Wir müssen reden über: die Serie Liar

Dieser Artikel dreht sich um die britische Miniserie Liar. Es handelt sich aber nicht um eine bloße Serienkritik, da Details diskutiert werden und darum SPOILER unumgänglich sein werden!

Lehrerin Laura Nielson (Joanne Froggatt) wird von Andrew Earlham (Ioan Gruffud), dem Vater eines ihrer Schüler um ein Date gebeten. Da sie sich gerade von ihrem Freund getrennt hat und ein wenig Abwechslung sucht, sagt sie zu. Sie gehen Essen, verstehen sich gut und er begleitet sie noch bis zu ihrer Wohnung. Dort möchte Andrew ein Taxi rufen, stellt aber fest, dass der Akku seines Handys leer ist. Laura bietet ihm an, das Taxi von ihrer Wohnung aus zu bestellen. Während sie warten, beschließen Laura und Andrew, nocht etwas zu trinken. Am nächsten Morgen wacht Laura benommen auf ihrem Bett auf. Sie weiß, Andrew hat sie vergewaltigt. Aber wird ihr jemand glauben, dass der Lungenfacharzt zu so etwas fähig ist? Tatsächlich streitet Andrew entrüstet jeglichen Vorwurf ab. Aber Laura gibt nicht auf, auch nicht als die Polizei ihr nicht helfen kann.

SPOILER * SPOILER * SPOILER * SPOILER * SPOILER* SPOILER * SPOILER * SPOILER

Im Zentrum von Liar steht also die Betäubung einer Frau mit Ko-Tropfen, die darauffolgende Vergewaltigung, aber vor allem die Folgen der vermutlichen Gewalttat. Es ist selbstverständlich ehrenhaft, auf das Thema aufmerksam zu machen und es ernsthaft in einer Serie zu behandeln. Leider und unverständlicher Weise ist es jawohl die Regel, dass den Opfern nicht geglaubt wird oder gegen den Täter aufgrund mangelnder Beweise etc. schlicht nichts unternommen werden kann. Soweit ich das beurteilen kann, zeichnet die Serie ein realitätsgetreues Bild von Lauras Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite zeigen die ersten drei Folgen, wie es einem (vielleicht zu Unrecht) beschuldigten Mann ergehen kann.

Die erste Hälfte der Serie lässt die Zuschauer völlig im Ungewissen, ob Laura die Wahrheit sagt oder Andrew zu Unrecht beschuldigt. Die Perspektive wechselt zwischen beiden und die Zuschauer schwanken, wem sie glauben sollen. Manches spricht für Lauras Version, anderes für Andrews Unschuld. Insofern befindet man sich als Zuschauer selbst in der Rolle nicht zu wissen, wem zu trauen ist und damit dem vermeintlichen Opfer ebenfalls vielleicht  nicht alles zu glauben. Das setzt die Serie gut um und macht sie spannend. Es ist interessant zu sehen, wie die Umwelt auf beide reagiert. Wer für oder gegen sie Partei ergreift. Dass man sich als Zuschauer nicht für eine Seite entscheiden kann, liegt auch daran, dass keiner von beiden ein wirklicher Sympathieträger ist. Das ist in diesem Fall positiv, da es den genannten Effekt hat.

