[Filmkritik] Into the Forest

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Nell (Ellen Page) und Eva (Evan Rachel Wood) leben mit ihrem Vater (Callum Keith Rennie) in einem noch nicht ganz fertigen Haus in den kanadischen Wäldern. Die nächste Stadt ist nur mit dem Auto zu erreichen. Nell ist frischverliebt und bereitet sich auf’s College vor, während Eva intensiv für eine Tanzprüfung trainiert.
Eines Abends fällt der Strom aus. Die Familie ist nicht besonders besorgt, da das Stromnetz ihres Hauses ohnehin nicht sehr stabil ist. Doch bald wird klar, dass der Ausfall vermutlich dauerhaft sein wird und die gesamten USA betrifft. Das Telefonnetz, die Wasser- und Lebensmittelversorgung, das Gemeinwesen brechen zusammen, die gesamet Land gerät daraufhin schnell an den Rand der Apokalypse. Als Nells und Evas Vater durch einen Unfall stirbt, sind die Schwestern völlig auf sich allein gestellt. Können Sie es trotz oder wegen der abgelegenen Welt ihres Zuhauses schaffen, zu überleben?

Von der landesweiten Katastrophe bekommen weder die Protagonisten noch die Zuschauer viel mit. Sie zeigt sich vielmehr im Alltag der Mädchen: dem Stromausfall und dem damit einhergehenden Verlust moderner Errungenschaften sowie den knapper werdenden Ressourcen.
Nells und Evas Welt ist dabei genauso überschaubar wie das Personal. Das Wohnhaus der Familie, der Wald in dem es gebaut wurde, die nahe Stadt. Es entsteht der Eindruck, dass tatsächlich nicht viel mehr existiert.
Mehr noch als der Wald bildet dabei das Haus den primären Schauplatz. Es fungiert sogar fast als ein Protagonist. Es bietet Schutz, birgt Geheimnisse, versagt seine Unterstützung, wird auf einen primitiveren Status zurückgeworfen. All das gilt auch für die Schwestern.  Während ihr Zuhause ohne den technischen Schnickschnack zusehends auf seine grundsätzlichen Funktionen wie Schutz und Geborgenheit reduziert wird, müssen sie lernen, wie ihre Vorfahren als Jägerinnen und Sammlerinnen zu überleben. Anhand technischer Gerätschaften wird einerseits gezeigt, dass die Handlung in einer nicht allzu fernen Zukunft angesiedelt ist. Andererseits wird klar, wie stark sich die Menschen generell auf sie verlassen haben. Wie abhängig sie von Geräten sind, die ihnen den Alltag erleichtern (Autos, Kühlschränken und Herden) oder wie Geräte für Abwechslung und Ablenkung (Fernseher, Radio) sorgen. Der Film zeigt, dass der Wegfall des einen wie des anderen nicht folgenlos bleibt.

Vordergründige Action wie die typischen apokalyptischen Szenen des Genres, in denen sich Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, um die letzte Flasche Wasser zu ergattern, fehlen also. Somit wird schnell klar, dass der Film einzig an seinen Protagonisten interessiert ist. Nebenfiguren tauchen demzufolge auch nur ganz am Rande auf. Man kann das bedauern, besser ist es aber, sich einfach darauf einzulassen. In dem Fall entfaltet sich die Wirkung des Films nämlich viel stärker.
Durch die Konzentration auf die beiden Schwestern entsteht eine intime Situation und gefühlsgeladene Atmosphäre, welche die Zuschauer involviert und ihre Aufmerksamkeit durchgehend aufrechterhält.  Tatsächlich bedeutet das keinen Mangel an Spannung. Die ist jedoch subtil statt actionlastig und speist sich hauptsächlich aus der Frage, wie die Schwestern sich in die völlig neuen Gegebenheiten einfinden und sich darin entwickeln können. Was wird angesichts schwindender Vorräte passieren? Wie gehen sie damit um, ihre Lebensträume aufgeben zu müssen? Wie entwickelt sich ihre Beziehung zueinander? Gibt es Hoffnung, dass sich die Situation irgendwann ändern wird? Und wie würde man an ihrer Stelle handeln?
Ellen Page und Evan Rachel Wood verkörpern ihre Figuren mit viel Engagement und Feingefühl . Sie vermitteln die Aktionen und Gefühlsäußerungen ihrer Figuren authentisch und glaubwürdig und das obwohl die manchmal ziemlich unlogisch sind. Die Charakterzeichnung hätte zwar sehr gerne noch vielschichtiger ausfallen dürfen, aber es sind interessante Frauen, die eine Identifikation leichtmachen. Da lässt sich auch darüber hinwegsehen, dass die Schauspielerinnen älter sind als ihre Figuren.
Die schwesterliche Beziehung ist sehr realistisch. Die ist alles andere als konfliktfrei, die Frauen verstehen einander nicht immer, aber die Basis ist solide und lässt sie immer wieder zueinander finden. Es sind also vor allem die beiden Hauptfiguren, welche die Zuschauer durch die Geschichte tragen, die ihrerseits jedoch nicht völlig überzeugen kann.

