Medien-Rückblick 2017 I: Bücher

tenorc/o tenor

Das Jahr neigt sich ganz stark dem Wechsel zu und damit ist es Zeit, einen Blick zurück zu wagen. Dem Blog entsprechend wird sich dieser auf meinen Medienkonsum beziehen. Was für ein kaltes und schnöder Sammelbegriff für so wunderbare Tätigkeiten wie Lesen, Filme und Serien schauen und Musik hören.

Der heutige 1. Teil meines Jahresrückblicks wird sich mit den literarischen Welten befassen, die ich 2017 betreten habe. Hierzu zählen ausschließlich Bücher, die ich zu meinem eigenen Vergnügen gelesen habe, d.h. keine Fachliteratur, Bedienungsanleitungen etc. 😉 .

Insgesamt habe ich es auf 41 Bücher gebracht. Damit habe ich einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt, der zuvor bei 40 Büchern lag. Ja, es ist nur eins mehr geworden, aber der Rekord ist gebrochen! 🙂

2016 war für mich ein ziemlich mieses literarisches Jahr. Der ein oder andere Ausreißer nach oben bestätigte nur das eher laue Mittelfeld und die schwachen Kandidaten am unteren Rand der Bewertungsskala. Vielleicht war das alles aber auch gar nicht so schwach wie ich es damals empfand. Allerdings spricht die einmalige Bewertung mit fünf Sternen eine mehr als deutliche Sprache.

Doch wie auch immer es gewesen sein mag, das Jahr 2017 hat sich ordentlich angestrengt, seinen Vorgänger zu übertreffen und es tatsächlich geschafft.

Auf Platz 4 der Bestenliste (also mit 5 Schreibmaschinen gekrönt) verorte ich Im ersten Licht des Morgens von Virginia Bailey. Die Geschichte erzählt von der Beziehung einer Mutter und ihres Sohnes, wobei sie nicht leiblich verwandt sind, sondern sich unter schwierigen Umständen gefunden haben. Die Geschichte berührt auf mehreren Ebenen und ist sogleich ein historischer wie ein Familienroman.

Platz 3 nimmt Ein Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker ein. Ich habe das Buch aufgrund seines Covers überhaupt nur in die Hand genommen. Das sah nach einem Liebesroman aus und der Titel unterstützte den Eindruck. Ein Genre, das ich nicht lese, aber gerne verschenken wollte. Da ich noch nie von diesem Roman gehört hatte, las ich mir natürlich den Klappentext durch. Der Inhalt klang nun überhaupt nicht mehr nach Liebesschnulze, sondern nach „my cup of tea“. Gekauft, gelesen und sehr begeistert gewesen. Karen Thompson schafft es, das mittlerweile sehr gefrönte und etwas stereotyp gewordene Thema der Apokalypse von einer anderen, neuen Seite anzugehen. Ohne Bombast und vordergründige Action erschafft sie eine zutiefst menschliche und persönliche Geschichte.

Platz 2 erklimmt Der Report der Magd von Margaret Atwood. Dieses Werk ist gleichermaßen ein sprachlicher Schmaus und eine erschreckende Vision. Die Welt wie Atwood sie beschreibt, klingt so stringent und schlüssig, dass man eine entsprechende reale Entwicklung nicht für allzu abwegig halten kann. Das gibt dem Roman eine Dimension, die wirklich unangenehm ist, ihn aber auch zu einer Pflichtlektüre macht. Eine Rezension wird es im nächsten Jahr geben, da ich es erst heute oder morgen beenden werde.

Kennt Ihr das, wenn Euch ein Buch, ein Film, eine Serie oder ein Musikstück bezaubern? Euch nicht nur begeistern, sondern diese Stelle in Euch anrühren, die man vielleicht Seele nennen könnte? Wenn Ihr nicht oberflächlich berührt werdet, sondern in Eurer Wesensart? So etwas ist für mich immer etwas ganz Besonderes und ich bin froh, wenn es wenigstens ein oder zwei Mal im Jahr geschieht. Das sind dann kleine Kostbarkeiten, die einen noch eine ganze Weile oder vielleicht für immer begleiten werden.

 Die Seelenheilerin von Barbara Ewing zählt ab diesem Jahr zu meinen „Seelenbüchern“ und  thront entsprechend auf Platz 1. Der Name deutete es vielleicht schon an 😉 .

Der Roman um die Freundinnen Cordelia und Rillie hat mich unterhalten, bewegt, berührt und sich in Kopf und Herz eingebrannt. Ich habe mich in so vielen Bereichen wiedergefunden und angesprochen gefühlt, dass mich das Gefühl beschlich, die Autorin hätte an mich gedacht, als sie ihre Geschichte auf Papier (oder in den Computer) bannte. Entsprechend konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen und als ich die letzte Seite umschlug, war es, als ließe ich gute Freunde zurück. Wie gut, dass ich die Fortsetzung zufällig und in Unkenntnis darüber, dass es sich um dieselbe handelte, schon geschenkt bekommen hatte. Perfekt. Ich hebe sie mir jedoch etwas auf, denn ich fürchte, mit Die Seelenheilerin wird sie nicht mithalten können.

