[Serienkritik] Netflix: Alias Grace

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Mit sechzehn wurde das irische Dienstmädchen Grace Marks (Sarah Gadon) schuldig gesprochen, gemeinsam mit dem Stallburschen ihren Herrn Kinnear (Paul Goss) und dessen Haushälterin (Anna Paquin) brutal ermordet zu haben. Im Prozess gab es widersprüchliche Aussagen, Grace behauptete, sich an vieles nicht erinnern zu können. Während ihr vermeintlicher Komplize schließlich hingerichtet wurde, wurde Graces Urteil in eine lebenslängliche Haftstrafe abgeändert.
Zehn Jahre hat die junge Frau nun verbüßt und darf das Gefängnis sogar verlassen, um als Hausmädchen in einem örtlichen Haushalt zu arbeiten. Sie ist sanft, still und fleißig. Und es gibt Menschen, die überzeugt sind, dass die junge Frau unmöglich an einem so grausamen Verbrechen beteiligt gewesen sein kann. Um Argumente für ein Gnadengesuch zu sammeln, wird der Seelenarzt Dr. Simon Jordan (Edward Holcroft) engagiert. Er soll die Delinquentin befragen und herausfinden, was 1843 wirklich geschah. Ist Grace tatsächlich unschuldig, wurde sie vom Stallburschen zur Tat verführt oder hat sie den Mord sogar heimtückisch geplant?

Die sechsteilige Miniserie adaptiert Margret Atwoods gleichnamigen Roman, der die wahre Geschichte der Grace Marks literarisch verarbeitet. Während die Protagonistin also ein reales Vorbild hat, ist ihr Zusammentreffen mit Dr. Jordan fiktiv. Die Geschichte überzeugt in fast allen Bereichen. Lediglich Jordans Schicksal nachdem er die Arbeit mit Grace abgeschlossen hat, wirkt nicht ganz schlüssig und deprimiert.

Jordan bietet Grace das erste Mal die Möglichkeit, ihre Geschichte in einem geschützten Raum zu erzählen. In Rückblenden erfahren die Zuschauer von ihrer schweren Kindheit, der Freundschaft mit dem Dienstmädchen Mary und der Zeit bei Kinnear. Immer steht die Frage im Raum, wie es zu der grausigen Tat gekommen ist. Wie sieht Graces Anteil daran aus? Ist sie zu solch einer Tat wirklich fähig?
Verunsichert werden die Zuschauer, weil die Prozessakten und Zeitungen ein ganz anderes Bild von der Verurteilten und den damaligen Geschehnissen zeichnen. Genauso wie Dr. Jordan möchten sie der jungen Frau glauben, werden aber durch Ungereimtheiten immer wieder verunsichert. Grace selbst befeuert das Misstrauen, wenn sie sich z.B. fragt, ob sie Jordan lediglich das erzählen soll, was er hören möchte.

In Alias Grace dreht sich alles um die Wahrheit. Wer kennt sie? Gibt es überhaupt die einzig gültige? Gibt es Gründe, sie zu verändern oder anderen eine Wahrheit vorzugaukeln, die nur teilweise stimmt? Was hat es mit Erinnerungen auf sich? Ist wirklich alles so geschehen, wie man sich daran erinnert? Können Erinnerungen beeinflusst werden, ohne das man es merkt? Feministische Fragen durchziehen ebenfalls die Serie. Auf jeden Fall erhalten die Zuschauer  viel Material, um sich den Kopf zu zerbrechen.

Die visuelle Umsetzung ist sehr ansprechend gestaltet und die Zuschauer können sich völlig in die damalige Zeit hineinfallen lassen. Alias Grace ist eine realistische Kostümverfilmung, die sich nicht allein in schönen Bildern oder zuckrigen Momenten verliert. Das harte Leben, das Hausangestellte führen mussten und dem sie niemals entkommen konnten, wird sehr eindrücklich vermittelt. So werden den diversen Hausarbeiten immer wieder lange Szene gewidmet. Die „speziellen Anforderungen“, die an weibliche Angestellte gestellt wurden, werden ebenfalls nicht ausgespart. Es tauchen nicht nur in dem Zusammenhang sehr drastische Szenen auf, die die unvorbereiteten Zuschauer schon schockieren können. Die Intensität der Serie führt dazu, dass man selten mehr als zwei Episoden am Stück sehen kann. Es braucht erst ein bisschen Verdauungszeit bis man fortfahren kann.

Das Erzähltempo ist sehr gemächlich. Lange Einstellungen und Großaufnahmen wirken teilweise fast meditativ. Dennoch langweilt die Serie an keiner Stelle. Vielmehr entsteht dadurch sowie durch Graces Erzählung eine fast meditative Stimmung. Letztere ist das Highlight der Inszenierung. Ihr sprachlicher Ausdruck (immer auf die OT-Version bezogen) ist faszinierend, einnehmend und suggestiv. Die Worte sind präzise gesetzt, die Formulierungen eindrucksvoll und alles zusammen bezaubernd. Man möchte ihr immer weiter und weiter zuhören. Aber auch sonst ist die Serie sprachlich ein Hochgenuss.

Es brauchte die richtige Besetzung, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Sarah Gadon ist die perfekte Wahl gewesen. Sie überstrahlt alles und jeden. Der ambivalente Charakter von Grace wird von ihr absolut glaubwürdig dargestellt. Ist sie in der einen Szene verletzlich und erweckt Mitleid, wirkt Grace in der nächsten berechnend und undurchschaubar. Ihr Darstellung pendelt zwischen Zurückhaltung und Intensität. Gadon spielt genauso gekonnt mit den Zuschauern wie ihre Figur es mit dem Seelendoktor zu tun scheint. Der wird ebenfalls sehr stimmig von Edward Holcroft dargestellt. Obwohl der Arzt eine sehr zurückhaltende Art hat, wird die wachsende Zuneigung zu seiner Patientin in kleinsten Gesten erkennbar. Auch die übrige Besetzung wurde passend gewählt und spielt sehr authentisch. Da der Fokus auf Grace liegt und in zweiter Linie auf ihrer Beziehung zu Jordan, erhalten die anderen Figuren naturgemäß weniger Aufmerksamkeit und damit die Möglichkeit, aufzufallen.

Quilts sind allgegenwärtig in der Miniserie. Grace näht während ihrer Sitzungen mit Dr. Jordan an einem, sie erklärt ihm die Bedeutung der Muster und die Decken tauchen in Graces Erinnerungen auf. Genauso wie die Quilts aus unzähligen Stoffteilen besteht, setzen sich die Persönlichkeit der Hauptfigur und ihre Geschichte aus unterschiedlichen Quellen wie ein Mosaik zusammen. Der Zuschauer und Jordan versuchen aus all dem ein stimmiges Bild zusammenzufügen. Doch Atwood serviert keine fertigen Antworten, keine einfachen Lösungen. All das ist überaus kunstvoll umgesetzt. Je mehr Puzzlestücke es gibt, umso undurchsichtiger wird die Geschichte. Was und wem die Zuschauer schließlich glauben wollen, bleibt ihnen überlassen. Alias Grace ist ein Gesamtkunstwerk, das inhaltlich, visuell und vor allem sprachlich begeistert.

P.S. Wie in The Handmaid’s Tale hat Margaret Atwood auch in Alias Grace einen Cameo-Auftritt.

9/10 Tickets

9Tickets

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