Wir müssen reden über „Der Report der Magd“ (Roman)

MagdReport

Es ist schon knapp einen Monat her, dass ich Margaret Atwoods Roman gelesen habe, nachdem ich zuvor schon die Serie geschaut hatte. Nichtsdestotrotz arbeiten viele Aspekte der Geschichte weiter in mir und ich denke immer noch darüber nach. Die nachhaltigsten möchte ich heute mit Euch teilen.

Die Autorin spricht in ihrem Werk viele Aspekte an, die überaus nachdenkenswert sind. Ich denke, dass es sich nicht um einen Zufall handelt, dass der Roman derzeit eine ungeahnte Renaissance erlebt. Die angesprochenen Themen sind zwar immer aktuell gewesen, aber heute drängen sich Parallelen oder drohende Gefahren wieder stärker auf, weil sie so realistisch erscheinen. Weil unsere Gesellschaft in die gezeigte Richtung tatsächlich abdriften könnte. Gleichzeitig zeigt das Comeback des Romans, dass es viele Menschen gibt, die sich dessen bewusst sind.

Zum einen finde ich es sehr eindrucksvoll, wie Atwood ihren Lesern die Formen und Mechanismen von Unterdrückung sowie deren Etablierung auseinandersetzt.

Eine der Säulen, auf die das Regime von Gilead hierbei baut, ist die Sprache. So hat es einerseits eine eigene Ausdrucksform entwickelt. Neue Begriffe wie „Unfrauen“ wurden geschaffen, andere umgedeutet (Magd, Tante). Männer werden nach Rang, Frauen nach ihrer Funktion benannt. Andererseits wird Kommunikation, also sprachlicher Austausch, eingeschränkt. Der Staat tut alles dafür, das Misstrauen zwischen den Menschen zu schüren. Offred kann ihre Gedanken mit niemandem teilen. Dennoch entschließt sie sich dazu, einen Bericht zu verfassen. Damit stellt sie sich gegen das Regime, ermächtigt sich selbst, findet ihre eigene Stimme. Der Bericht wird zum Akt des Widerstands. Sprache kann sowohl Freiheit als auch Repression bedeuten. Atwood ruft ihre Leser also indirekt dazu auf, gängige Sprachmuster zu hinterfragen und andererseits die eigenen Ansichten und Gefühle zu verbalisieren. Mir fällt z.B. seit geraumer Zeit auf, dass der Begriff „die kleinen Leute“ oder auch „die einfachen Leute“. Das ist mittlerweile wieder ein dermaßen geläufiger Ausdruck geworden und wird von vielen gedankenlos benutzt. Oder warum wird vom „Rand der Gesellschaft“ gesprochen. Jeder einzelne Einwohner ist Teil der Gesellschaft. Wer bestimmt, was Rand ist, was die Mitte? Wir sind alle die Gesellschaft. Das alles spiegelt meiner Meinung nach Strömungen und Einstellungen unserer Gesellschaft, die mir persönlich zu denken geben.

Der Report der Magd verdeutlicht aber andererseits auch, wie Menschen unter einem totalitären Regime agieren. An der Spitze stehen die, die das System kontrollieren und die Macht ausüben. Die, denen das System vor allen anderen nützt. Der Kommandant und seine Frau gehören zu den einflussreichen Nutznießern. Allerdings zeigt ihr Beispiel selbst, dass sie dafür einen Preis zahlen. Serena-Joy darf zwar keine herausragende öffentliche Rolle mehr in der männerdominierten Welt von Gilead spielen. Das für kompensiert sie, indem sie sich in ihrem Haus einen eigenen Machtbereich schafft und Offred schikaniert.
Die Tanten und die Augen unterstützen das System, sind willige Helfershelfer, Mitläufer. Kein totalitäres Regime kommt ohne sie aus. Man wundert sich einerseits darüber, dass Frauen wie Tante Lydia ungeachtet der Tatsache mitmachen, dass sich das Regime gegen ihr eigenes Geschlecht richtet. Doch wie Atwood treffend feststellt, muss man den Menschen wohl nur etwas Freiheit oder Macht zugestehen, um sie zufriedenzustellen. So lange sie über jemanden herrschen dürfen, jemand noch weniger Freiheiten hat, so lange funktionieren sie. Selbst Offred ist hierfür ein Beispiel, denn als sie eine engere Beziehung zu Nick aufbaut, erträgt sie die generelle Unterdrückung etwas leichter.
Moira ist schließlich ein Beispiel für eine Frau, die Widerstand leistet und sich auflehnt. Allerdings kommt sie damit nicht weit und nimmt einen sehr negativen Weg. Auf Offred muss ihr Beispiel abschreckend wirken, in dessen Licht die eigene Situation sogar akzeptabel erscheinen mag. Moiras Schicksal vermittelt außerdem den Eindruck, dass Gilead allmächtig ist und Auflehnung unmöglich.
Atwood hat das System von Gilead meisterlich konstruiert. Es hat mich sehr beeindruckt, wie sie herausarbeitet, welche Rädchen ineinandergreifen.

