ESC 2018 Lissabon

Lissabon

Schon vor langer Zeit hat mich der ESC-Virus infiziert. Damals firmierte er noch unter dem Titel Grandprix d’Eurovision de la Chanson. Auch heutzutage schlüpft mir noch manchmal non-chalant, aber liebevoll „Grandprix“ heraus.

Lange wusste ich es nicht besser und fieberte vornehmlich für die deutschen Beiträge mit. Selbst, wenn sie mir musikalisch nicht zusagten. Schön doof, aber ich war jung und wusste es nicht besser 😉 .
Bis auf wenige Ausnahmen (Guilo Horn, Stefan Raab und Lena) hat sich das allerdings fundamental gewandelt. Die deutschen Beiträge entlarven sich doch jedesmal schon beim Vorentscheid als kommende Rohrkrepierer. Ich hege also keinerlei Hoffnungen mehr, ignoriere die deutschen Anwärter stattdessen konsequent, während ich meine Favoriten herausfiltere und für diese mitfiebere.

Nichtsdestotrotz ließ mich der ESC-Zirkus in den letzten Jahren zusehends kalt. Ich vermisste das alte Gefühl, das sich üblicherweise einstellte. Es bedürfte einer ausführlichen Analyse, warum das so war.
Letztes Jahr kehrte es ganz unvermittelt wieder zurück. Der ESC löste eine richtige Euphorie bei mir aus. Songs, die mich begeistern konnten, abwechslungsreiche Auftritte, ein toller Sieger. Naja, lange Rede wenig Sinn. Ich hoffe natürlich inständig, dass die diesjährige Veranstaltung daran anschließen kann.

Zur Vorbereitung auf den diesjährigen Großangriff auf unsere Augen und Ohren habe ich mir kürzlich die 43 Anwärter auf den ESC-Thron angetan angehört. Nicht von der ersten bis zur letzten Sekunde, aber so, dass ich einen Eindruck gewinnen konnte. Manche Lieder kann man tatsächlich auch länger als bis zum ersten Chorus aushalten 😀 . Denen habe ich dann mehrmals gelauscht.

Wie immer gibt es viele Lieder, die den typischen ESC-Sound weitertragen. Der besteht für mich aus eingängigem Euro-Dance-Pop, wenn Ihr wisst, was ich meine. Nichts dagegen einzuwenden. Darüber hinaus gibt es ein paar wenige rockige Nummern sowie „dunkle“, vom Gothik angehauchte Beispiele. Nichts, was mich jetzt wirklich mitnimmt. Die Mehrzahl besteht meiner Meinung nach aus mehr oder weniger eingängige Popnummern. Insgesamt gibt es viele Songs, die mir kaum bis gar nicht in Erinnerung geblieben sind. Das ist aber fast jedes Jahr so. Also kein Grund zur Aufregung.

Im Folgenden möchte ich mein erstes Urteil mit Euch teilen. Es handelt sich dabei jedoch um meinen ganz persönlichen Geschmack. Ich bin kein Experte und würde nie in Anspruch nehmen, den Sieger vorhersagen zu können. Das habe ich mir schon lange abgewöhnt. Es fehlt mir völlig an Talent, Können und Einfühlungsvermögen, zu wissen, was Europa jedes Jahr wählen wird. Vielmehr frage ich mich in ca. 90% der Fälle, warum ausgerechnet jenes Lied zum Sieger gekürt wird.

Bevor ich Euch meine Tops verrate, möchte ich den Blick oder das Ohr zuerst auf die richten, die mir sonst auf irgendeine Weise aufgefallen sind. Flops möchte ich sie nicht nennen, denn eigentlich sind für mich die Lieder Flops, die mir gar nichts vermitteln und die ich schon wieder vergessen habe.

Da wäre zuerst Alexander Rybak, der mit Fairytale 2009 den Titel für Norwegen erringen konnte. Sein diesjähriger Beitrag That’s how you write a song überzeugt mich bei aller Sympathie für den Sänger überhaupt nicht. Der wohl vom Siebzigerjahre-Funk inspirierte Song ist für mich langweilig und einfallslos. Erinnert nicht nur mit dem Titel, sondern auch mit der Melodie an „Malen nach Zahlen“ bzw. „Musizieren…“. Zwar kann ich verstehen, dass Alexander gerne noch einmal beim ESC dabei sein möchte, hätte ihm aber davon abgeraten. Einen zweiten Johnny Logan wird der Song ganz sicher nicht aus ihm machen.

Schweden tritt wieder mit einer Dance-Nummer an und zwar mit Benjamin Ingrosso und Dance You Off. Im Gegensatz zum letzten Jahr überzeugt mich der Justin-Bieber-Verschnitt mit Bieber-Song leider nicht. Deshalb lieber an dieser Stelle noch mal der smarte Robin Bengtsson mit I can’t go on und seiner Tänzer-Combo.

Forever, der weißrussische Beitrag, erinnert mich an einen Stalker und jagt mir kalte Schauer über Rücken. Abgesehen davon, kann Alekseev überhaupt nicht singen, was man bei der Live-Version sofort bemerkt.

Der polnische Beitrag Light me up von Gromee feat. Lukas Meijer ist gar nicht mal so übel, aber in einer Live-Version verpasst der Sänger die Töne überraschend häufig. Könnte beim ESC-Auftritt peinlich werden.

Die Dänen machen mit Rasmussen und Higher Ground nicht nur auf ihre Altvorderen, sondern auch auf Santiano. Kann man mögen, tue ich  persönlich aber weniger.

Waylons Outlaw in ‚Em startet mit einem Riff, der mir verdächtig bekannt vorkommt, driftet dann aber in die Country-Richtung im Stil von Garth Brooks (einer der drei Countrysänger, die ich überhaupt kenne 😉 ) ab. In den letzten Jahren mochte ich die niederländischen Beiträge eigentlich sehr gerne, aber dieses Jahr können sie daran nicht anschließen.

