[Rezension] Die Wüste offenbart alle Geheimnisse

Versprechen der Wüste

Seit sie denken kann, ist Joan Seabrook fasziniert von der Wüste. Ihr Vater erzählte ihr abenteuerliche Geschichten über seine Reisen. Reisen, die wie sie später herausfinden sollte, nie stattgefunden hatten. Dennoch hatte er in ihr den Wunsch geweckt, einmal selbst die Weiten der Wüste zu erkunden. Sie vertiefte sich in die Bücher der Forscherin Maude Vickery und studierte Archäologie. Als Joans Bruder Daniel 1958 in den Oman versetzt wird, wo auch ihr Onkel als Vertreter der britischen Regierung lebt, erfüllt sich endlich Joans Traum. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Rory reist sich in den geheimnisvollen Wüstenstaat. Dort möchte sie nicht nur ihren Traum erfüllen, sondern auch ihr großes Vorbild Maude Vickery kennenlernen, die als erste Frau die omanische Wüste durchquerte und seit über fünfzig Jahren im Oman lebt. Doch am Ziel angekommen, entwickelt sich alles anders als gedacht. Das Land befindet sich im Krieg, in dem der Sultan mit Hilfe der Briten gegen einheimische Rebellen vorgeht. Deshalb darf Joan sich nur in einem eng gesteckten Gebiet bewegen und ihre Bruder bekommt sie kaum zu Gesicht. Maude stellt sich als mürrische Frau heraus, die kaum etwas von sich preisgibt, und Rory scheint ein Geheimnis zu haben. Trotz allem kann sich die junge Frau nicht der Magie der Wüste entziehen und will sie unbedingt erkunden. Ihre neue Bekanntschaft Charles Elliot könnte der Schlüssel dazu sein. Seltsamerweise scheint Maude ihn abzulehnen, obwohl sie ihn gar nicht kennt.

Die Geschichte entfaltet sich in zwei Erzählsträngen. Die Leser folgen Joans Reise von England in den Oman, sie bildet die umfangreiche Haupthandlung. Aus der Perspektive der jungen Frau wird erzählt, was sie erlebt, denkt und fühlt. Man erfährt ihre Familiengeschichte, ihren Plänen und die Entwicklung, die sie im Oman durchläuft. Gleichzeitig dient dies als Rahmen für den zweiten Erzählstrang, der Maude in den Fokus stellt. Eingeschobene Kapitel erzählen aus Maudes Sicht die Geschehnisse, die fünfzig Jahre vorher ihr Schicksal geformt haben. Dadurch gewinnen die Leser Wissensvorsprung vor Joan, die nur sehr allmählich mehr vom Leben ihres großen Vorbild erfährt. Natürlich sind beide Handlungsstränge miteinander verquickt und die Vergangenheit wirkt sich auf die Gegenwart aus. Wägt man beide Handlungsteile gegeneinander ab, fällt Maudes spannender aus, weil er viel stärker aufs Wesentliche konzentriert ist. Joans Anteil ufert hingegen aus, versucht viele Aspekte unterzubringen. Zwar schafft Webb es besser als in früheren Romanen die Aspekte logisch zu verknüpfen und allzu starke Kapriolen zu vermeiden, so dass Leser trotzdem nie abgeschreckt werden, aber es wäre noch mehr möglich gewesen.
Wieder einmal tritt auch Webbs Gewohnheit zutage, aktuelle Themen aufzugreifen und in die Vergangenheit zu übertragen. Natürlich gab es dieselben Dinge schon in früheren Zeiten, aber es wirkt doch immer ein bisschen einfallslos und als wolle sie es sich leichtmachen. So fällt Rorys Geheimnis sehr vorhersehbar aus, aber Joans Reaktionen darauf sind zumindest überzeugend. Das gilt auch für andere emotionale und psychische Abläufe. Es ist immer nachvollziehbar, warum jemand auf bestimmte Weisen reagiert oder agiert. Sehr schön dargestellt wird die Persönlichkeitsentwicklung der beiden weiblichen Hauptfiguren. Auch wenn Maude insgesamt der schillerndere, spannendere Charakter ist, ist auch Joans Weg interessant zu beobachten. Dagegen bleiben die übrigen Personen etwas blass und schablonenhaft. Selbst Maudes männlicher Gegenpart überzeugt nicht völlig, auch wenn er vielschichtiger geraten ist als die übrigen Herren. Nichtsdestotrotz hätte man sich am Ende einen stärkeren Auftritt  für ihn gewünscht.

Sprachlich bleibt die Autorin ihrem blumigen Stil treu, der aber auch gut zu den Epochen passt, in denen der Roman spielt. Gelungen sind die Beschreibungen örtlicher Gegebenheiten. Man fühlt sich vor Ort versetzt, wandelt durch die typischen Gassen oder die Weiten der Wüste, lernt die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse kennen.

Insgesamt ist Katherine Webb wieder ein unterhaltsamer Schmöker gelungen. Ist er teilweise auch wieder etwas vorhersehbar ausgefallen, schafft es die Autorin dennoch, die Neugier der Leser bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Das gelingt nicht nur durch einige Geheimnisse, sondern auch durch psychologisches Feingefühl. Besonders für FreundInnen des Genres ist Webbs  vielleicht bisher bester Roman empfehlenswert.

4 von 5 Schreibmaschinen

4Writer

Katherine Webb, Das Versprechen der Wüste, Diana-Verlag 2018.

Vielen Dank an das Bloggerportal, das mir freundlicher Weise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

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