[Filmkritik] Netflix: To The Bone

To the Bone

Ellen (Lily Collins) ist zwanzig Jahre alt, Teil einer Patchworkfamilie, kann sehr gut zeichnen. Aber ihr Leben wird von der Magersucht bestimmt und bedroht. Ihr Vater ist zu beschäftigt, um sich um seine Tochter zu kümmern, ihre Mutter ist mit ihrer Lebensgefährtin fortgezogen. Obwohl ihre Stiefmutter Susan (Carrie Preston) und ihre Schwester Kelly (Liana Liberato) Ellen zur Seite stehen, können sie ihr doch nicht helfen. Nachdem sie wieder einmal eine Therapie abgebrochen hat, organisiert Susan einen Platz in der Wohngruppe des angesehenen Spezialisten Dr. Beckham. Allen ist klar, dass es Ellens letzte Chance ist, gesund zu werden.

Vorbemerkung: Die Kritik erfolgt aus Sicht eines völligen Laien. Betroffene haben mit Sicherheit einen anderen Blick auf den Film.

Ellen steht klar im Mittelpunkt der Handlung. Dennoch werden die Auswirkungen ihrer Krankheit auf die Familie ebenso klar herausgearbeitet wie ihre eigenen Ängste und Probleme. Auf den ersten Blick wirkt es, als kümmerten sich ihre Eltern nicht um sie. Doch später wird klar, dass Ellen eine Zeitlang bei ihrer Mutter gelebt hat. Irgendwann konnte die aber das Leiden ihrer Tochter und die eigene Hilflosigkeit nicht mehr ertragen. Dass der Vater ständig arbeitet und seiner Familie keine Aufmerksamkeit schenkt, wirkt hingegen klischeehaft. Stiefmutter Susan ist die Einzige, die versucht, Ellen beizustehen, wenn auch auf unzulängliche Weise. Kelly hingegen leidet darunter, immer im Schatten ihrer Schwester bzw. deren Gesundheitszustand zu sein. Trotzdem unterstützt sie sie. In jedem Fall wird klar, wie nervenaufreibend die Situation für Magersüchtige und ihre Familien ist.

Ein bisschen ärgerlich ist, dass mal wieder das Klischee des gestörten Scheidungskindes bedient wird. Dass Ellens Zeichnungen ein anderes Mädchen dermaßen beeinflusst haben sollen, dass diese Selbstmord beging, wird als weiterer Grund für die Schwierigkeiten, ihre Krankheit zu überwinden, angeführt. So verständlich ihre Reaktion darauf ist, so abgehoben wirkt die Geschichte. So eine Art Problem betrifft jawohl nicht viele Magersüchtige. Es wird also kaum ernsthaft darauf eingegangen, warum jemand eine Magersucht entwickelt. Welche Erlebnisse, familiären Strukturen oder psychischen Voraussetzungen können dazu führen?

Mittels der anderen Bewohner der betreuten Wohngruppe werden weitere Varianten von Essstörungen und die Ängste der Betroffenen dargestellt. Auch die negativen Begleiterscheinungen wie das Ausbleiben der Periode oder vermehrter Haarwuchs werden gezeigt. Zum Einen kann es positiv gesehen werden, dass auf aggressive Schockbilder verzichtet wird. Andererseits wirkt es etwas oberflächlich, wenn sich die Darstellung auf dünne Personen in viel zu weiter Kleidung, das Hin- und Herschieben des Essens auf den Tellern oder es in Servietten zu spucken reduziert. Außer Tänzer Luke, der sich schnell als Fan von Ellens Bildern zeigt, bleiben die übrigen Bewohnerinnen leider nur Randerscheinungen. Es wäre schön gewesen, wenn Ellens wachsende Bindung zur Gruppe stärker nachgezeichnet worden wäre.

Beckhams „ungewöhnlichen Methoden“ werden ebenfalls nachlässig behandelt. Sie scheinen sich darauf zu beschränken, seine Schützlinge in einer Wohngruppe unterzubringen, ein Punktesystem für positives Verhalten einzuführen, sie im Regen tanzen zu lassen oder ihnen vorzuschlagen, sich neue Namen zu geben. Wirklich nachvollziehbar ist nicht, warum ausgerechnet seine Vorgehensweisen durchschlagende Erfolge bringen soll. Schlussendlich ist es tatsächlich eine Art „Erweckungserlebnis“, dem eine etwas merkwürdige therapeutische Übung mit ihrer Mutter vorangeht, die bei Ellen einen Sinneswandel herbeiführt. Beckhams Methoden scheinen dabei keine größere Rolle mehr zu spielen. Außerdem wirkt das alles sehr pathetisch, fast albern und leider auch  unglaubwürdig. Nicht jede Magersüchtige kann sich in die Wildnis zurückziehen…

Regisseurin Marti Noxon und Lily Collins, die auch das Drehbuch schrieb, haben selbst mal unter Magersucht gelitten. Entsprechend sensibel wird mit dem Thema umgegangen. Beide konnte auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und hatten mit Sicherheit genaue Vorstellungen davon, was sie wie über Essstörungen mitteilen wollten. Die eigenen Erfahrungen haben Lily Collins sicher „geholfen“, ihre Rolle so authentisch zu gestalten. Andererseits war es für sie vermutlich nicht leicht, sich mit der eigenen Krankheit zu konfrontieren. Es ehrt sie, dass sie sich dennoch der Aufgabe gestellt hat, aber es verwundert auch, dass sie sich kein realistischeres Ende der Geschichte ausdenken konnte.

Die übrigen Darsteller machen ihre Sache gut, werden aber kaum gefordert. Weniger Konzentration auf Ellen hätte da sicher gutgetan. Wenn Keanu Reeves auch angenehm zurückhaltend spielt und überzeugend den vertrauenswürdigen Arzt mimt, hätte es der Dynamik des Films doch gutgetan, wenn es stärkere Konfrontationen mit Ellen gegeben hätte. So hätte ihr Charakter mehr Tiefe erhalten und die Gründe für die Krankheit hätten besser erklärt werden können.

Insgesamt strotzt To The Bone vor guten Absichten und Ansätzen. Letztlich bleibt es hinter den eigenen Ansprüchen weit zurück, woran auch die guten Schauspieler nichts ändern können.

6/10 Tickets

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2 Gedanken zu „[Filmkritik] Netflix: To The Bone

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