprachlich schenkt der Roman seinen Lesern viele Ebenen, Gedanken und Einblicke, die es zu ergründen gilt. Dabei fließt die Sprache wie ein langer ruhiger Fluss – unaufgeregt und voller Tiefen.

Die Verfilmung ist mit Antony Hopkins und Emma Thompson kongenial besetzt und transportiert die Atmosphäre der Romanvorlage perfekt. Auch er ist tieftraurig und zu Tränen rührend. Und irgendwie hofft man doch, dass es irgendwann noch ein Happy-End für Stevens und Mrs. Kenton geben könnte. Man möchte einfach nicht, dass er wie sein Vater endet.

5/5 Schreibmaschinen5Writer

Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb, Heyne Verlag 2013.

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10 Gedanken zu „[Rezension] Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro

      1. ainu89

        Fand „Alles was wir geben mussten“ auch ziemlich stark aber so richtig fesseln konnte es mich dann doch nicht. Hab aber auch jeden Fall vor auch noch „Was vom Tage übrig blieb“ zu lesen weil mit Ishiguros Stil ziemlich gut gefällt.

        Gefällt 1 Person

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