Der ukrainische Beitrag Under the Ladder von Melovin erinnert mich an Soft Cell (Stichwort „Tainted Love“), was durch die Optik des Sängers noch verstärkt wird. Dagegen ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden, mich berührt es allerdings nicht.

Maltas Taboo, gesungen von Christabell ist nicht schlecht, erinnert mich jedoch zu stark an Lady Gaga, um neu und frisch zu wirken.

Netta tritt mit TOY für Israel an und wird von den Buchmachern als potentielle Siegerin gelistet. Ich kann das leider überhaupt nicht nachvollziehen, empfinde das Lied vielmehr als ziemlich nervig. Das trifft besonders auf den Teil mit dem Hühnergegacker zu. Die Botschaft ist zwar wichtig und derzeit angesagt, aber sie wurde schon auf ansprechendere Weise vermittelt. Für mich wäre es eine große Enttäuschung, wenn das Lied tatsächlich gewinnen würde. Bei Seinfeld heißt es, Hässlichkeit sei die neue Form der Attraktivität und das trifft für mich leider irgendwie auf dieses Lied zu. Vielleicht bin ich auch einfach nicht genug am Puls der Zeit oder experimentierfreudig. Vielleicht muss man es auch häufiger hören als ich es über mich bringen konnten, damit es sich erschließt.

So nun aber zum Eingemachten, meine persönlichen Favoriten. Zu einer Rangliste kann ich mich allerdings nicht durchringen.

Fangen wir mit der Tschechischen Republik und Mikolas Josefs Lie to me sowie Mazedodien mit Eye Cues Lost and Found an. Beides ist eingängig, hat aber auch was Eigenes, was heraussticht. Leider sind die Lyrics nicht unbedingt nach meinem Geschmack. Die zwei fallen also eher unter guilty pleasures.

Die portugiesische Nummer O Jardim von Cláudia Pascoal ist recht eingängig und gefühlvoll. Zum richtig großen Schlag reicht es jedoch nicht ganz, da es zu sehr die Sparte des Vorjahressiegers bedient, darüber hinaus aber ein bisschen der Pfeffer fehlt. Nichtsdestotrotz ist es für mich eines der Lieder, die mir stärker im Kopf geblieben sind.

Das italienische Lied Ermal Meta e Fabrizio Moro – Non Mi Avete Fatto Niente gefällt mir sehr gut, allerdings ist die Botschaft wohl etwas zu offensichtlich und daher eher so mäh.

Wir nähern uns den Top 4! *Trommelwirbel*

Österreich geht mit Cesár Sampson und Nobody but you an den Start. Der Anfang erinnert mich sehr an Human von Rag’n’Bone Man, aber dann gewinnt das ganze doch stark an Ohrwurmqualität. Also mir ging es nicht mehr aus selbigem.

Auch die Finnin Saara Aalto liefert mit Monsters einen tollen Ohrwurm ab. Funktioniert für mich hervorragend, auch wenn die Show/das Video etwas trashig daherkommt.

Ryan O’Shaughnessy vertritt Irland mit Together und einer eingängigen Melodie mit sensiblem Text. Ein einfaches Liebeslied, das aber auch einfach gut funktioniert.

Sehr gut gefällt mich auch das spanische Duo Amaia und Alfred mit Tu Canción. Vielleicht kommt ihr Liebesduett simpel daher. Vielleicht auch kitschig. Wahrscheinlich läuft es außerdem zu stark auf der Schiene von Salvador Sobrals Siegerlied. Die beiden Flügel im Video erinnern mich an einen unsäglichen deutschen Beitrag aus den Achtzigern, aber dafür können die beiden Schnuffel ja nichts. So oder so mir ist das Liebeslied im Ohr geblieben und es gefällt mir richtig gut.

So, wie Ihr seht, sind meine Favoriten eher unspektakulär, weshalb sie wahrscheinlich kaum Siegeschancen haben werden. Ich kapiere die speziellen Anforderungen des ESC an ein Siegerlied trotz aller Erfahrungen als Zuschauerin  halt immer noch nicht  und werde es wohl auch nie 🙂 . Die Show, die dann schließlich auf der Bühne stattfindet, spielt aber natürlich auch noch eine große Rolle. Wer kann sich und seinen Song am besten verkaufen? Wir werden es sehen. In jedem Fall reicht die Auswahl dieses Jahr für mich nicht für einen legendären ESC. Es ist eher ein unterdurchschnittlicher.

Achja, da habe ich doch glatt Tschörmenie vergessen. Michael Schulte ist bestimmt ein ganz Lieber, aber ich glaube nicht, dass Europa einen Sänger und ein Lied zum Sieger bestimmt, die an Ed Sheeran erinnern. Mir selbst gefällt der Song abgesehen davon auch nicht, weil ich irgendwie das Gefühl habe, denselben schon besser gehört zu haben. Muss wohl von. Sheeran gewesen sein 😀 .

Wie immer es auch am Samstag ausgehen wird, ich wünsche uns allen viel Spaß bei der wohl größten und abgedrehtesten Show der Welt. Egal, wie skeptisch ich zuvor bin, schlussendlich packt mich das Spektakel doch immer wieder.

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6 Gedanken zu „ESC 2018 Lissabon

  1. Melanie

    Als ESC-Fan durfte ich die Sendung gestern auch nicht verpassen und war sehr überrascht, wie spannend es doch war und wie gut wir platziert waren! Zum Glück hat es Schweden nicht geschafft. Am Anfang sah es noch so aus, als wuerden die gewinnen!

    Gefällt 1 Person

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