Erschreckend fand ich auch, wie die Frauen nach ihrem vermeintlichen Wert eingeteilt werden. Der orientiert sich allein an ihrer Funktion, die ihnen von Gilead vorgegeben wird. Ehefrauen kümmern sich um ihre Familie und den Haushalt, Mägde sollen für Nachwuchs sorgen, Marthas arbeiten als Haushälterinnen, Tanten drillen die Mägde für ihre zukünftige Aufgaben. Die Frauen wurden aus ihren Berufen verdrängt. Sie können nicht mehr wählen, welchen Weg sie einschlagen möchten. Nicht einmal lesen dürfen sie mehr. Das schmerzt ein Bücherwurmherz wie meins natürlich besonders. Aber wer liest kann, kann sich Wissen aneignen. Wer über Wissen verfügt, entwickelt möglicherweise eigene Ideen. Ideen können zu Taten führen. Doch jeder soll sich in seine vorgegebene Rolle einfügen und sie nicht hinterfragen. Geschieht das nicht freiwillig, wird eben Gewalt angewendet. Die ständige Gefahr, bestraft oder sogar getötet zu werden, ist auch für den Leser permanent spürbar.

Die Frauen werden außerdem gekennzeichnet. Statt durch aufgenähte Sterne geschieht es durch eine bestimmte Kleiderordnung. Ehefrauen tragen beispielsweise blaue Kleider, Mägde rote Hauben. Die Farbe Rot ist natürlich nicht zufällig gewählt, sondern spielt auf die Fruchtbarkeit ihrer Trägerinnen an. Sie tragen diese quasi vor sich her. Fremde erfahren zuerst von ihrem körperlichen Zustand. Außerdem ist die Haube so geschnitten, dass sie das Gesicht der Frauen abschirmt. Man kann ihnen keine verstohlenen, geheimen Blicke zuwerfen, weil man ihr Gesicht nur frontal sehen kann. Umgekehrt wird ihre Sicht eingeschränkt und damit ihr Aktionskreis.

Alles in allem werden Frauen also völlig auf ihre Gebärfähigkeit reduziert. Sind sie fruchtbar, werden sie gezwungen, zu gebären. Es gibt keinen Entscheidungsspielraum. Zwar werden Frauen in unserer Gesellschaft nicht dazu gezwungen, doch es herrscht ein subtiler Druck, sich fortzupflanzen. Warum sonst gibt es staatliche Förderprogramme und Zuschüsse? Warum werden regelmäßig Statistiken veröffentlicht, wie stark die Geburtenrate gestiegen oder gesunken ist? Wie häufig werden Frauen gefragt, wann sie denn endlich heiraten und Kinder kriegen werden? Und wie sieht es erst in muslimischen Familien und Staaten aus? Hier stellt sich die Frage häufig gar nicht, wie sie dazu stehen oder ob sie einen anderen Weg gehen möchte, als den der Ehefrau und Mutter. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das auch in der westlichen Welt noch der vorbestimmte Weg, den Frauen einzuschlagen hatten. Atwood überspitzt solche Entwicklungen natürlich, aber gerade dadurch macht sie sie in unserer Gesellschaft sichtbar. Und das sehr eindrucksvoll, wie ich finde.

Okay, das klingt jetzt natürlich alles sehr theoretisch. Im Roman ist es alles andere als das. Es wirkt erschreckend realistisch und klaustrophobisch. Man identifiziert sich völlig mit Offred und ist an ihrer Seite. Die allgegenwärtige und unerschütterlich wirkende Macht des totalitären Staates wird so greifbar, dass man Offreds Gefühle nur allzu gut nachvollziehen kann. Ebenso wie sie kann man kaum an einen guten Ausgang der Geschichte glauben.

