[Hörbuch-Rezension] Von Damaskus in die deutsche Literaturszene

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Der aus Damaskus stammende Rafik Schami hat sich in den letzten vierzig Jahren einen Ruf als wunderbarer Geschichtenerzähler erarbeitet. Wer schon einmal in den Genuss einer seiner Lesungen gekommen ist, kann nur beeindruckt sein von seiner lebendigen und reichen Erzählkunst. Mit „Ich wollte nur Geschichten erzählen“ hat er nun das Feld der Imagination verlassen und allen Interessierten ein Sachbuch mit stark biographischen Bezügen vorgelegt. Darin berichtet er aus seiner Sicht über ganz unterschiedliche Themen, die aber zu einem Gesamtbild gehören. Er bezeichnet sie deshalb als „Mosaikstücke“, die sich entsprechend zu einem großen Ganzen fügen sollen. Es geht um seine ursprüngliche Heimat Syrien, die arabische Mentalität, den langen Arm der syrischen Machthaber ebenso wie um Schamis Kernkompetenz das Schreiben, seine Erfahrungen als (Exil-)Autor  in Deutschland, nicht nur aber auch um die Tiefen und Untiefen der deutschen Literaturszene. Am Anfang fehlt manchmal etwas der Bezug zwischen den Mosaiken, aber im Laufe des Buches verdichtet sich der Bericht.

Manches ist unterhaltsam, anderes erschreckend, doch Schami macht Vorgänge und Denkweisen der Beteiligten immer sichtbar, auch in den Fällen, in denen man sie nicht verstehen kann oder will. Mitunter scheint der feine Humor des Autors ebenso durch wie ein gerechter Zorn über manche Untergerechtigkeit. Diese Stellen machen das Buch nahbar und versüßen, die oft anspruchsvollen, aber auch sehr nachdenkenswerten Passagen. Diese muss man doch manchmal mehrfach hören, um sie nicht nur „verarbeiten“, sondern auch in ihrer vollen Pracht würdigen zu können. Rafik Schami schenkt seiner Leserschaft nämlich einen umfangreichen Fundus an nachdenkenswerten und erinnerungswürdigen „Mosaiken“. Die große Verbindung zwischen ihnen ist der Autor selbst. Vermutlich wird sich jede/r Leser/in aus den Puzzlestücken wiederum ein ganz eigenes Bild zusammensetzen. Damit funktioniert Schamis Hör-/Buch gleich auf mehreren Ebenen.

Der Sprecher des Hörbuchs mit 244 Minuten Laufzeit ist Wolfgang Berger. Er macht einen soliden Job. Manche könnten die Sprechweise als langsam und behäbig empfinden, aber man gewöhnt sich daran und bei manchen Themen ist es vermutlich auch ganz gut, wenn sie in einer gewissen Langsamkeit an die Hörerschaft herangetragen werden.

Rafik Schami hat mit Ich wollte nur Geschichten erzählen ein Sachbuch geschaffen, dass Politik, Gesellschaft und Persönliches auf nachdrückliche Weise verbindet und interessante Einblicke in die arabische Mentalität und Schamis Persönlichkeit und Vergangenheit bietet.

4/5 Schreibmaschinen

4Writer

Rafik Schami, Ich wollte nur Geschichten erzählen. Mosaik der Fremde, Steinbach Sprechende Bücher 2017.

Die Rezension entstand im Rahmen einer Lovelybooks-Leserunde. Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Hörbuches.

2 Gedanken zu „[Hörbuch-Rezension] Von Damaskus in die deutsche Literaturszene

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