[Rezension] Margaret Atwood: Der Report der Magd

MagdReport

Gilead ist ein totalitärer und christlich-fundamentalistischer Staat, der nach einem Putsch und dem Zusammenbruch der Regierung, auf dem Gebiet der USA errichtet wurde. Mit dem Sturz der USA fiel auch die Gesellschaftsordnung. Die neue basiert vor allem auf der Entrechtung der Frauen. Sie dürfen kein eigenständiges Leben führen, verfügen über kein eigenes Geld, dürfen nicht lesen und müssen bestimmte Kleidung tragen, die ihre Funktion und Bedeutung innerhalb der Gesellschaft zeigen. Ihr Wert wird in erster Linie über ihre Fruchtbarkeit definiert, denn nach einer Reihe von Umweltkatastrophen ist die zum kostbarsten Gut für Gilead geworden. Sogenannte Mägde müssen hochrangigen Funktionären und ihren Frauen als Leihmütter dienen. Eine von ihnen ist Desfred, die dem Commanders und seiner Frau Serena Joy zugeteilt wurde. Desfred ist nicht ihr richtiger Name, denn eine Magd wird nach dem Mann benannt, dem sie dient. Ein Mal im Monat versucht der sie im Rahmen einer vorgegebenen Zeremonie zu schwängern. Ansonsten darf sie nicht viel mehr tun, als Einkäufe zu erledigen. Doch sie tut mehr. Sie erzählt uns ihre Geschichte.

Der Report der Magd enthält das, was der Titel verspricht: Desfreds Geschichte in ihren eigenen Worten. Sie erzählt vom Alltag der Mägde, ihrem Leben vor Gilead, ihrem Mann Luke, der gemeinsamen Tochter, von ihrer Mutter oder der besten Freundin Moira und wie der gesellschaftliche Wandel einsetzte.
Allerdings kann sie nur das berichten, was sie weiß oder erlebt hat. Ihre Perspektive ist also sehr beschränkt. So erfahren die Leser auch nur das von den übrigen Figuren, was Desfred zu berichten weiß. Außerdem ist sie häufig unsicher, weiß nicht, wie sie andere einschätzen soll und sieht sich einem täglichen Kampf ausgesetzt. Auch das verstärkt die Bindung der Leser zu ihr, denn sie müssen sich gemeinsam in Gilead zurechtfinden.

Eigentlich ist es den Frauen verboten, ihre Gedanken mit jemandem zu teilen. Das System ist völlig auf Angst vor und Misstrauen gegenüber dem Nächsten aufgebaut. Die sogenannten „Augen“ überwachen jeden, „Tanten“ schulen und kontrollieren die Mägde, gehen brutal gegen Regelverstöße vor. Indem Desfred ihre Gedanken einem imaginären Zuhörer mitteilt, begeht sie also grundsätzlich einen Akt des Widerstands. Nach außen mag sie zurückhaltend und passiv wirken, doch das ist allein ihrer Situation und der Welt, in der sie leben muss, geschuldet. Im Inneren ist sie stark und voller Überlebenswillen.

Margaret Atwoods Roman ermöglicht viele Lesearten und bearbeitet zahlreiche Themen. So zeigt sie, wie eine Gruppe Macht erlangen und etablieren kann, welche Mechanismen dem Machterhalt dienen und welche Formen sie annehmen kann. Wie einfach einer bestimmten Gruppe Rechte genommen oder zuerkannt werden können. Atwood macht sie den Zusammenhang zwischen Macht und Sprache deutlich. Einerseits herrscht in Gilead eine neue Sprache. Plötzlich gibt es „Unfrauen“ oder „Econofrauen“. Männer werden nach ihrem Rang benannt, Frauen nach ihrer Funktion. Es wird deutlich, welche Auswirkungen neue Begrifflichkeiten haben und wie sie die Bewertung von Sachverhalten ändern können.
Andererseits nutzt die Protagonistin Sprache, um sich selbst zu ermächtigen. Sie entwickelt eine eigene Stimme. Erzählt ihre und die Geschichte Gileads aus ihrer subjektiven Sicht. Damit entzieht sie sich der Allmacht, die der Staat anstrebt, sowie dessen Deutungshoheit.
Eng verbunden mit der Machtfrage sind die der Freiheit. Wie leicht kann sie verlorengehen? Warum sind Menschen gewillt, ein restriktives System zu tolerieren oder gar zu stützen, selbst wenn sie zu den Unterdrückten zählen? Und wenn sie verloren ist, wie kann Freiheit, wenn auch erst nur in geringem Maße, zurückerobert werden?
Atwood zeigt auch die Kehrseiten unserer Welt auf und wie Gileads Politik solchen Entwicklungen ein Ende setzen will. Stellenweise klingt die Argumentation sogar nachvollziehbar. Doch gleichzeitig wird entlarvt, dass dass alles nur ein Konstrukt ist, das dem eigenen Machtausbau dienen soll. Ein Beispiel hierfür ist das Thema „Vergewaltigung“. Angeblich waren die Freizügigkeit der Frauen und die ständige Verfügbarkeit von Pornos schuld an Vergewaltigungen der Vergangenheit. Dank Gilead wären die Frauen geschützt und würden geehrt. Tatsächlich werden die Mägde jedoch monatlich von ihren Dienstherren vergewaltigt. Außerdem dient der Vorwurf der Vergewaltigung, unliebsame Gegner aus dem Weg zu räumen und ein Exempel zu statuieren.
Dies sind nur die offensichtlichsten Themen, denen sich die Autorin widmet. Es gibt so viel zu entdecken und zu überdenken, dass man noch lange nach dem Lesen Querverbindungen, Symbole und Bedeutungen erkennt.