Am Ende des Romans folgt der Bericht einer wissenschaftlichen Tagung und ein Vortrag, der innerhalb dieses Rahmens gehalten wurde. Zuerst fällt auf, dass Wissenschaftler mit indianisch klingenden Namen über Gilead dozieren. Ich schätze, dass soll ein ironischer Seitenhieb darauf sein, dass sonst westliche Wissenschaftler indigene Völker untersuchen und an ihren Maßstäben messen. Früher natürlich noch stärker als heutzutage. Die Geschichte Gilead und Offreds Schicksal werden beleuchtet und dem Leser zusätzliche Informationen gegeben. Gilead existiert nicht mehr und die Wissenschaftler sprechen kühl und distanziert über seine Strukturen. Das steht in totalem Kontrast zu Offreds Bericht und wirkt damit wie eine kalte Dusche auf die Leser. Während ihre Erzählung emotionalisiert und die Ausweglosigkeit ihrer Situation total nachvollzogen wird, zeigt der Bericht Gilead „nur“ als geschichtliche Episode, die überwunden zu sein scheint. Ich habe auch das als Seitenhieb verstanden und zwar auf den Nationalsozialismus. Auch wir behandeln diese Zeitspanne als eine zurückliegende Episode. Für diejenigen, die während der Zeit verfolgt wurden, war das System jedoch allumfassend. Sie konnten nicht wissen, ob es je vorübergehen würde oder ob sie es überstehen könnten. Selbst nach dem Ende des Regimes mussten sie tagtäglich mit psychischen und physischen Folgen fertigwerden.

Hier möchte ich meine Überlegungen zu Der Report der Magd vorerst schließen. Ihr konntet sehen, wie sehr mich die Geschichte bewegt. Deshalb wird es noch einen weiteren Artikel geben, in dem ich den Roman und die Serie vergleichen möchte.

14 Gedanken zu „Wir müssen reden über „Der Report der Magd“ (Roman)

  1. rina.p

    Ein sehr bewegender Beitrag. Ich spüre Deine Zerissenheit, obwohl ich bisher noch keines der Medien zu mir genommen habe. Die Serie ist auf jeden Fall dieses Jahr geplant – mal sehen ob das Buch auch noch dran kommt.

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  2. flightattendantlovesmovies

    Der Roman ist anscheinend tatsächlich zeitgeistig und zugleich ein Roman, der (leider) immer zeitgemäß sein wird. So etwas gelingt den wenigsten Autoren und dabei ist er in den 1980er Jahren geschrieben. Toll. Hat Dich eigentlich das Buch oder der Roman mehr mitgenommen oder kannst Du das gar nicht mehr auseinanderhalten?

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Erstaunt war ich auch, dass Atwood ihn teilweise während eines geförderten Aufenthalts in Berlin geschrieben hat. Hat sie vielleicht beeinflusst…?
      Mehr beeindruckt hat mich vermutlich die Serie, einfach weil ich sie als erstes gesehen habe. Ich kannte nur die Prämisse und alles andere war mehr oder weniger neu. Natürlich wirken Szenen da viel stärker als wenn man quasi schon weiß, dass dieses oder jenes passieren wird. ABER, der Roman hat mich noch einmal auf eine ganz eigene Art beeindruckt. Seine Atmosphäre ist noch intensiver und es gibt doch Szenen, die sich von der Serie unterscheiden.

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      1. flightattendantlovesmovies

        Ich kann natürlich nur für die Serie sprechen, aber die Handlung ist halt erschreckend vorstellbar und bringt einen recht schnell in die Atmosphäre der Angst. Ich kann mir vorstellen, dass der Roman noch viel detaillierter beschrieben ist. Auch aus Zeitgründen werde ich wahrscheinlich den Roman erst mal nicht lesen, aber auch, weil ich mich sehr schwer getan habe, die Serie 2x zu schauen. Bis heute geht mir die Serie auch nicht aus dem Kopf. Letztens habe ich erst den Trailer zur zweiten Staffel gesehen – ich hoffe inständig, dass sie die Genialität der ersten Staffel nicht zerstören. Mein Anspruch ist da sehr hoch.

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      2. Bette Davis left the Bookshop Autor

        In Bezug auf die Serie gebe ich dir absolut recht. E. Moss ist wahnsinnig authentisch und auch A. Bledel hat mich emotional mitgenommen. Eine wirklich tolle Serie, die dem Roman treu bleibt. Eigentlich wollte ich sie auch ein weiteres Mal sehen, konnte mich aber noch nicht überwinden. Allerdings ist der Roman noch eine Ecke düsterer und aussichtsloser (auch wenn man das kaum glauben mag). Ich werde in dem versprochenen Artikel näher darauf eingehen.

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      3. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Vielen Dank übrigens für den Hinweise auf den Trailer. Wusste gar nicht, dass es den schon gibt. Hoffe auch, dass sie nicht zu sehr auf Abwege geraten werden, denn die Handlung des Romans wurde ja bereits verarbeitet und sie müssen sich Neues einfallen lassen.

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      4. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Nein, dass muss sie nicht und kann sie ja nun wie gesagt auch nicht mehr. Genau deshalb hoffe ich, dass sie dem Werk trotzdem treubleibt. Ja, die erste Staffel ist wirklich perfekt und es wird schon deshalb schwer sein, daran anzuknüpfen. Ich denke aber, dass Margaret Atwood sicher involviert bleiben wird und darauf achtet, dass die Geschichte in ihrem Sinne weitergeht.

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