[Filmkritik] A Star is born und es ist nicht Lady GaGa

A Star is born

Wenn man vorher einen packenden Trailer sieht,
ein stimmungsvolles, charismatisches Musikvideo wieder und wieder anschaut,
von Oscar-reifen Leistungen liest,
erwartet man von dem betreffenden Film eine emotionale Achterbahnfahrt…

Jackson Miles (Bradley Cooper) ist Rockstar und Alkoholiker. Auch Medikamente, Kokain und Steroide sind für ihn so normal wie für andere der Snack zwischendurch. Als er nach einem Konzert seinen Pegel noch nicht erreicht hat, verschlägt es ihn in eine unbekannte Bar. Dort tritt Ally (kurz Lady Gaga) auf und schlägt ihn mit ihrer Stimme in den Bann. Sie lernen sich kennen, verlieben sich, Jackson nimmt sie mit auf seine Bühne. Endlich findet er zur alten Leidenschaft für die Musik zurück. Ally wird als Sängerin und Songwriterin endlich ernst genommen. Es könnte ein modernes Märchen sein, aber sie führen eine Dreiecksbeziehung, in der die Drogen immer zwischen ihnen stehen. Dann ergattert Ally einen Plattenvertrag und startet ihre Solokarriere, worauf Jackson in sein übliches Muster verfällt…

Die Songs und Konzerteinlagen in A Star is born sind die absoluten Highlights des Films! Die Bandbreite des Soundtracks reicht von sanft bis rockig, vom tiefen Pianoklang bis zum jaulenden Gitarrenriff. Allys Solokarriere-Songs werden poppiger und elektronischer. Sie fallen im Vergleich ab, was aber vermutlich gewollt ist, um ihren Wandel bzw Selbstaufgabe zu untermauern. Schade, dass Shallow schon im Trailer verarbeitet wurde, aber auch so liefert es zuverlässig Gänsehaut. Das tun allerdings auch viele andere. Besonders erwähnen kann man hier Always remember us this way, der den Abschlusssong noch weit überstrahlt. Doch der gesamte Soundtrack ist extrem stark und emotionalisierend (und das ist nicht eine der heute üblichen Übertreibungen 😉 ).

Die Konzertsequenzen entwickeln eine ganz eigene Wucht und geben dem Film den Drive, der ihn zu etwas Besonderem macht. Man wird direkt auf die Bühne katapultiert, ist ganz nah bei Jack und Ally, kann ihre Kraftanstrengung genauso wie ihre Begeisterung miterleben. Die Stimmung des Publikums schwappt herauf, die Scheinwerfer brennen und die Musik wummert mit aller Kraft aus den Boxen. Drei Buchstaben: WOW! Die Konzertaufnahmen sind so gut, dass man sich manchmal  erwischt, dass man abseits davon einen weiteren Auftritt von Jackson förmlich herbeisehnt (gerade im letzten Filmdrittel). Und so bietet Bradley Cooper, der stimmlich stark ist und völlig natürlich und charismatisch mit der Gitarre auf der Bühne agiert, die eigentliche Überraschung des Films. Auch Lady Gaga hat ihre stärksten Momente auf der Bühne. Sie röhrt so famos wie sie die leisen Töne anschlägt, lebt die Lieder förmlich. Das ist allerdings in ihrem ureigenen Metier nicht anders zu erwarten. Genau da liegt die Krux ihrer Rolle, denn die Verpuppung von der schüchternen Frau zur selbstbewussten Sängern verliert allein durch die Besetzung an Glaubwürdigkeit. Die recht prallen Lippen, die wirken als wären sie nochmal frisch aufgepumpt worden, tragen ihren Teil dazu bei.

Viele Kritikerstimmen lobpreisen Lady Gaga. Natürlich wird sie als Debütantin besonders kritisch beäugt und eine gute Leistung zählt deshalb noch stärker. Die liefert sie auch unbestritten ab, aber ihre Figur lässt charakterliche Tiefe vermissen, da kaum etwas über ihre Vergangenheit erzählt wird und sie zwar sehr gefühlig guckt, aber kaum Gefühlsausbrüche haben darf. Klugerweise liegt der Fokus viel weniger auf Ally als der Filmtitel suggeriert, so dass Cooper ihr gleichermaßen Halt wie Raum schenkt, um das Beste aus sich herausholen zu können.
Der Profi Bradley Cooper berührt mit seinem Spiel weitaus mehr als seine Partnerin. Seine ganze Schauspielkunst kulminiert in einem einzigen Blick und zwar als er Ally das erste Mal singen hört. Dieser Blick spiegelt so viele Emotionen gleichzeitig: Verletzlichkeit, Hoffnung, Bewunderung und unerwartetes Glück. Es ist nicht das einzige Beispiel für Coopers nuanciertes Spiel, dass ihm vielleicht nicht jeder zugetraut hat.
Auf der Leinwand entwickeln die Hauptdarsteller viel Chemie und vermitteln die Vertrautheit eines verliebten Paares. Angesichts früherer Planungen, den Stoff mit Jennifer Lopez und Wil Smith zu verfilmen, kann man nur heilfroh sein, dass es anders kam.  Leider spiegelt sich das vertraute Gefühl in manchen Dialoge nicht angemessen wider, was aber möglicherweise einfach der Synchronisation zuzuschreiben ist.

