[Rezension] Jane Yolen: Dornrose

Dornrose

Beccas stärkste Erinnerung an ihre Großmutter Gemma ist das Märchen von Dornröschen, welches diese immer und immer wieder ihren drei Enkelinnen erzählte. Als Gemma Jahre später stirbt, findet sich in ihren Hinterlassenschaften eine geheimnisvolle Schatulle. Die enthaltenen Zeitungsartikel, Fotos und Dokumente werfen ein neues Licht auf die alte Dame und es wird deutlich, dass ihre eigene Familie fast nichts von ihr wusste. Nicht einmal ihren richtigen Namen. Becca, die inzwischen als Journalisten bei der örtlichen Zeitung arbeitet, macht sich auf die Suche nach der jungen Gemma. Nach der Frau, die während des Zweiten Weltkriegs in die USA floh. Bald weiß sie, dass das Märchen von Dornröschen eine wahren Kern besitzt. Einen schwarzen Kern, der im Holocaust geboren wurde und der sie nach Polen führen wird. 

Dornrose ist als Jugendbuch deklariert, doch der Schreibstil und die Zahl der ungeschönten Szenen spricht eher für eine ältere Zielgruppe. Deshalb soll der Roman hier unter dieser Prämisse betrachtet werden.

Grundsätzlich hat die Geschichte großes Potential. Sie hätte spannend, bewegend und erschütternd sein können. Leider werden die Möglichkeiten kaum ausgeschöpft.

Auf der Haben-Seite findet sich das Geheimnis um Gemmas Herkunft und das Märchen. Warum hat sie es immer wieder erzählt? Warum bittet sie ihre Enkelin schließlich, dass Schloss zu finden? Warum hält sie sich selbst für Dornrose? Diese spannenden Fragen sind der Motor, der den Leser antreibt.

Die Sprache ist gefällig und lässt die Seiten vorbeiziehen. Dennoch ist sie eher der Soll-Seite zuzuschlagen. Sie ist recht seicht und entspricht damit eher der leichten Unterhaltung. Jane Yolen ist bestrebt, emotionale Tiefe zu erreichen und setzt hier und da treffende und ansprechende Formulierungen. Das reicht jedoch nicht, um den Gesamteindruck positiv zu beeinflussen. Die Sprache ist wie ein Fettauge, das auf der Suppe schwimmt. Sie bleibt oberflächlich und erreicht weder das Leserherz noch den Grund der Geschichte, die doch eigentlich so ergreifend sein könnte.

Das größte Problems stellt die geringe Seitenzahl dar. Dadurch kann sich einerseits die Geschichte nicht gebührend entfalten. Andererseits bleibt den Figuren kein Raum, um sich zu entwickeln, Tiefe zu erreichen und Interesse zu wecken.

Der Roman wird größtenteils aus Beccas Sicht erzählt. Es handelt sich um keine sympathische Protagonistin, obwohl Jane Yolen sich redlich Mühe gibt, sie sensibel, fürsorglich und perfekt wirken zu lassen. Das Beste, was über sie gesagt werden kann, ist, dass sie farblos bleibt. Mitunter wirkt sie jedoch sogar blasiert, z.B. wenn sie ihre polnische Begleiterin auf ihre sprachlichen Fehler hinweist. Sympathischer und authentischer ist Josef Potocki, ein Zeitzeuge und Bekannter Gemmas, den Becca in Polen ausfindig machen kann. Er ist die einzige Figur, die etwas Tiefgang und Authentizität zeigt. Der alte Mann berichtet von Gemmas Schicksal und der deutschen Besatzung. Dieser Teil ist emotionaler und besser gelungen, als Beccas Erzählstrang, hebt das Buch aber nicht über ein Mittelmaß hinaus.
Manche Figuren zeigen leider sogar klischeehafte Anklänge. Beccas Schwestern sind Karrierefrauen, die sich mehr um ihr perfektes Aussehen scheren als um ihre Familie. Ihr Chef ist Beccas heimlicher Schwarm und natürlich letztendlich genauso an ihr wie an der Story interessiert. Beides wirkt aufgesetzt und überflüssig. Darüber hinaus schiebt es den Gesamteindruck weiter in seichtes Gewässer. Klar, soll auch dies eine Allegorie auf Dornröschen sein und Becca die Rolle der wachgeküssten Prinzessin übernehmen. Der Vorschlaghammer, der hier geschwungen wird, zerstört allerdings die angestrebte Wirkung.
Auch wirken sich die immer wieder eingestreuten Kapitel, in denen Gemma das Märchen erzählt, auf Dauer störend und sogar nervig aus.

Der letzte große Kritikpunkt ist die fehlende restlose Auflösung des Rätsels. Der Motor schiebt das Gefährt nicht über die Ziellinie. Becca erfährt zwar allerhand über ihre Großmutter, aber genauso viel bleibt ungeklärt.

Abschließend bleibt Enttäuschung, so als wäre ein Versprechen nicht eingelöst worden. Die Erzählweise, besonders in Beccas Erzählstrang, ist einfach zu seicht für einen Roman über den Holocaust. Auch als Jugendbuch funktioniert Dornrosenicht, da die Kritikpunkte dieselben bleiben und sogar teilweise noch stärker ins Gewicht fallen. Die Prämisse klingt so gut, doch das Endergebnis bleibt hinter den Möglichkeiten weit zurück.

2/5 Schreibmaschinen

2WriterJane Yolen, Dornrose, Berlin Taschenbuch Verlag 2010.

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