[Rezension] 100 Wörter reichen nicht

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Jean McClellan ist Linguistin und forscht auf dem Gebiet des Wernicke-Syndroms, einer neurologischen Sprachstörung. Außerdem ist sie Ehefrau des Präsidentenberaters Patrick McClellan und Mutter von vier Kindern. Seit einigen Jahren trifft allerdings nur noch der zweite Satz auf sie zu, denn seit die Reinen an die Macht gekommen sind darf sie nicht mehr arbeiten und täglich nur noch hundert Wörter sprechen. Mittels eines elektronischen Armbands wird jede Überschreitung des Tageslimits mit starken Stromstößen bestraft. So ergeht es allen Frauen der USA.
Als der Bruder des Staatsoberhaupts einen Skiunfall hat und sich das Wernicke-Syndrom zuzieht, wird Jean von ihrem Armband befreit. Sie soll ihre Forschungen an einem Heilmittel beenden. Vielleicht ist das die Möglichkeit, nicht nur sich selbst von der Unterdrückung zu befreien.

Schon im ersten Satz verrät Christina Dalcher, ob ihre Protagonistin erfolgreich sein wird. Zwar schafft sie es dennoch, einen Spannungsbogen zu konstruieren, doch schwächt sie ihn selbst durch die unnötige Information.
Leider ist das nicht das einzige Beispiel für klassische Eigentore und, dass Potential verschenkt wird. Zwar wird erklärt, wie sich das totalitäre Regime etablieren konnte und wie es strukturiert ist, doch weist das Konzept Lücken auf und wirkt in Teilen sogar unglaubwürdig. Dasselbe lässt sich über zahlreiche Aspekte der Handlung sagen. Es gibt Ungereimtheiten, wundersame Fügungen, unglaubwürdige Häufungen und abgekürzte Entwicklungen. Manchmal erinnert das alles mehr an eine Seifenoper als an eine gesellschaftliche Dystopie. Und selbst die größte Wendung kündigt sich so früh an, dass sie jeden Überraschungseffekt verliert. Schade.

Linguistin Dalcher lässt ihre Kernkompetenz in ihren Roman einfließen und unterfüttert damit seine realistische Wirkung. In Anbetracht des zuvor Gesagten hilft das aber nur bedingt weiter. Das letzte Drittel dreht sich hauptsächlich um Jeans Arbeit und erörtert mitunter langweilige Arbeitsprozeduren. Abgesehen davon lässt sich Jean von einer gewissem Arroganz gegenüber weniger geschulten Figuren nicht freisprechen. Ob man sie sympathisch findet, ist ohnehin wie immer äußerst subjektiv. Ob man sich für ihr Schicksal über die gesamte Geschichte hinweg interessieren kann, kann ebenfalls nur individuell beantwortet werden.

Auf der Habenseite findet sich allerdings ein umfangreiches Personal, das alle erforderlichen und erwartbaren Charaktere aufweist. Ihre Motivationen und Handlungsweisen lassen sich gut nachvollziehen.
Darüber hinaus macht der Roman eindrücklich klar, wie wichtig es ist, politischen Akteuren auf die Finger zu schauen und menschenverachtenden, rückschrittlichen Entwicklungen rechtzeitig entgegenzutreten.

Die Autorin vermittelt die Gefühle und Gedanken ihrer Hauptfigur sowie die Handlung in klaren Worten. Ausdrucksweisen der Figuren oder Beschreibungen von Begebenheiten fallen realistisch, aber nicht immer unbedingt ansprechend aus.

Es ist völlig legitim, sich an einem ähnlichen Szenario zu versuchen, wie berühmte Vorbilder (Stichwort Atwood). Allerdings wird dann bewusst ein Vergleich in Kauf genommen und es sollte dem Thema auch etwas Frisches und Eigenes hinzugefügt werden. In diesem Fall gelingt Zweites nur bedingt und der Vergleich fällt zu Ungunsten von VOX aus. Die logischen Schwächen und glücklichen Wendungen zeugen darüber hinaus vom Status eines Erstlingswerks.

Vielen Dank an den S.Fischer-Verlag, dass ich im Rahmen einer Leserunde von Lovelybooks ein Rezensionsexpemplar von Christina Dalchers Roman erhalten habe!

2/5 Schreibmaschinen

2Writer

Christina Dalcher, VOX, S. Fischer 2018.

 

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8 Gedanken zu „[Rezension] 100 Wörter reichen nicht

  1. Rina

    Interessant – ich habe eben gerade eine Rezi gelesen, die begeistert war. Das wird ein interessantes Buch werden. Also eins, das man sich tatsächlich selbst ansehen muss. Mal sehen was die anderen so schreiben.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
      1. Melanie

        Ich bin jetzt auf Seite 74 und werde es erstmal zur Seite legen. Ich finde die Geschichte irgendwie an den Haaren herbei gezogen. Alles ist so selbstgefällig und die Protagonistin finde ich sehr unsympathisch. Mache jetzt erstmal Pause. 🙂

        Gefällt 1 Person

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