Da sich der Film völlig auf seine Hauptfiguren konzentrieren, fallen die Nebenfiguren kaum ins Gewicht. Allys bester Freund ist ein eher nerviges Anhängsel, ihr Vater relativ blass. Aus den Schemen tritt nur Sam Elliot als Jacksons Bruder hervor. Er strahlt Ruhe und Coolness aus, hinter der Fassade ist aber viel Liebe für seinen kleinen Bruder zu erkennen. Gerne hätten er mehr Hintergrundgeschichte und Szenen mit Jack haben dürfen.

Nuanciertheit und Feinfühligkeit kann auch Coopers Regiearbeit attestiert werden. Für jede Situation und Stimmung wird eine visuelle Entsprechung gefunden. Und trotz heikler Themen verfällt er nie in Voyeurismus. Vielleicht liegt es an seinen eigenen Erfahrungen als berühmter Mensch, dass er diese Grenze nicht überschreitet. In vielen Fällen verstärkt es die Wirkung auf subtile Weise. Vielleicht fürchtete er sich sogar davor, zu weit zu gehen, denn vielfach ist er zu zurückhaltend. Es wird nie wirklich hässlich oder ekelig. Jackson wacht nie in seinem eigenen Erbrochenen auf, verfällt in Tiefschlaf statt in aggressives Verhalten, absolviert seine Termine und stürzt erst nach einem Gig von der Bühne. Die einzigen Ausnahmen kündigen sich früh an und verlieren so ihre Wucht. Es wirkt, als sollten die Zuschauer um keinen Preis zu sehr verstört werden. Das spricht zwar für den Regisseur, nimmt dem Film aber ebenfalls viel von seiner Kraft. Böswillig könnte man außerdem unterstellen, dass viele Klischees über Alkoholiker transportiert werden. Aber es ist wohl eher so, dass Süchte sich tatsächlich ähnlich materialisieren. Dass sie vielleicht ähnliche Persönlichkeiten betreffen, vergleichbare Situationen hervorrufen. Hier kann das Rad vermutlich einfach nicht neu erfunden werden.

Ähnliches gilt leider für die Handlung insgesamt. Produzent und Regisseur Bradley Cooper hat sich eines Stoffs angenommen, der schon etliche Filmschaffende vor ihm inspiriert hat. Offensichtlich glaubte er dennoch, ihm noch etwas Neues abringen zu können. Die große thematische Bandbreite der Geschichte legt den Schluss durchaus nahe: Eine große Liebe zweier Musiker, die Emanzipation einer Frau, eine Sucht, eine Bruderbeziehung oder der Umgang mit dem Werden und Vergehen von Ruhm möchten erforscht werden. Es können allerdings ganz unterschiedliche Schwerpunkte und Perspektiven gesetzt werden. Leider werden die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft. Cooper wirft auf alle Aspekte einen hastigen Blick, scheint jedoch davor zurückzuscheuen, sie konsequent auszuloten. Zum Beispiel regt Ally sich anfangs stark über die ständige Aufmerksamkeit unter der Jack alltäglich steht auf. Hier ein ungefragtes Selfie, dort ein unvermittelter Autogrammwunsch an der Theke. Es wäre interessant und aufschlussreich gewesen, wie sie später selbst damit umgeht. Aber es gibt keine einzige Szene, in der sie mit Fans zusammentrifft. Den einzigen Hinweis, dass sich ihre Einstellung verändert hat, liefert ihre veränderte Haarfrisur. Ihr Aufstieg hätte viel krasser dargestellt werden müssen, um Jacksons Abstieg stärker zu verdeutlichen. Nicht nur dieses Beispiel lässt das Gefühl aufkommen, dass sich die Figuren kaum entwickeln. Gerade in Bezug auf Jacks Sucht ist das doch ziemlich erstaunlich. Okay, hier erfüllt der Film nicht die Erwartungen, denn würde man als Partner dem Suchtkranken nicht an irgendeinem Punkt viel deutlicher die Meinung sagen? In der ersten Verliebtheit vermutlich noch nicht (obwohl Ally sehr klar erkennt, dass ihr Freund Alkoholiker ist), aber irgendwann würde man ihn doch auf die Erkrankung ansprechen, ihn anschreien, ihn zur Therapie bewegen wollen, oder? Dass sein bisheriges Umfeld aufgegeben hat, kann ja sein, aber würde sich eine verliebte Frau nicht irgendwann viel stärker positionieren bzw. ausrasten? Und wenn sie es nicht tut, rührt das doch sicher irgendwoher. Aber leider wird auch das nicht ergründet. Zugegebenermaßen muss ja nicht jeder Aspekt die gleiche Aufmerksamkeit erhalten, aber dafür ein paar wenigstens richtig!