Wenn man allerdings den Abspann aufmerksam verfolgt, fällt schnell auf, dass Opferorganisationen die Produktion beratend begleitet haben. Wozu sollte das nötig sein, wenn man sich nicht ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzen, sondern dem Effekt falscher Beschuldigungen nahegehen möchte? Auch wäre es gerade derzeit wohl kaum vertretbar, eine Geschichte über einen zu Unrecht beschuldigten Mann zu erzählen, oder? Es ist also weder schwierig zu erraten noch überraschend, wer schließlich der Lügner ist. Somit wird die Spannung, die bis dahin aufgebaut werden soll, von Anfang an indirekt torpediert und verliert sich damit zumindest teilweise. Man muss seine eigenen Schlüsse also verdrängen und sich rein auf den Inhalt konzentrieren, damit der trotzdem seine Wirkung entfaltet.
Ob Laura oder Andrew über den Verlauf ihres Dates lügen, wird schließlich schon in der dritten Folge verraten. Die Serie splittet sich also in zwei Teile auf. Der erste, der sich um die Frage dreht, wer lügt, und der zweite Teil, der zeigt, ob Andrew überführt werden kann. Der Übergang geschieht ziemlich abrupt, die Spannungskurve fällt drastisch ab und schraubt sich für mein Empfinden nur mühsam wieder nach oben. Denn statt eines geschickten Katz-und-Maus-Spiels entwickelt sich die Geschichte recht plump weiter.

Schuld sind zum einen die Figuren.
Ich möchte mich gar nicht aufhalten, die einzelnen Schauspielleistungen zu bewerten, da alle DarstellerInnen gute Arbeit leisten. Allerdings behaupte ich, dass ihnen auch nicht allzu viel abverlangt wird. Subtilität findet sich kaum, stattdessen handeln alle Figuren weitestgehend vorhersehbar. Besonders tiefgründig sind sie ebenfalls nicht. Während Lauras Motivation klar ist und relativ simpel aus ihrem Erlebnis gespeist ist, bleibt Andrews Absicht weitestgehend im Dunkeln. Einmal erklärt Laura, es ginge ihm nur um Macht und vermutlich ist das ja auch so. Aber es wird nicht in seinem Verhalten oder Aussagen deutlich, warum ihm diese Macht so wichtig ist. Nur als Laura ihn mit seiner Ehe und dem Schicksal seiner Ehefrau konfrontiert, blitzt etwas von seinem wahren Charakter durch. Für mich ist das sein stärkster Moment, der aber nicht weiterverfolgt wird.

Außerdem verhalten sich die Figuren häufig einfach dumm. Das trifft nicht nur auf Nebenfiguren wie die Polizistin zu, die Andrew überführen soll. So dilettantisch wie die ihre Arbeit versieht, muss das ja schiefgehen. Nein, die Protagonistin ist keinen Deut besser. Laura stürmt ständig darauflos, wobei sie offensichtlich keine große Angst hat, entdeckt zu werden. Sie stellt sich weder besonders geschickt an, wenn sie Andrews Haus nach KO-Tropfen durchsucht, noch wenn sie ihn hereinlegen möchte. Fluchs kann er sich aus den Fesseln befreien und Laura muss flüchten. Natürlich lässt sich ihr impulsives Vorpreschen durch ihre Ausnahmesituation erklären. Aber muss sie deswegen gedankenlos oder dumm agieren? Es ist auch nicht so, als würde sie aus ihren Fehlschlägen lernen und raffinierter werden.
Wie praktisch, dass die Autoren ihre schützenden Hände über sie halten. Besonders auffällig und ärgerlich ist das in der letzten Folge, als Laura abends (also im Dunkeln!!) allein den Schuppen aufsucht, in dem sie Beweismaterial gegen Andrew vermutet. Obwohl suggeriert wird, der könnte jederzeit auftauchen oder sie auf dem Weg zur Polizei aufhalten, geschieht nichts dergleichen. Es hätte in einem atemlosen Finale münden können, aber das Potential wird nicht ausgeschöpft, nicht einmal aufgegriffen. Stattdessen scheint es, als solle die ganze Angelegenheit zu einem raschen Ende gebracht werden. Da läuft dann halt alles überraschend problemlos, wo es zuvor nur Hindernisse zu geben schien. Niemand stört Laura im Schuppen, es gibt kein finales Zusammentreffen, sie kann die Beweise zur Polizei bringen und die fährt sofort los, um Andrew festzunehmen. Also hofft man wenigstens auf einen Showdown zwischen der Polizei und Andrew und vielleicht taucht ja auch Laura noch überraschend auf und gibt ihrem Peiniger passende Worte mit auf den Weg. Aber nein, dass wäre ja zu einfach und vorhersehbar. Warum nicht mit einem Paukenschlag enden? Der ist zwar einigermaßen einleuchtend, aber für mich auch nicht weniger vorhersehbar. Der gewünschte Schockeffekt tritt dann auch nicht dadurch ein, dass dass man sich fragt, wie es dazu gekommen ist, sondern lediglich, ob das jetzt wirklich alles gewesen sein soll. Ich fühlte mich um einen wichtigen Teil der Geschichte betrogen, nämlich das Gesicht des Täters, wenn er überführt wird. Den Triumph der Opfer, wenn er endlich verantwortlich gemacht wird. Stattdessen wird ein mehr als ärgerlicher Cliffhanger für eine zweite Staffel präsentiert. Grundsätzlich wäre das okay, wenn damit nicht eine große Chance vertan würde. Denn statt das Gerichtsverfahren, Andrews Verteidigungsversuche sowie Lauras Kampf und den ihrer Leidensgenossinnen zu zeigen, wird die Serie nun zu einem simplen Whodunnit-Plot degradiert.

