[Rezension] Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

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Tao arbeitet auf einer Obstplantage. Tagein tagaus klettert sie in den Bäumen herum und bestäubt die Blüten von Hand. Es ist eine sehr anstrengende Arbeit. Selten haben die Arbeiter einen freien Tag. Doch seit die Bienen verschwunden sind, existiert keine andere Möglichkeit, um Ernten einbringen zu können.

George besitzt mehrere Bienenvölker. Er hofft, dass sein Sohn Tom einmal den Betrieb übernehmen wird, doch der möchte Journalist werden. In die Sorge um seine Nachfolge mischt sich die Nachricht, dass eine Krankheit die Bienen bedroht. Tatsächlich bleiben seine Völker nicht verschont.

Ursprünglich hat William Biologie studiert und sein Professor setzte große Hoffnungen in ihn. Doch dann heiratete er und ein Kind nach dem anderen wurde geboren. William gab seinen Traum auf und verdiente den Unterhalt als Saatguthändler. Als sein Professor ihm das vor Augen führt, stürzt William in eine tiefe Depression. Erst die Beschäftigung mit den Bienen hilft ihm, sich daraus zu befreien und voller Zuversicht in die Zukunft zu sehen. Doch auch dieser Weg birgt Rückschläge.

Die Geschichte der Bienen umfasst drei Erzähler, drei Handlungsstränge, drei alternierende Zeitebenen. Es wird lediglich nebenbei erwähnt, in welcher Zeit sie angesiedelt sind. Tao befindet sich etwa 80 Jahre in der Zukunft, Georges Geschichte spielt um das Jahr 2007 und Williams um 1850.

Es dauert eine Weile, sich mit der etwas hölzernen Erzählweise und dem gemächlichen Tempo anzufreunden. Irgendwann tritt aber ein Gewöhnungseffekt ein, der schließlich sogar positiv wirkt. Es entfaltet sich eine ruhige, gleichmütige Atmosphäre. Dieselben Eigenschaften treffen auf die Spannungsbögen zu, die weder große Überraschungen bergen noch besonders aufregend ausfallen. Das Maja Lunde aber auch nie behauptet hat, einen Thriller abgeliefert zu haben, ist das völlig in Ordnung und passt zum Gesamtkonzept. Der Sprachstil der drei Handlungsstränge, die aus Wills, Georges und Taos Perspektive erzählt werden, variiert nur wenig und ist leicht verständlich.

Die schnellen Wechsel zwischen den Protagonistin bauen die nötige Spannung auf, die zum Weiterlesen animiert. Auch die Neugier auf den Kern jeder einzelnen Geschichte hält dazu an.  Allerdings stellt sich irgendwann die Frage, welche Funktion manche Szene hat und ob sie wirklich relevant für das große Ganze ist. Das trifft besonders auf Williams Geschichte zu. Zudem ist seine Besessenheit sowohl mit Professor Rahm als auch mit seinem Sohn nicht ganz nachvollziehbar und mitunter nervig.

Auf der einen Seite sind einige Ereignisse ziemlich vorhersehbar und die meisten Erklärungen enttäuschend naheliegend. Anderes wird wiederum nicht ausreichend erörtert. Die betrifft vor allem Taos Schicksal. Wie düster die Zukunft ohne Bienen sein würde, vermittelt es hingegen eindrücklich und bedrückend.
Entschädigt werden die Leser andererseits durch das Gesamtkonzept. Wie die einzelnen Schicksale miteinander verbunden sind, wird erst spät offenbart und überrascht positiv. Auch die Botschaften, die der Roman vermittelt, überzeugen auf ganzer Linie. Sie sind es, die nachwirken und zu weiteren Gedanken anregen. Der Überbau und die Botschaften bilden folglich den eigentliche Kern der Geschichte. Trotz des düsteren Themas und vieler deprimierender Aspekte findet ihr Roman einen hoffnungsvollen Abschluss. Der leidet zwar auch unter mangelnder Glaubwürdigkeit, gibt den Lesern aber wenigstens noch ein gutes Gefühl mit auf den Weg.

Die Geschichte der Bienen ist eigentlich die Geschichte der Menschen. Denn die Bienen und ihr Verschwinden beeinflussen persönliche Schicksale genauso wie die Existenz der Menschheit. Das zeigt Maja Lunde auf besondere Weise und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema. Gerne hätten allerdings noch mehr Informationen über die gelb-schwarzen Honigsammler einfließen dürfen. Auch wenn der Roman in Teilen vorhersehbar und sogar langmütig ausfällt, überzeugt er im Großen.

4/5 Schreibmaschinen (kratzt an der Grenze zu 3)

4Tickets

Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen, btb Verlag 2017.

2 Gedanken zu „[Rezension] Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen

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