A Star is born ist nicht ganz das Meisterwerk, als das er beworben wird. Die Achterbahnfahrt bleibt ohne Loopings, man muss sich nicht anschnallen, wird nicht durchgeschüttelt. Danach ist weder das Innere nach außen gestülpt, noch ist man den Tränen nahe oder euphorisch. Aber das Haar wurde vom Fahrtwind (der Wirkung der Musik) durchgewuschelt. Und das hebt ihn dann doch aus der Masse heraus. A Star is born sollte man sich deshalb nicht auf der großen Leinwand entgehen lassen! Wäre Jackson Miles real (natürlich ohne Alkoholsucht), die nächste Tour wäre ausverkauft! Die Songs und Konzertszenen werden sicher lange im Gedächtnis bleiben. Vielleicht für immer. Und dafür hat der Film 8 Tickets verdient.

8Tickets

A Star is born, 2018, Laufzeit 120 Minuten.

10 Gedanken zu „[Filmkritik] A Star is born und es ist nicht Lady GaGa

    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Du Arme! Da drück ich die Daumen, dass der Mist jetzt vorbei ist und du es wieder ruhiger angehen lassen kannst.

      Obwohl mich der wahnsinnig gute Soundtrack seit Dienstag begleitet, ist der Film kein Wohlfühl-Movie (wie man bei dem Inhalt schon ahnt). Ein Happy End gibt es deshalb nicht (ich hoffe, das ist nicht zuviel verraten), was schon triggern kann.

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      1. blaupause7

        Das ist nicht schlimm, ich gehe heute abend ins Kino und schau ihn mir an. Es gibt auch Filme ohne Happy End, die mir gefallen. Und andererseits gibt es Serien, die andere ganz toll finden wie z.B. Breaking Bad – da musste ich nach der 2.Folge der 2.Staffel aufgeben, weil ich die Tatsache, dass Walter White Krebs im Endstadium hat, nicht ertragen konnte. Auch wenn es eine Serienfigur ist, DAS z.B. hatte eine unheimliche Triggerwirkung auf mich.

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      2. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Ich muss sagen, dass mich das Ende von A Star is born nicht so mitgenommen hat wie bei anderen Film, weil es irgendwie absehbar war. Traurig war’s aber dennoch und wenn man persönliche Erfahrungen in dem Bereich hat, denke ich, dass es auch noch anders wirkt.
        Kann ich gut verstehen mit Breaking Bad, jeder empfindet die Dinge anders.

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      3. blaupause7

        Da ich leider auch jemanden durch Suizid verloren habe (was aber schon mehr als 25 Jahre her ist), hatte ich zu dem krassen Ende wirklich einen anderen Bezug. Das macht aber nichts, der Film hat mir trotzdem sehr gefallen.

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      4. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Wir hatte ja schon mal darüber geschrieben, weshalb ich dich ein bisschen vorwarnen wollte, ohne zuviel zu verraten.
        Ich fand jedoch, dass das Ende mit viel Feingefühl umgesetzt wurde. Denn es wurde nicht „draufgehalten“, sondern man sah es aus gebührender Entfernung und mit geschlossener Tür sozusagen.
        Freut mich, dass der Film dir aber trotzdem gut gefallen hat. Er hat schon was!

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      5. blaupause7

        Ja, das war es. Ich muss da an den Film „Control“ von Anton Corbijn über die Band Joy Division und deren Sänger Ian Curtis denken, der sich erhängt hat. Auch da wurde mit dem Thema sensibel umgegangen, und auch da wusste ich, was mich erwartet.

        Nur im Fall von A Star is born hatte ich die Warnung wohl komplett vergessen oder verdrängt, weil die vergangene Woche für mich echt hart gewesen ist.

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