Ganz sicher lesen Frauen und Männer diesen Roman auf sehr unterschiedliche Weise. In gewissem Maße ist das wohl mehr oder weniger immer so, da jede/r LeserIn unterschiedliche Erfahrungen und Haltungen mitbringt. Doch in diesem besonderen Fall werden Frauen vielfach sehr genau wissen, wovon Desfred spricht. Männer werden hingegen manches vielleicht nicht nachvollziehen können. Doch in jedem Fall provoziert Atwoods Roman die Leser, sich mit Desfreds Schicksal und den Ideen und Strukturen von Gilead auseinanderzusetzen.

Auch wenn die Erzählung zwischen Vergangenheit und Gegenwart springt, ist ihr mühelos zu folgen. Es gibt viele aufreibende und schockierende Szenen, dennoch entsteht der Eindruck, dass Desfred ihre Geschichte unaufgeregt und bedacht erzählt. Schockierende, gewalttätige Szenen werden erstaunlich ruhig und ohne Effekthascherei, aber daher umso effektvoller vermittelt. Einen sehr interessanten Kniff bildet das Ende des Romans. Im Rahmen eines Kongresses doziert ein Historiker über Desfreds Bericht und ordnet ihn in Gileads Geschichte ein. Trotz seiner Kürze bietet der Abschnitt reichlich Stoff zur Diskussion.

Die Atmosphäre des Romans schwankt zwischen Bedrückung, Angst und Ungewissheit. Da sich die Leser wie im Zwiegespräch mit der Protagonistin fühlen und Desfred nur in einem begrenzten Radius bewegen kann, entsteht fast der Eindruck eines Kammerspiels. Die psychische und physische Einengung der Frauen von Gilead wird so spürbar.

Sprachlich wird ein Hochgenuss geboten. Obwohl sie sehr reduziert wirkt (was Desfreds Auftreten entspricht), ist sie voller Sprachbilder und Beschreibungen, die das Wesentliche zu Tage fördern. Die poetisch und gleichzeitig entlarvend sind, die gesellschaftliche und zwischenmenschliche Muster in aller Klarheit aufzeigen.

Margaret Atwood ist mit diesem Roman ein beachtliches Meisterwerk gelungen. Sie vereint ein persönliches Schicksal mit bedeutenden Fragen. Es ist schockierend, dass Der Report der Magd wohl noch lange nicht an Relevanz verlieren wird. Stattdessen hat man das Gefühl, die Themen sind heute aktueller als noch vor wenigen Jahren. Die Zukunftsvision, die Atwood entwickelt, scheint nicht abwegig zu sein, was sie umso erschreckender anmuten lässt. Trotz der bedeutungsvollen Themen rüttelt Desfreds Geschichte auch emotional auf. Man kann sich nur schwer von ihr lösen und möchte unbedingt sichergehen, dass es der Freundin nach der letzten Seite gutgehen wird. Der Report der Magd kriecht einem unter die Haut und arbeitet dort sich noch eine Weile.

5/5 Schreibmaschinen (obwohl 10 angebracht wären, doch so weit reicht die Skala nicht)

5Writer

Aktuelle Ausgabe: Margaret Atwood, Der Report der Magd, Piper 2017.

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18 Gedanken zu „[Rezension] Margaret Atwood: Der Report der Magd

  1. flightattendantlovesmovies

    Sehr schön und verständlich (ich glaube auch für diejenigen, die weder das Buch noch die Serie kennen) geschrieben. 🙂

    Margaret Atwood hat den Roman ja in den 1980er Jahren geschrieben. Ich kann mir vorstellen, dass ihre Zukunftsvisionen sich seinerzeit noch nicht ganz so erschreckend und „möglich“ anfühlten, wie in der heutigen Zeit.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Vielen Dank, für diejenigen war sie auch erstmal gedacht. Aber da kommt noch mehr. Ich werde noch mindestens einen Artikel zu „Der Report der Magd“ schreiben.

