[Filmkritik] Rocketman (2019)

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Achtung leichte Spoiler!

Im buntschillernden Kostüm stürmt Elton John in die Therapiestunde einer Entzugsklinik. Am Boden zerstört findet er endlich die Kraft, sein Leben ändern zu wollen und so beginnt er zu erzählen. Von der lieblosen Kindheit, seinen ersten musikalischen Gehversuchen, die zu einer großen Karriere führten, den Menschen, denen er vertraute und seinem exzessiven Drogenkonsum.

Wenn Egerton in der Therapie platz nimmt und zu erzählen beginnt, setzt das den Grundton für den gesamten Film. Die Zuschauer wissen sofort, hier soll das Innere des Künstlers nach außen gekehrt werden, den Gründen für seine Süchte schmerzlich auf den Grund gegangen werden. Jede Leichtigkeit und Freude, die der Film und seine Musik verströmen könnten, ist so von Anfang an von einer gewissen Tragik und Traurigkeit getrübt. Sein farbenfrohes Kostüm konterkariert dies nur oberflächlich, denn es dient so wie seine übrigen Kostüme lediglich der Camouflage. Dahinter versteckt sich der unsichere Junge Reginald, dem es an Selbstwertgefühl mangelt. Folgerichtig entledigt sich Elton im Lauf der Therapiesitzung seiner Aufmachung bis er ein Typ im Jogginganzug ist.

Eine Therapiesitzung als Rahmenhandlung ist ein gleichermaßen cleverer wie relativ einfacher Weg, um Eltons subjektive Sicht auf die Erzählweise des Film zu übertragen.
Rückblenden zeigen Reginald Dwights Kindheit in einem lieblosen Elternhaus, die Sehnsucht zuerst nach elterlicher und dann genereller Anerkennung, seine ersten musikalischen Schritte, die Verwandlung in den exzentrischen Rockstar Elton John sowie die Hochphase seiner Karriere, die durch Drogenkonsum und gesundheitliche wie psychische Probleme geprägt ist. In regelmäßigen Zwischensequenzen wird Eltons Reaktion und damit seine Deutung der Vergangenheit gezeigt. Nie soll in Vergessenheit geraten, dass es sich hier um einen Seelenstriptease handelt. Deshalb wird den Zuschauern außerdem vieles graphisch entgegen geschleudert. Stichwort „Sex, Drugs and Rock’n Roll“. Subtilität ist hier genauso wenig angebracht wie bei den Unzulänglichkeiten der Figuren. So outet sich Elton in der Therapie unverblümt als Abhängiger verschiedenster Substanzen und Sex oder das verletzende Verhalten seiner Eltern und seines Managers John Reid wird ungeschönt dargestellt. Letzteres lässt die drei allerdings relativ eindimensional erscheinen, da sie auf dieses Verhalten reduziert werden. Der Eindruck von Offenheit, den Fletchers Inszenierung nahelegt, hält einer näheren Betrachtung allerdings nicht Stand, denn Elton John bleibt ein Mysterium. Zu vieles wird nicht näher beleuchtet oder überhaupt nicht thematisiert. Beispielsweise wird behauptet, Elton leide unter unkontrollierten Wutausbrüchen. Tatsächlich gibt es jedoch keine einzige Szene, in der er unbeeinflusst von Drogen jähzornig reagieren würde. Wie ist seine Persönlichkeit abgesehen von seinem Talent, den Unsicherheiten und der Sehnsucht nach Liebe? Ist er humorvoll, großzügig, liebevoll, ehrgeizig, mitfühlend? Der Film zeigt es jedenfalls nicht. Dafür scheut er nicht davor zurück, Elton auch als körperliches und psychisches Wrack zu zeigen.

