[Filmkritik] Ghost Stories lehrt das Fürchten

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Horrorfilme bedienen sich der immer gleichen Geschichten und Werkzeuge. Das lässt sich im Grunde für viele Genres feststellen, doch anscheinend verlassen sich gerade Vertreter dieses Bereichs sehr auf althergebrachte Muster. Dunkelheit, seltsame Geräusche, unheilvolle Musik, verfallene, unübersichtliche Gebäude, eine unsichtbare Bedrohung, plötzlich auftauchende Monster, Geister oder Serienmörder gehören zum Einmaleins. So zuverlässig diese Zutaten Horrorfans ansprechen und in die Kinosäle tragen, so oft fühlt man sich als sehr sporadischer Zuschauer gelangweilt. Das Ganze ist häufig zu offensichtlich, zu erwartbar, zu abgedroschen. So ging es zumindest mir bisher und ich kam zu dem Schluss, dass Horrorfilme es einfach nicht schaffen, mich zu gruseln. Doch dies gehört nun der Vergangenheit an. Ich habe den ersten Film gefunden, den ich wirklich unheimlich, gruselig, unheilvoll, ekelig (ohne Einsatz von Blut oder anderen Flüssigkeiten), spannend und ungemütlich finde. Der mir sogar einige Zeit später noch im Kopf herumspukt (!! 😀 ) . Aber was mache ich es so spannend, die Überschrift sagt ja schon, dass es sich um Ghost Stories (2017) handelt.

Professor Phillip Goodman hat es sich in seiner TV-Show zur Aufgabe gemacht, betrügerische Hellseher zu enttarnen. Inspiriert wurde er dazu von seinem großen Vorbild Charles Cameron. Der untersuchte in den Siebzigern ebenfalls vermeintlich paranormale Phänomene, entlarvte sie öffentlich als Humbug. Irgendwann verschwand er spurlos und wurde selbst zum Mysterium. Jahrzehnte später erhält Phillip eine Einladung von eben diesem Mann. Natürlich ist er mehr als überrascht und macht sich auf, sein Idol zu treffen und vielleicht die Gründe für dessen Verschwinden zu erfahren.
Der alte Mann ist krank und lebt in einem verwahrlosten Wohnmobil. Seinem Besucher überreicht er eine Akte mit drei seiner Fälle. Die mysteriösen Begebenheiten konnte er trotz aller Bemühungen nie aufklären. Deshalb glaubt er, sie könnten tatsächlich echt sein. Nun soll Phillip den Dingen auf den Grund gehen und die Annahme bestätigen. Obwohl der absolut vom Gegenteil überzeugt ist, möchte er seinem Idol den Wunsch nicht abschlagen. So wird er auf einen einsamen Wachmann stoßen, der während seines Dienstes von Geistern verfolgt wurde. Einen verstörten oder vielleicht auch paranoiden Teenager, der ein unheilvolles Wesen im Wald angefahren hat und schließlich einen Geschäftsmann, der einem Poltergeist begegnet ist. Phillip ahnt nicht, dass auch er etwas höchst Beunruhigendes erleben wird.

Der Film bettet die drei Fälle in die Rahmenhandlung um Phil ein. Vordergründig stehen sie in keinem Zusammenhang miteinander, doch Ghost Stories ist kein reiner Episodenfilm, der einen Rahmen braucht, um erzählt zu werden. Geschickt werden dem Zuschauer viele mehr oder weniger subtile Hinweise gegeben, dass die Geschichten sehr wohl in Verbindung stehen und auch bedeutsam für Phil sind. Inwiefern kann man sich zum Glück unmöglich selbst zusammenreimen. Erst durch den Schluss ergeben die Hinweise und das große Ganze einen nicht vorhersehbaren Sinn.