Positiv ist einerseits wie erwähnt, dass Into the Forest nicht die üblichen Bilder kreiert, sondern einen erfrischenden Zugang zum Genre gewählt hat. Apokalyptische Endzeitbilder werden ersetzt durch den Blick auf den Überlebenskampf und die Seele der Einzelnen. Der Vater stirbt aufgrund eines Unfalls und nicht, weil ihn Eindringliche massakriert haben. Das heißt aber bedauerlicherweise nicht, dass an jeder Stelle althergebrachte Stereotype überwunden werden.
Andererseits wird der eingeschlagene Weg nicht konsequent genug beschritten. Obwohl Natur eine dominante Rolle spielt und die Handlung sich über ein Jahr erstreckt, spielen die Jahreszeiten (insbesondere der Winter) keine signifikante Rolle. Ein schwerwiegender Sturm ist die einzige Naturgewalt, die wirklich bedrohliche Ausmaße annimmt. Die Vorräte reichen überraschend weit, bedrohliche Situationen wie Verletzungen lösen sich illusorisch einfach auf. Es gibt etliche Beispiele, die in der Realität sicherlich drastischer und blutiger ausfallen würden. Natürlich sollen hier aber keine Spoiler verraten werden.

Into the Forest basiert übrigens auf dem Roman Die Lichtung von Jean Hegland. Die Verfilmung setzt die Geschichte der Schwestern und ihrer Beziehung einigermaßen erfolgreich um, was vor allem dem frischen Zugang und dem emotionalen Spiel der Hauptdarstellerinnen zu verdanken ist. Andererseits werden ärgerlicher Weise viele Möglichkeiten verschenkt oder viel zu zurückhaltend realisiert. All das führt zu einem recht zwiespältigen Gesamteindruck.

7 von 10 Tickets

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10 Gedanken zu „[Filmkritik] Into the Forest

  1. blaupause7

    klingt ja sehr interessant. was es bedeutet, plötzlich keinen Kühlschrank mehr zu haben, weiß ich selbst aus Erfahrung. Da muss dann halt mal die Regentonne zum Kühlen von Getränken herhalten. und es gibt nur noch Essen, das man nicht kühlen muss. Aber das ist nicht vergleichbar mit dem Szenario im Film

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      1. blaupause7

        nee, das möchte ich dann doch auch nicht, denn ich kann mir nicht vorstellen, als Jäger und Sammler überleben zu können. Und das, obwohl ich den film noch gar nicht gesehen habe.

        Gefällt 1 Person

    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Oh, kommt es so positiv rüber?! Dann sollte ich vielleicht doch noch ein Ticket abziehen 😉 . Die Geschichte überzeugt durchaus nicht völlig dank Logiklöchern etc. Natürlich freue ich mich, wenn ich dich für den Film interessieren konnte, aber zu einem guten Teil basiert die Kritik natürlich wie immer auf persönlichem Geschmack :D.

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      1. Ma-Go

        Ich habe weniger auf die Tickets geachtet als auf den Text. Und der liest sich durchaus positiv 😉

        Das mit dem Geschmack ist natürlich klar. Aber manchmal kommen nagative Bewertungen auch nur deshalb zustande, weil vielleicht Vorfeld etwas Falsches erwartet wurde. Du schreibst ja, dass der Film ein paar Sachen anders macht und andere Schwerpunkte setzt. Das klingt für mich auf jeden Fall spannend. Trotz der angesprochenen Logiklöcher 😉

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      2. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Ich achte auch nicht auf solche Bewertungen, weil die doch sehr subjektiv sind. Der Rest natürlich auch, aber da kann man erklären, wo die Fallstricke und Stärken sind.
        Ja, mir gefiel der Film insgesamt, obwohl ich mit Teilaspekten nicht zufrieden war.

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