[Rezension] Wie schön wäre ein Nickerchen

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Ein neuer Morgen bricht heran. In Vancouver wirkt alles wie immer. Die Stadt erwacht langsam zum Leben. Aber es ist nicht wie sonst. Während üblicherweise ein paar Menschen unter Schlafstörungen leiden, haben in der letzten Nacht nur wenige schlafen können. Sehr wenige. Die Mehrheit hat kein Auge zugetan. Doch das Phänomen betrifft nicht nur Vancouver oder Kanada. Überall auf der Welt will sich der Schlaf nur noch in Ausnahmefällen einstellen. In der folgenden Nacht hoffen alle, dass sich das ändert, aber das tut es nicht. Und auch nicht in den kommenden Nächten, Wochen oder Monaten. Die Welt gerät aus den Fugen.
Schriftsteller Paul gehört zu denen, die schlafen können. Aber während er jede Nacht in denselben goldenen Traum versinkt, kann seine Freundin Tanya nicht mehr schlafen. Er beobachtet, wie sie sich zunehmend in einen Schatten ihrerselbst verwandelt. Er beobachtet, wie die ganze Welt dem Wahnsinn verfällt. Und was hat es mit dem Traum auf sich, den alle Schlafenden teilen?

Nod ist ein dünner Roman. Auf wenigen Seiten begleiten die Leser Paul in eine Welt ohne Schlaf. Aufgrund des geringen Umfangs ist die Handlung sehr komprimiert und entfaltet sich dadurch recht rasant. Ziemlich schnell zeigt sich, wie wichtig Schlaf für die geistige Gesundheit ist und wie die Gesellschaft ohne ihn in sich zusammenfällt. Schnell driftet alles in eine apokalyptische Welt. Neben spannenden Begebenheiten gibt es brutale Ereignisse und erschreckende Blicke in die menschlichen Abgründe. Geschont werden weder Paul noch die Leser. Das alles ist recht eindrucksvoll.
Aufgrund von Pauls Beruf fallen seine Beschreibungen sehr reflektiert aus. Außerdem kann er Parallelen zu biblischen und antiken Mythen ziehen und philosophische Betrachtungen anstellen. Nicht immer fällt es leicht, alles in vollem Umfang nachzuvollziehen. Andererseits bieten sie vielleicht Anlass, sich näher mit den angesprochenen Dingen zu befassen. Da sich die Bezüge in Grenzen halten, ist der Geschichte trotzdem leicht zu folgen. Die Sprache pendelt zwar zwischen geschliffen und poetisch, aber auch das beeinträchtigt das Lesevergnügen nicht maßgeblich, da sie immer verständlich bleibt.

Die Komprimiertheit des Geschichte führt leider dazu, dass viele Aspekte unter den Tisch fallen. Nicht alles wird zur vollsten Zufriedenheit aufgelöst. Besonders ärgerlich ist, dass es überhaupt keine Erklärung gibt, warum das Phänomen der Schlaflosigkeit plötzlich über die Menschheit hereinbricht und die wenigen Schlafenden, diesen „goldenen“ Traum durchleben. Alles bleibt auf dürftige Mutmaßungen beschränkt. Am Ende stehen die Leser mit sehr vielen offenen Fragen da, was dem Ganzen einen faden Beiklang verleiht. Der gezeigte Ausschnitt (Paul und Vancouver) ist für die Größe des Themas einfach zu beschränkt. Es fehlt schmerzlich der Blick auf die nationalen oder sogar globalen Auswirkungen.

Im Nachwort erklärt Adrian Barnes seine besondere Beziehung zur Geschichte und tatsächlich machen gerade diese Worte Nod wohl für die Leser erst unvergesslich. Bisher ist der Roman allerdings nur auf englisch erhältlich.

Nod bietet einen frischen Blick auf das Thema „Apokalypse“, lässt sich rasch lesen, ohne an Tiefsinnigkeit  zu sparen. Leider hapert es an Background, dafür aber nicht an Brutalität, was dann doch zu Abzügen in der Wertung führt.

3/5 Schreibmaschinen3Writer

Adrian Barnes, Nod, Titan Books 2017

2 Gedanken zu „[Rezension] Wie schön wäre ein Nickerchen

  1. Rina

    Schlafentzug ist auch eine beliebte Foltermethode – ich habe da schon oft gehört, dass man da echt verrückt wird. Aber mir reicht schon paar Tage Einschlafprobleme und mein Hirn ist Matsch. Ein interessantes Buch – das setze ich mir auf die Liste.

    Gefällt 1 Person

    Antwort

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