[Serienkritik] Homecoming

Homecoming

Heidi Bergman arbeitet in einem kleinen Diner als Kellnerin, als sie überraschend von einem Beamten des Verteidigungsministeriums aufgesucht wird. Jahre zuvor hat sie als Sozialarbeiterin bei Homecoming gearbeitet. Einer Einrichtung, in der Soldaten mit posttraumatischen Störungen auf ihr Leben in der Heimat vorbereitet werden sollten. Der Beamte untersucht Beschwerden über Homecoming und möchte Heidi dazu befragen. Doch die ist sehr abweisend und weigert sich, mit ihm zu sprechen. Will oder kann sie es nicht? Rückblenden zeigen sie bei ihrer früheren Arbeit, den Auseinandersetzungen mit ihrem dubiosen Chef und in den Sitzungen mit ihrem sympathischen Klienten Walter, zu dem sie eine besondere Beziehung aufgebaut hatte. Aber was geschah wirklich hinter den Kulissen von Homecoming?

Die Miniserie ist inhaltlich abgeschlossen und besteht aus zehn Episoden, die jeweils nicht länger als eine halbe Stunde sind. Wenig Zeit, um eine Geschichte und ihre Figuren zu entfalten. Doch was den X-Files in einer Folge gelingen konnte, sollte zehn durchaus möglich sein.

Visuell und atmosphärisch ist Homecoming sehr interessant.
Am auffälligsten ist das Bildformat. Heidis Gegenwart spielt sich in einem schmalen Bildausschnitt ab, während die Vergangenheit im üblichen Breitbandformat abläuft. Anfangs muss man sich zurecht finden, welche Zeitebene gerade dargestellt wird. Auch später muss man sich manchmal daran erinnern. Dieser Kniff ist aber weit mehr als ein Gimmick und überraschend hintersinnig, denn er wird später inhaltlich begründet.
Dunkele Farben, Kameraeinstellungen und -fahrten, Vogelperspektiven  und eine langsame Erzählweise zitieren große Vorbilder wie Alfred Hitchcock und Louis Malle. Die variantenreiche musikalische Untermalung beherrscht viele Szenen und trägt einen großen Anteil an der surrealen und unheilvollen Atmosphäre. Schnell fühlt man sich in eine Art Schwebezustand versetzt, der Heidis Situation ähnelt. Worauf läuft die Geschichte hinaus? Wer ist Held, wer Widersacher? Was steckt hinter Homecoming? Welche Absichten hat der Konzern, der es gegründet hat. Gekonnt wird mit Ängsten, z.B. vor Kontrollverlust, Verschwörung von Staat und Wirtschaft gespielt. Das alles ist handwerklich sehr überzeugend und trägt über weite Strecken zum Spannungsaufbau bei. Dass sich die Geschichte vorrangig in Gesprächssituationen entfaltet, mindert diesen nur wenig.

Leider gibt es ein großes Aber. Die effektvolle Oberfläche wird inhaltlich überhaupt nicht unterfüttert. Die Serie macht sich einen weiteren Kniff zunutze und lässt sich mit den ersten Enthüllungen um die Therapieeinrichtung sehr viel Zeit. Sobald sie aber beginnen, folgen sie einem erstaunlich ausgetreten Pfad. Nichts davon ist raffiniert, emotional oder gar schockierend. Die eigentliche Sensation an Homecoming ist somit tatsächlich die Inhaltsleere. Nicht nur, aber gerade in Anbetracht der kunstvollen Oberfläche.

Neben dem optischen und akustischen Aufbau verlassen sich die Macher völlig auf ihre bekannte Darstellerriege, allen voran Julia Roberts als Heidi Bergmann. Folglich wird die Geschichte in erster Linie aus ihrer Perspektive erzählt. Wie nicht anders zu erwarten überzeugt Roberts und hat auch keine Angst, sich kaum geschminkt und unglamourös zu zeigen.
Keine der Figuren bietet allerdings eine große Identifikationsfläche oder ermöglicht, eine Bindung zu ihr aufzubauen. Jede hat ihre Bedeutung fürs große Ganze, lädt aber nicht dazu ein, sich um ihr Schicksal zu sorgen. Dies ist der oberflächlichen Charakterisierung geschuldet. Es wird kaum etwas über ihr Leben, ihre Vergangenheit oder ihr soziales Umfeld bekannt. Alle bleiben unangemessen blass. Vermutlich ist das sogar beabsichtigt, um sie möglichst zwielichtig erscheinen zu lassen. Auch hier sollen die Zuschauer im Trüben fischen, ob und was sie im Schilde führen könnten. Allein Heidi und ihr Klient Walter können Sympathien wecken, aber auch das zu wenig, um wirklich mit ihnen zu fühlen. Nicht, dass ein Missverständnis aufkommt, alle SchauspielerInnen machen das Beste aus dem Wenigen, das ihnen zur Verfügung gestellt wird. Doch dieses steht in keinem Verhältnis zu ihrem Potential. Am stärksten vergeudet wird die großartige Sissy Spacek als Heidis grantige Mutter.

Durch seine clevere und vielschichtige Inszenierung ist Homecoming ein einziges großes Versprechen. Ihre Faszination bezieht die Miniserie daraus, die Zuschauer lange im Dunklen  zu halten. Sobald das Licht eingeschaltet wird, stellt sich die Geschichte jedoch als bekannt und sogar langweilig heraus. Das Versprechen wird nicht eingelöst. Eine einzelne Akte-X-Folge ist gehaltvoller. Schade.

6/10 Tickets

6Tickets

Homecoming, Amazon Prime 2018.

2 Gedanken zu „[Serienkritik] Homecoming

  1. flightattendantlovesmovies

    Ich kann Dir nur zustimmen. Ich hatte mich wahnsinnig auf „Homecoming“ gefreut, vordergründig weil Sam Esmail (Serienschöpfer des genialen Serie „Mr. Robot“) beteiligt ist. Habe hier die ganze Zeit auf was „Großes“ in der Erzählung gehofft und war am Ende leer und enttäuscht. Gut, Sam Esmail ist, was ich aber auch erst später erfahren habe, hier nicht der kreative Kopf hinter der Story. Für die beteiligten Talente ist das Ganze wirklich dünn. Das Format mit 30 Minuten pro Folge war vielleicht auch hinderlich. Die Schauspieler sind aber alle ganz gut, besonders Stephan James hat mir gefallen.

    Gefällt 1 Person

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