[Rezension] Sarah Perry: Die Schlange von Essex

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Nach dem Tod ihres Mannes bricht Witwe Cora mit Sohn Francis und Freundin und Kindermädchen Martha nach Essex auf. Dort möchte sie sich auf die Suche nach Fossilien machen und ihrem Vorbild der Paläontologin Mary Anning nacheifern. Auf dem Land angekommen, erfährt sie von der mythologischen Schlange von Essex, die wieder erwacht und ihr Unwesen treiben soll. Die Menschen leben in ständiger Angst, Opfer des Untiers zu werden. Coras Neugier ist geweckt. Wäre es nicht fantastisch, wenn es sich bei der Schlange schlicht um ein urzeitliches Tier handeln würde? Und wäre es nicht noch viel fantastischer, wenn Cora zu dessen Entdeckerin werden würde? Durch ein befreundetes Ehepaar wird sie an die Pfarrfamilie Ransome verwiesen, die ihr die Küste zeigen sollen. Obwohl Cora erst zögert, lässt sie sich überreden. Doch dieser Besuch wird nicht nur für sie und ihre Gastgeber ungeahnte Folgen haben.

Die ganz eigene, sowohl reiche als auch verklausulierte Sprache bildet das eigentliche Zentrum des Romans. Die Geschichte beginnt im Januar und folgt dem Jahreszyklus. Das Land im Wandel der Jahreszeiten, seine menschlichen und tierischen Bewohner samt ihrer Eigenarten werden lebendig.
Es werden wunderschöne, poetische und atmosphärische Sprachbilder gemalt. Hier und da zieht ein Hauch von Humor durch die Seiten. Dennoch bleibt die Sprache immer ein wenig störrisch und spröde, so dass der Lesefluss sich erst nach einer gewissen Zeit einstellt. Manchmal scheint Perry außerdem viele schöne Worte einer bündigen Handlung oder Figurenzeichnung vorzuziehen. Formulierungen sind missverständlich oder geben ihre Bedeutung nur andeutungsweise preis. Manche muten unpassend oder sogar albern an.

Die mythische Schlange dient als Aufmacher und Katalysator. Sie liefert den simplen roten Faden, an dem sich verschiedene Handlungsstränge entlang hangeln, in die sich die Geschichte auffasert. Das unheimliche Wesen löst Gedankengänge und Ängste aus. Es fängt die Aufmerksamkeit des Lesers ein, um sie auf die Beziehungen und Gefühlswallungen der Beteiligten zu lenken. Keinesfalls sorgt es für die Spannung, die mancher Leser vorher von ihr erwartet hat. Der Zusammenprall von Glaube und Wissenschaft ist ebenfalls nur ein Aspekt von vielen. Cora und Wills Auseinandersetzung darüber weniger hitzig als versprochen.

Obwohl Cora und Will vorgeben, Hauptfiguren zu sein, dreht sich der Roman eigentlich um das gesamte Ensemble. Das besteht aus interessanten Figuren verschiedener Herkunft. Ihre Interaktionen ist ebenfalls unterhaltsam. Teilweise verwundert es aber, wie eindimensional Personen geraten sind. Zwei von ihnen sind solche Engel, das es wenig glaubwürdig erscheint. Zumal die eine sich dermaßen in ihrem Leid suhlt, dass es kaum mehr wie Leiden anmutet. Bedauerlicherweise tritt bei einigen Figuren ihre Funktion innerhalb des Romans sehr deutlich zu Tage, wodurch ihre Persönlichkeit in den Hintergrund gerät. Außerdem schafft es Perry kaum, eine emotionale Verbindung zwischen Leser und Figuren aufzubauen. Gründe könnten die Größe des Ensembles oder der häufige Perspektivwechsel sein. Zumindest legt sich die Verwirrung über Letzteres schnell. Vielleicht hat die Autorin aber selbst wenig Empathie für ihre Geschöpfen übrig. Auf jeden Fall entsteht der Eindruck, dass sie die mit dem professionellen Abstand einer Wissenschaftlerin untersucht. Eine Mischung aus all diesen Punkten führt dazu, dass es zwar viele dramatische Momente gibt, sie beim Leser aber kaum emotionale Wucht entwickeln. Der holprige Spannungsbogen trägt sein Übriges dazu bei.

Ja, das Personal setzt sich aus allen möglichen Schichten und Lebensbereichen zusammen, dennoch ist der Roman kein Sittengemälde. Dafür schwebt die Gruppe zu sehr in ihren eigenen Sphären. Zwar erfährt der Leser viel über die gesellschaftlichen Erwartungen und Umbrüche der Zeit, die beispielhaft anhand von Medizin, der sozialistischen Bewegung oder die Wohnungspolitik gezeigt werden, dennoch fehlt es an Zeitkolorit. Das hätte das ganz einfach durch beiläufige Hinweise auf Verkehrsmittel, Nahrungsmittel, Kleidungsstile usw. verstärkt werden können.

Sarah Perrys preisgekrönter Roman punktet mit einer ungewöhnlichen, anmutigen Sprache. Es ist darüber hinaus erfrischend, dass ganz unterschiedliche Beziehungsformen gleichberechtigt nebeneinander existieren. Freundschaft wird nicht geringer als die leidenschaftliche Liebe geschätzt.

Schlussendlich bleibt bei aller Kunstfertigkeit der schale Beigeschmack, dass die Autorin sich an ihrer eigenen Fabulierkunst berauscht. Diese ist unbestritten vorhanden, wird jedoch zu Lasten der Geschichte und des Lesevergnügens bisweilen auf die Spitze getrieben. Es bleibt der Eindruck eines Gedankenexperiments.

3/5 Schreibmaschinen

3WriterSarah Perry, Die Schlange von Essex, Eichborn Verlag 2017.

Vielen Dank an Lovelybooks und den Verlag, die anlässlich einer spannenden Leserunde Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt haben.

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