[Netflix] Dunkle Vergangenheit wirft lange Schatten

Dark

2019 passieren im fiktiven deutschen Städtchen Winnenden merkwürdige Dinge.

Seit Tagen wird schon nach dem vermissten Schüler Erik gefahndet. Vögel fallen vom Himmel, Schafe liegen tot auf der Weide. Ein Junge mit verbrannten Augen wird im Wald gefunden, gekleidet im Stil der Achtzigerjahre. Als dann auch noch Mikkel, der Sohn des Polizisten Ulrich Nielsen spurlos verschwindet, erinnert der sich an seinen Bruder Mads, dem 33 Jahre zuvor dasselbe geschah und der nie wieder auftauchte. Was hat die dunkle Höhle im Wald damit zu tun? Oder spielt das örtliche Atomkraftwerk eine Rolle? Offensichtlich betrifft das Geheimnis vier Familien, die sich den Vorgängen nicht entziehen können und sich auf die Suche nach Antworten begeben.

Es ist wohl nicht zu viel verraten, dass Dark sich um das Thema Zeitreisen dreht. Dabei soll es aber auch bleiben, denn alles andere würde das Vergnügen schmälern. Je weniger man informiert ist, umso besser. Die Zeitreisen sind ohnehin nur ein Teil der Geschichte, denn ebenso geht es um Geheimnisse, Familienbande und philosophische Fragen.

Drei Zeitebenen (2019, 1983 und 1953) werden sehr raffiniert miteinander verbunden. Das fordert sowohl von den Machern als auch von den Zuschauern, alles im Blick zu behalten, denn es entfaltet sich eine sehr komplexe, knifflige und spannende Handlung. Aber sie ist nie zu kompliziert, immer kann man ihr folgen. Das liegt vermutlich daran, dass man zuerst die Protagonisten der Gegenwart kennenlernt Sie entwickelt sich wie selbstverständlich und großer innerer Dynamik. In keinem Moment entsteht der Eindruck, eine von Drehbuchautoren bestimmten Handlung zu sehen. Hier lässt sich nichts vorhersehen oder auch nur erahnen. Das allein ist ja schon sehr selten heutzutage. Dennoch folgt alles einer inneren Logik, die sich immer nur in Bruchstücken offenbart oder erst spät erschließt. Aber selbst dann bleibt immer noch vieles im Dunkeln. Der Serientitel ist also mehr als passend gewählt.

Die Figuren sind ebenso vielschichtig und undurchsichtig wie die Handlung. Jeder hat etwas zu verbergen oder versucht hinter ein Geheimnis zu kommen. Es gibt keinen wirklichen Protagonisten, auch wenn Jonas in gewisser Weise als Angelpunkt fungiert. Stattdessen mäandert der Fokus zischen den Figuren hin und her. Jede bekommt ihren Moment im Scheinwerferlicht, jede hat einen Auftrag und Funktion, niemand ist überflüssig oder ein Lückenfüller.

Es ist wirklich der Wahnsinn, wie passend die Darstellerriege ausgewählt wurde. Zum einen spielt jede/r Einzelne überzeugend und nuanciert.Klasse ist auch, dass hier nicht die üblichen Verdächtigen der deutschen Serienlandschaft auftauchen. Zwar sind mit Michael Mendl, Karoline Eichhorn, Angela Winkler, Walter Kreye, Oliver Masucci u.a. auch bekanntere Gesichter dabei, aber sie treten völlig hinter ihren Rollen zurück. Auch wenn die Leistungen sich qualitativ nicht unterscheiden, waren Louis Hofmanns und O. Masuccis Darstellungen für mich besonders intensiv.
Zum anderen wurde es geschafft, den DarstellerInnen der unterschiedlichen Altersstufen durch äußere Ähnlichkeiten einen Wiedererkennungswert zu geben. Wenn man das erste Mal die jüngere oder ältere Version sieht, muss man zwar doch erst überlegen, um welche Person es sich handelt, aber genau das ist auch ein Teil des Vergnügens und man findet es bald heraus. Wahrscheinlich gibt es keine zweite Serie, in der so viele Figuren in ihren verschiedenen Lebensaltern gezeigt werden. Wirklich eine großartige Leistung des Castings und der Maskenbilderei, das so bravourös umzusetzen.

Außerdem muss die visuelle und musikalische Umsetzung lobend erwähnt werden. Sie bilden die übrigen Standbeinen, die Dark zu dem machen, was es ist. Beides vermittelt eine extrem unheilvolle und düstere Atmosphäre. Da die Handlung im Herbst spielt, regnet es häufig, dunkle Farben überwiegen und viele Szenen spielen im Wald oder sogar nachts. Optisch fühlt man sich  eher an einen skandinavischen als an eine deutsche Serienproduktion erinnert. Die Bilder sind sehr kühl, was allerdings den Inhalt perfekt unterstreicht. Die musikalische Untermalung variiert von Indie-Songs über atonale Gesänge bis hin zu einfachen tiefen Klängen. Doch alles unterstreicht die bedrohliche Stimmung und die Zuschauer befinden sich dadurch permanent in einem Stadium der Anspannung, die auch kaum mal nachlässt. Möglicherweise kann man es als nervig empfinden, dass wirklich jede Szene untermalt ist, aber in diesem Fall ging es mir zumindest überhaupt nicht so.

Persönlich bin ich gegenüber Serien, Filmen und Musik aus Deutschland wirklich sehr kritisch eingestellt. Meistens sehe ich  meine Meinung bestätigt. Im Fall von Dark verhält es sich jedoch völlig anders. Die Serie hat mich mitgerissen, begeistert und sehr abgeholt. Wer eine Serie schauen möchte, die intelligent und mysteriös ist, aber auch internationale Maßstäbe nicht scheuen muss, sollte sich unbedingt Dark anschauen. Es besteht allerdings Suchtgefahr, weil man unbedingt wissen will, wie es weitergeht.

9 Tickets

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Dark startete 2017 auf Netflix und umfasst bisher 1. Staffel mit 10 Folgen. Eine 2. Staffel ist jedoch geplant.

8 Gedanken zu „[Netflix] Dunkle Vergangenheit wirft lange Schatten

  1. Stepnwolf

    Mir hat „Dark“ auch ziemlich gut gefallen. Ich hoffe nur, das die zweite Staffel nicht im Niveau nachlässt, insbesondere aufgrund der vierten Zeitebene, die ja offensichtlich aufgemacht wird.

    Gefällt 1 Person

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  2. Nicci Trallafitti

    Hey!
    Ich hatte irgendwie ein paar negative Kritiken gelesen, vielleicht verwechsel ich auch was, weil besonders in den letzten Tagen super viele positive Meinungen aufgetaucht sind.
    Hatten wir beide da nicht kürzlich, vielleicht sogar gestern, drüber geschrieben?
    Nun bin ich aber wirklich richtig neugierig auf Dark und werde demnächst mal rein schauen.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    Gefällt 1 Person

    Antwort

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