[Rezension] Richard Marbel: Die Jesus-Welle

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Nachdem Michael seine große Liebe Marcia durch einen Unfall verlor, trauert er. Aus dem Physiker wurde ein Priester. Von der Universität wechselte er in ein kleines italienisches Dorf, wo er der Kirchengemeinde vorsteht und dem Alkohol zuspricht. Dreißig Jahre nach dem tragischen Ereignis sucht ein alter Freund Kontakt zu ihm. Der ehemalige Professor und jetzige Medienmogul Carl Steinberg möchte, dass Michael an einer außergewöhnlichen Expedition teilnimmt. Zusammen mit der rebellischen Lucy, dem Neuropsychologen Stuart und dem Sicherheitsfachmann Pierre soll er die Quantenwelt, auch als Jenseits bekannt, besuchen.

Richard Mabel hat eine sehr interessante Prämisse für seinen Roman gewählt. Was würde geschehen, wenn es möglich wäre, das Jenseits zu besuchen. Wie sähe es dort aus? Wie „lebten“ die Menschen etc.? Wäre es so paradisisch, dass die Besucher bleiben wollen würden? Und wäre es nicht interessant, Jesus zu suchen? Herauszufinden, ob Gott überhaupt existiert?
Folglich bietet Die Jesus-Welle eine Menge Potential und ebenso viele Herausforderungen, tiefgreifende Themen in einer spannenden Geschichte zu verflechten.

In erster Linie entfaltet sich die Geschichte aus den Perspektiven von Michael sowie Stuart. Dementsprechend erfährt der Leser über diese beiden Männer besonders viel. Doch alle Figuren bringen ihre ganz eigene Vergangenheit, leidvollen Erfahrungen und beruflichen Erfahrungen mit. Ihre Gefühlswelt wird ebenso deutlich wie ihre individuelle Motivation. Die Interaktionen und Dialoge zwischen ihnen sind in der Regel sehr realitätsnah. Ein paar Ausnahmen betreffen die Schlüsselszenen. So verlaufen tiefgreifende Begegnungen erstaunlich rational und gefühlsreduziert ab. Da hier eigentlich die emotionalen Höhepunkte der Geschichte zu erwarten wären, bleibt ein Gefühl der Verwunderung und leichten Enttäuschung zurück. Der Schluss des Romans ist hingegen stimmig und bietet einen überaus positiven Abschluss für alle Beteiligten.

Die Handlung schreitet zügig voran, entwickelt sich rasant und wartet mit der ein oder anderen Wendung auf. Teilweise rufen die bildhaften Darstellungen das Gefühl hervor, sich in einem Actionfilm zu bewegen. Eine Filmadaption wäre sehr gut vorstellbar.
Allerdings führen die häufigen und schnellen Ortswechsel dazu, dass die Beschreibungen der Umgebung und neuen Situationen viel Platz einnehmen. Hierdurch entsteht ein wenig der Eindruck des Gehetztseins und der Wunsch doch mehr Einzelheiten und Hintergründe zu erfahren. Die Gestaltung des Jenseits wirft beispielsweise viele Fragen auf, die nur bedingt beantwortet werden.

Abgesehen davon werden wirklich spannende religions-/philosphische und existentielle Fragestellungen wie z.B. die einer göttlichen Existenz behandelt. Wie der einzelne Leser auch immer zu den Vorschlägen des Autors stellen mag, so sorgen sie für ausreichend Denk- und Diskussionsstoff. Aber auch in diesem Bereich verharrt manches an der Oberfläche. Anderes ist aufgrund einer fehlenden Erklärung ein wenig schwierig nachzuvollziehen. Beides trifft auf den Handlungsstrang, der sich um ein Treffen mit Jesus entspinnt, zu. Es gibt einige Romane, die sich einer Begegnung heutiger Menschen mit dem Religionsführer annehmen. Leider schaffen es nur wenige, die eindrucksvolle Idee dementsprechend zu gestalten. Dass Jesus wie in diesem Fall als Autonarr dargestellt wird, zeugt durchaus von einem gewissen Einfallsreichtum. Ihn sich als freudigen Konsumenten vorzustellen, widerstrebt manchem Leser aber vielleicht genauso wie die gesamte Darstellung der jenseitigen Welt.

Der Sprachstil ist nüchtern und wirkt mitunter distanziert, was auch an der Verwendung einiger gehobener Ausdrücke wie „obsolet“ o.ä. liegt. Andererseits entspricht der Stil der Ausdrucksweise der Figuren, die aus dem wissenschaftlichen Bereich stammen.

Die Jesus-Welle scheint sich stärker auf die stringente Handlung als auf das Setting zu konzentrieren. Viele Möglichkeiten des außergewöhnlichen Spielorts werden zugunsten des Tempos vernachlässigt. Die Figuren sind in bestimmten Bereichen sehr vielschichtig, in anderen agieren sie jedoch seltsam flach.
Alles in allem bietet Die Jesus-Welle dem Leser über weite Teile rasante Unterhaltung mit einem guten Schuss Philosophie.

Vielen Dank an Richard Marbel, der mir ein Rezensionsexemplars seines Werkes im Rahmen einer Leserunde zur Verfügung gestellt hat.

3/5 Schreibmaschinen

3WriterRichard Marbel, Die Jesus-Welle, CreateSpace Independent Publishing Platform 2017.

4 Gedanken zu „[Rezension] Richard Marbel: Die Jesus-Welle

  1. Pink Anemone

    Die Thematik finde ich durchaus Interessant, aber anscheindend hat es da an der Umsetzung gehappert. Na dann habe ich wenigstens ein Buch weniger auf meiner WL *g*
    Liebe Grüße zur nächtlichen Stund aus Wien
    Conny

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    Antwort
    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      So schlecht ist es gar nicht umgesetzt, nur hatte ich mir einfach mehr Handlung mit Jesus gewünscht (auch wenn das etwas flach klingen mag). Wer rasante Szenen mit viel Gelaufe und Action lesen möchte, findet hier sicher eine interessante Geschichte. War nur nicht das, was ich gesucht habe.
      Liebe Grüße aus Norddeutschland 🙂 .

      Gefällt 1 Person

      Antwort
      1. Pink Anemone

        Also wenn es so eine, öhm..ja nennen wir es mal Ami-Action ist dann muss ich es nicht haben. Gerade bei diesem Thema hätte ich mir eher viel wissenschaftliches oder auch mystisches gewünscht. Ergo mehr mit Hirn und weniger Muskeln XD . Vielleicht lass ich es vorher noch eine Freundin lesen und warte ab, was sie dazu sagt *g*

        Gefällt 1 Person

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