Plump sind zum anderen die Nebenhandlungen, die nichts zum eigentlichen Plot beitragen, aber wie reine Zeitfüllung wirken.
Lauras Ex hat ausgerechnet mit ihrer verheirateten Schwester eine Affäre. Ihr Ehemann kommt natürlich dahinter und es entspinnt sich ein kleines Ehedrama. Hat man schon tausendmal gesehen und tausendmal interessanter. Auch wenn der Handlungsstrang vorgibt, es stecke mehr dahinter, soll letztlich nur gezeigt werden, dass es mehr als einen Lügner in der Serie gibt. Letztlich werden aber einfach nur Nebenkriegsschauplätze geschaffen, um die Geschichte künstlich aufzubauschen. Raffiniert ist das auf keinen Fall. Das trifft auch auf Andrews Sohn und seine indische Freundin zu. Der alleinige Zweck „ihres Problems“ scheint zu sein, dass Andrew sie ihm gegenüber als Argument nutzen kann, warum der ihn decken soll.
Die Geschichte konzentriert sich im Laufe der Zeit auch nicht mehr auf die realitätsnahe Darstellung von Lauras Situation. Lediglich die zögerlich Annäherung zwischen Laura und einem Mann, den sie zufällig kennenlernt, ist noch realitätsnah und emotional anrührend. Ebenso die Geschichte der Polizistin, die ebenfalls zu Andrews Opfer wird. Die zweite Hälfte von Liar wird stattdessen zusehends zu einem konventionellen Psychothriller mit den üblichen Versatzstücken. Leider sind die Wendungen viel zu simpel, ist der Psychopath zu wenig raffiniert und die Heldin handelt zu leichtsinnig, um in diesem Genre überzeugen zu können.
Außerdem hat man den Eindruck, dass viele Themen angeschnitten werden, aber dann nicht weiter verfolgt werden. Das trifft auf die Rolle der Sozialen Medien genauso zu wie auf die Auswirkungen der Vorwürfe auf Andrews Sohn oder auf die tägliche Arbeit der beiden Hauptfiguren.

Alles in allem startet Liar vielversprechend und spannend (besonders wenn man gewisse Hinweise ignoriert). Leider kann der Spannungsbogen nicht gehalten werden. Es werden zwar genug Fragen gestellt, damit man weiter schaut, aber sie werden nicht zufriedenstellend beantwortet. Stattdessen wird man mit einer lieblosen und konventionellen Erzählung inklusive irrelevanter Teile abgespeist. So bleibt es in allen Bereich unterdurchschnittlich. Insgesamt hat Liar mich enttäuscht und die letzte Folge sogar wütend gemacht.

4/10 Tickets

4Tickets

Gesendet wurde die Serie ursprünglich auf ITV und in Deutschland auf Vox.

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