Insgesamt konnten elf Bücher (26,83 %) die höchste Stufe erklimmen. Im Vergleich zum Vorjahr mit einem einzigen „Fünfer“ ist das doch ein enormer Sprung.

Die Kategorie der „vier Schreibmaschinen“ hat ebenfalls zahlreiche Vertreter gefunden. Insgesamt haben sich stolze 12 Bücher (29,27%) diese Meriten verdient.

Auf den Siegerrängen befinden sich Heimkehren von Yaa Gyasi (4.) , We have always lived in the Castle von Shirley Jackson (3.) und Der Passfälscher von Cioma Schönhaus (2.) Den Spitzenplatz hat sich Gillespie and I von Jane Harris mit großem Vorsprung gesichert. Der Roman hat mich angefixt mehr von und mit unzuverlässigen Erzählern zu lesen.

Eine ebenso große Anzahl von Büchern hat sich drei Schreibmaschinen gesichert, also zwölf (29,27%). Hervorheben möchte ich hier aber nur solche, die sich als Enttäuschung herausgestellt haben. Vermutlich lag es entweder an den Vorschußlorbeeren, die mich mehr oder anderes erhoffen ließen, als ich letztlich bekam. Oder es lag an meiner eigenen überbordenden Fantasie, die mehr Potenzial in den Geschichten gesehen hat als die AutorInnen schlußendlich einlösten. Wie es auch gewesen sein mag, ich hatte mir eine höhere Wertung erhofft.

Im Speziellen betrifft das folgende Werke:

Die Schlange von Essex von Sarah Perry
Der Klappentext klang genau nach meinem Beuteschema. Viktorianisches Zeitalter, Großbritannien, geheimnisvolle, mysteriöse Vorgänge. Bekommen habe ich eine überaus konstruierte Geschichte ohne Lokal- und Zeitkolorit, aber mit langweiligen, eindimensionalen Figuren. Ich freue mich für LeserInnen, die das anders sehen, aber mir hat der Roman wenig gegeben. Glücklicherweise habe ich kurz darauf Gillespie and I gelesen, der genau dieselben Erwartungen überaus meisterhaft erfüllte.

Die drei Sonnen von Cixin Liu
Der preisgekrönte SciFi-Roman vereint sehr interessante Aspekte. Die Kulturrevolution mit Außerirdischen zu verbinden, ist durchaus eine Leistung. Die Kapitel, die genau diese Themen behandeln, gefielen mir tatsächlich ausgesprochen gut. Was mir das Ganze aber vermiest hat, waren die ellenlangen Computerspiel-Passagen. Meine Güte, war das drööööööööge.

Mr. Sapien träumt vom Menschsein von Ariel S. Winter
Großes Potenzial! Eine interessante Welt voller Möglichkeiten! Andeutungen, die mehr versprechen! Und dann beschränkt sich der gute Autor auf wenige Schauplätze, Figuren und Handlungsstränge. Mann, da wäre so viel mehr möglich gewesen. Schade.

Glücklicherweise waren die Kategorien mit den niedrigsten Bewertungen auch am spärlichsten bestückt. 5 Bücher (2,5%) haben immerhin noch zwei Ehrenzeichen ergattern können. Negativ hervorgetreten sind dabei Tote Mädchen lügen nicht von Jay Archer, welcher das heikle und ernste Thema meiner Meinung nach überhaupt nicht adäquat behandelt hat. Den Hype darum kann ich nicht nachvollziehen. Desweiteren muss an dieser Stelle Das Implantat von Daniel H. Wilson genannt werden. Seinen Roman Robocalypse fand ich extrem spannend und nachvollziehbar, dennoch glaube ich nicht, dass Wilsons zweites Werk an meinen Erwartungen gescheitert ist. Die Geschichte wurde einfach lieblos und sehr langweilig umgesetzt, obwohl sie viele Möglichkeiten bot. Ist es nicht der größte und ärgerlichste Fehler, den einE SchriftstellerIn machen kann, die selbst geschaffenen Möglichkeiten nicht auszuschöpfen? Mich ärgert das zumindest von allen „Fehlern“ am meisten.

Die Zeichen von 2016 haben sich 2017 verkehrt und statt eines Buches mit fünf Schreibmaschinen gab es dieses Jahr nur einen „Eine Schreibmaschine“- Vertreter (0,41%). Der Pechvogel war Auslöschung von Jeff VanderMeer. Oh, ich verstehe die Begeisterung für dessen Trilogie überhaupt nicht. Langweilig, öde, unverständlich, krude, uninspiriert und seelenlos ist alles, was mir dazu einfällt. Ich mag Romane nicht, die vorgeben mehr zu sein als sie bieten. Die so tun, als seien sie tiefgründig und vielschichtig und eigentlich nur oberflächlich und dröge sind. Wem dieser Roman etwas geben konnte, den beglückwünsche ich herzlich. Mir gab er nur öde Zeit. Beendet habe ich ihn nur, weil er so einen geringen Umfang mitbrachte. Die weiteren Teilen oder gar Verfilmungen werde ich ignorieren.