      Das denke ich auch. Damals waren vermutlich andere Dinge, z.B. der Kalte Krieg, drängender. Aber anscheinend sind die behandelten Themen irgendwie immer relevant. Was ich noch einen erstaunlichen „Funfact“ fand, ist dass Atwood den Roman zum Teil in Berlin geschrieben hat. Vermutlich hat sie in der deutschen Geschichte einige „Inspiration“ gefunden.

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      Antwort
      1. flightattendantlovesmovies

        Auf Deine Artikel freue ich mich schon. 🙂

        Hatte ich damals auch gelesen, dass sie den Roman teilweise in Berlin geschrieben hat (wollte ich eigentlich auch in meinem Beitrag zur Serie schreiben, habe aber eh schon viel zu viel geschrieben und darüber wohl vergessen).

        Klar, sind die Themen immer relevant, aber die Serie beispielsweise passt so perfekt zu dem was im letzten Jahr alles aufgedeckt wurde und jetzt mit dem öffentlichen Anprangern von Sexismus und Ungleichbehandlung, auch gerade unter diesem U.S.-Präsidenten.

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      2. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Die Rezension ist ja auch echt lang ausgefallen, aber wie soll man sich bei da kurzhalten 😉 ? Und da es noch so viel zu sagen gibt, werde ich das auch demnächst tun 🙂 .

        Buch und Serie sind wirklich erschreckend aktuell. Meetoo, Trump etc. sind aber irgendwie nur Symptome viel tieferliegender Grundprobleme, denke ich, und die gibt es vermutlich schon seit einer Ewigkeit. Mal mehr, mal weniger virulent, aber vorhanden.

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      3. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Ich hoffe, dass die Bewegung etwas bringt, aber „Hauruckverfahren“ könnten kontraproduktiv sein. Meiner Meinung nach müssten die Männer untereinander kapieren, dass sie sich nicht als tolle Hechte fühlen sollten oder noch gegenseitig in einer Gruppe anstacheln, wenn einer von ihnen eine Frau belästigt oder Schlimmeres. Natürlich sind nicht alle so (muss man ja immer dazu sagen), aber die müssen sich mehr durchsetzen.

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      4. flightattendantlovesmovies

        Gut, aber besser als weiterhin nichts sagen und alles hinzunehmen.

        Ich glaube, die Frauen (zumindest erst mal in Hollywood und der amerikanischen Entertainment-Branche) fühlen sich jetzt gestärkter. Wenn dort ein Bewusstsein geschaffen wird, lässt sich das weltweit auch nicht mehr aufhalten (schon alleine durch die sozialen Medien). Bei den Globes hat man ja ganz gut gesehen, dass viele Männer auch gewillt sind, die Täter unter ihnen und die ganze Ungleichbehandlung anzuprangern. Ich finde es absolut faszinierend, was gerade passiert.

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      5. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Natürlich, das muss man ja nicht extra erwähnen, oder 😉 ? Die Entwicklung ist sehr gut und was da ins Rollen kommt, lässt sich sicher nicht mehr aufhalten. Allerdings sind solche Aktionen wie die französischer Frauen (z.B. C. Deneuve) da echt unverständlich. Die kapieren oder wollen nicht verstehen, dass das Ganze nichts mit Flirten zu tun hat, sondern ganz klar eine Machtausübung ist. Naja, dumme Leute finden sich überall 🙂 .

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      6. flightattendantlovesmovies

        Na scheinbar schon. Eine Gesellschaft (die der Männer, in dem Fall) ändert sich ja meist nur von innen heraus.

        Ja, unglaublich was die Deneuve gesagt hat. Ich finde aber, dass man aufpassen muss und Flirtereien oder vielleicht unpassende Frotzeleien (wie von einigen Damen in den U.S.A. auch angeprangert wurden) nicht mit tatsächlicher sexueller Belästigung und Vergewaltigung gleichgesetzt. Das zieht die eigentliche Bewegung etwas ins Lächerliche.

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      7. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Echt, man muss extra erwähnen, dass ein Wandel besser ist, als zu schweigen und so weiterzumachen?

        Ich glaube (hoffe), dass die Mehrzahl Flirten und sexuelle Nötigung und Schlimmeres nicht gleichsetzt. Es gibt auch einen Unterschied zwischen „unpassenden Frotzeleien“ und verbalen Angriffen. Ich bin mir nicht sicher, ob manche Leute tatsächlich nicht wissen, wo jeweils die Grenze verläuft oder ob sie die einfach gezielt überschreiten. Schwierig festzustellen. Vielleicht bedarf es einer längeren „Übergangsphase“, endlich klarzumachen, wo die Grenzen zu ziehen sind, ohne es in die ein oder andere Richtung zu übertreiben.

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