Die Geschichten selbst sind relativ simpel. Ihre Umsetzung ist jedoch famos. Die Bilder sind farblos, düster und führen die Zuschauer teilweise in fast völlige Dunkelheit, die nur von einem Lichtkegel o.ä. durchbrochen wird. Nicht nur wird dadurch eine unheilschwangere Atmosphäre aufgebaut. Es ist außerdem, als würde man sich Seite an Seite mit dem jeweiligen Protagonisten vorantasten. Seine Unsicherheit, seine Ängste und Gedanken hautnah miterleben. Die Überschrift des Films trifft dabei in mehr als einer Hinsicht absolut zu. In Kombination mit den Kameraperspektiven werden der eigenen Wahrnehmung ebensolche Streiche gespielt wie es die Figuren erleben. Man meint, Geister und Monster zu sehen, wo letztlich gar keine vorhanden sind. Das heißt allerdings ganz und gar nicht, dass es sie nicht gibt. Die Kamera zeigt die Figuren oftmals vor einem Hintergrund, d.h. einem Fenster, einem Flur etc., so dass man immer einen Teil der Umgebung im Blick hat und somit erwartet, dort auch etwas zu sehen. Die Atmosphäre ist von Anfang an da, verdichtet sich, lockert sich etwas auf und nimmt wieder bis zum „bitteren“ Ende zu.

Ghost Stories verfügt über einen sehr soliden Spannungsbogen, obwohl das Erzähltempo eher gemächlich wirkt. Das fördert jedoch einerseits zusätzlich die Spannung und Atmosphäre und macht andererseits die wohldosierten jump scares umso überraschender und eindrucksvoller. Klar, man weiß auch hier, altbekannte Versatzstücke werden eingesetzt werden, aber sie werden so inszeniert, dass sie tatsächlich den größtmöglichen Effekt erreichen. Dabei werden technische Spezialeffekten nur in geringem Maße eingesetzt , vielleicht sind sie auch einfach kaum als solche zu erkennen. Viele Gruselmomente werde ohnehin durch sehr kleine oder schlichte Ideen geschaffen, wie z.B. lange Finger mit ungepflegten spitzen Fingernägeln, die aus dem Nichts zu kommen scheinen und langsam den Hals des Opfers hinaufkrabbeln…

Die einzelnen Geschichten werden ohne viel Federlesen an ihren gruseligen Kern geführt. Als Verschnaufpause dienen in gewisser Weise die Zwischensequenzen, in denen Phil seine Gesprächspartner aufsucht. Dabei fällt auf, dass seine Recherche nur aus diesen Interviews zu bestehen scheinen. Lediglich im Fall des Wachmanns spricht er auch mit dessen Seelsorger. Er besucht die Spukorte selbst aber gar nicht, geschweige denn, dass er dort irgendwelche Instrumente aufbauen würde. Dennoch schafft es der Film, dass man diese Umstände nicht hinterfragt oder gar negativ wahrnimmt. Selbst als Phillip nach seinen Untersuchungen zu Charles Cameron zurückkehrt und die Handlung plötzlich surreale Züge annimmt, bleibt man am Ball und will wissen, was dahintersteckt. Tatsächlich ist die Auflösung überraschend, fundiert und emotional.

Die Schauspielriege leistet exzellente Arbeit. Kritisch anmerken ließe sich in unserer Zeit höchstens, dass Ghost Stories ein reiner Männerfilm ist. Frauen sind im wahrsten Sinne nur Randerscheinungen.
Besonders eindrucksvoll zeigt sich Alex Lawther als junger schwerst verunsicherter Simon Rifkind. Martin Freeman ist der prominenteste Darsteller und macht seine Sache erwartungsgemäß gut, faktisch braucht der Film aber keine „großen Namen“. Offensichtlich sieht das Marketing das erwartungsgemäß anders, denn wie ließe sich sonst erklären, dass er als Nebenfigur im Zentrum des Filmposters steht? Hauptdarsteller Andy Nyman überzeugt sowohl als Skeptiker als auch als gebeutelter, verängstigter Mann. Fun Fact: Nyman ist nicht nur Schauspieler, sondern produziert außerdem Shows des berühmten britischen Magiers Derren Brown.

Ghost Stories ist ein überaus gelungener Vertreter seines Genres. In Zusammenhang mit Großbritannien als Handlungsort und den dafür typischen Settings steht er ganz in der Tradition alter Horrorklassiker. Er hat mich als sporadischer Horror- bzw. Gruselfilm-Zuschauerin endlich das Fürchten gelehrt und ich ahne, was man an diesem Genre faszinierend finden kann. Sicher werde ich den Film noch weitere Male schauen. Erstaunlich ist, dass er auf einem Theaterstück basiert und ich würde zu gerne erfahren, wie die verzahnte Handlung dort in Szene gesetzt wurde.

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5 Gedanken zu „[Filmkritik] Ghost Stories lehrt das Fürchten

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