Das war mein Fazit der letzten zwölf Monate aus literarischer Sicht. Eine Übersicht der gelesenen Bücher samt einiger statistischer Werte werde ich ergänzend veröffentlichen. Für alle, die es ganz genau wissen möchten.

Hoffen wir, dass uns das kommende Jahr wieder viel spannenden und berührenden Lesestoff servieren wird!

HMirrenc/o giphy.com

12 Gedanken zu „Medien-Rückblick 2017 I: Bücher

  1. pimalrquadrat

    Abgesehen von den Drei Sonnen und den Toten Mädchen, die nicht lügen, kenne ich gar keins der von dir gelesenen Bücher. ^^‘

    Ich mochte beide ganz gut. China als Schauplatz und Mentalität ist für mich neu, und es war spannend, sich daraf einzulassen. Als Videospieler hatte ich auch weniger Probleme mit den von dir angesprochenen Passagen. 😉
    Bei den Mädchen fand ich es insofern spannend, als dass sich ein gesamtheitliches Bild ergab. Jedes kleine Mosaikstein für sich war eine Nichtigkeit, zusammen ergaben sie aber ein durchaus plausibles Motiv. Sicher, vieles ist und bleibt oberflächlich oder wird bewusst nicht angesprochen (die Eltern etwa), aber in meinen Augen tat das dem Roman keinen Schaden.

    Guten Rutsch! 🙂

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Kann deine Argumentation in beiden Fällen nachvollziehen. „Die Drei Sonnen“ hatte wie gesagt sehr starke Momente, aber andere Aspekte haben mir das Ganze madig gemacht. Leider. Ob ich den nächsten Teil lesen werde, behalte ich aber offen. Archers Buch ergibt ein Gesamtbild, stimmt. Dennoch wurde mir etwas zu lapidar mit dem Thema umgegangen, denn es wurde zwar gezeigt, welche Dinge zum Suizid führten, aber kein Ausweg. Für LeserInnen in einer ähnlichen Lage halte ich das für sehr schwierig.

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      1. pimalrquadrat

        Stimmt, einen Ausweg gab es nicht. Was aber vielleicht gar nicht Thema war? Schließlich ergibt sich das aus der Perspektive der Toten, da wäre es vielleicht etwas seltsam, wenn sie einen Ausweg sähe?
        Und an manchen Stellen blitzt für mich durch, dass es Optionen gegeben hätte, aber die Leute drumherum haben es nicht leichter gemacht.
        Aber ja, für jemanden in einer ähnlichen Lage ist das natürlich das falsche Buch. Gar keine Frage. Und der mediale Rummel rund um die Serie machen das nicht besser, ebensowenig wie deren Darstellung, die mal wieder nur auf publicity und Medienrummel aus war.

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      2. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Klar, war es aus der Sicht der Hauptfigur ein unauswegloser Strudel, der sich mir im Buch aber nicht so ganz transportierte. Teilweise hatte ich wirklich den Eindruck, sie hätte etwas an ihrer Situation ändern können. Vielleicht war sie dazu aber psychisch gar nicht in der Lage, was aber nicht so herausgearbeitet wurde, meiner Meinung nach. Naja, du siehst die Meinungen sind generell sehr unterschiedlich, aber den Hype und Erfolg um Buch und Serie hast du auf deiner Seite. 🙂

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      3. pimalrquadrat

        Ach du, ich mag niemanden auf meiner Seitehaben, wenn da mehr als einer ist, ist es mir zu eng. 😀 😉

        Ja, da hast du schon recht, sie hätte was ändern können, und vielleicht kann man das auch problematisieren: Was wären mögliche Auswege und Optionen gewesen?
        Dass ihr psychischer Hintergrund nicht herausgearbeitet wurde, sehe ich auch so. Vielleicht hätte man dafür die Kassetten mehr darüber verraten lassen können, aber dann driftet es vielleicht zu sehr in Langatmigkeit aus, bzw. offenbart, dass sie doch keine Gründe hat? Keine Ahnung, da müsste ich mal ausführlicher drüber nachdenken…

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      4. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Keine Probleme mit Seitenfreiheit, find‘ ich cool 😉 .
        Naja, mein Ding war das Buch nicht, aber wie gesagt, vermutlich hatte sie psychische Probleme, die das Ganze ausweglos erscheinen ließen. Und vermutlich gibt es genug Fälle, in denen die Betroffenen wirklich keinerlei Hilfsangebote erhalten oder erkennen.

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