Fletcher hat Rocketman auf die Fahnen geschrieben, ein Musical Fantasy zu sein. Das bedeutet einerseits, dass er sich am Musical-Genre orientiert und Szenen in Gesangs- und Tanznummern übergehen lässt. Lieder werden nicht chronologisch, sondern als Bestandteil der Erzählung eingefügt. Das heißt die Texte spiegeln das Geschehen oder die Emotionen der Figuren wider. Das ist zweifellos sehr gut gemacht und sehr abwechslungsreich. Allerdings können die meisten Songs nicht ihre volle mitreißende Wucht entfalten, da sie nur in Teilen angespielt werden. Das ist wirklich enttäuschend, weil sie extrem gut arrangiert sind, was man beim Hören des reinen Soundtracks sofort feststellt. Man würde im Kino gerne länger in ihnen schwelgen.

Visuell ist der Film ein Hammer. Specialeffects wie ein schwebendes Publikum verblüffen. Die Optik ist sehr bunt und exzentrisch, was in erster Linie an der extravaganten Garderobe des Protagonisten liegt. Die Kostüme sind perfekt, die Ausstattung ist hinreißend, Zeitgeist der Siebziger- und Achtzigerjahre werden lebendig. Die Gegenüberstellung von Egertons Film- und Eltons realen Kostümen im Abspann zeigt eindrucksvoll, wie authentisch gearbeitet wurde.

Dem entgegen stehen Szenen, in denen die naheliegendste Möglichkeit gewählt und/oder Chancen ungenutzt bleiben. Elton als Rakete in die Luft zu befördern, ist ein Beispiel für beides. Wenn schon übertreiben, dann doch bitte mit allem Brimborium und Knalleffekten, die man sich nur denken kann. Auch bei vielen der Musicalnummern hätte durchaus noch eine Schippe drauf gelegt werden können.
I’m still standing nicht unter Aufbietung aller visueller und musikalischer Mittel als Überlebenshymne zu inszenieren, verschenkt die Möglichkeit, das Filmende auf eine noch stärkere emotionale Ebene zu heben. Gleiches gilt für den Entschluss, das nachgestellte Video nicht ins Original übergehen zu lassen und so den Bogen zum realen Vorbild zu schlagen. Wenigstens setzt der gemeinsame Song I’m gonna love me again von Elton John und Taron Egerton im Abspann einen schönen Schlusspunkt.
Aber auch anderen Szenen wird ein größerer Effekt genommen, indem z.B. Elton direkt nach seinem Selbstmordversuch in einer Tanznummer in neue Kostüme gesteckt und auf die Bühne geschickt wird. Ja, es ist klar, was damit ausgedrückt werden soll und aus Elton Johns Perspektive macht es vollkommen Sinn. Als Zuschauer hätte man jedoch gerne erfahren, wie sein Umfeld auf seinen Selbstmordversuch reagiert hat.

Andererseits heißt Musical Fantasy, dass der Film kein Biopic sein will und künstlerische Freiheiten immanent sind. Historische Genauigkeit, eine bestimmte chronologische Reihenfolge können zugunsten künstlerischer Entscheidungen vernachlässigt werden. So werden nur wenige Ankerpunkte wie Elton Johns Aufnahme an der Royal Academy of Music, die Auseinandersetzung mit seinem Manager oder seine Ehe überhaupt thematisiert. Sie werden allerdings eher abgehakt, als erzählt. Hat Elton John tatsächlich seinen Abschluss gemacht oder hat er die Ausbildung vielleicht wegen Unterforderung abgebrochen? Gilt der Vertrag mit Reid heute noch? Warum ist seine Frau die Ehe mit ihm eingegangen? Was waren die Trennungsgründe? Ja, auch diese kann man sich zusammenreimen, aber liegt man damit richtig? Chronologische Referenzen beschränken sich vornehmlich auf die Kostüme, die er tatsächlich anlässlich bestimmter Auftritte trug. Um welche Konzerte es sich genau handelt, kann allerdings nur mit Vorwissen beantwortet werden. Somit kulminiert Elton Johns Karriere in den Augen des Kinopublikums zu einem einzigen Kostümreigen. Das mag seiner eigenen Drogen umnebelten Wahrnehmung in jener Zeit sehr nahekommen, aber die Ausnahmekarriere wird dadurch nicht so gewürdigt wie sie es verdient hätte.

Wie gesagt möchte sich Fletcher mit diesen Dingen gar nicht beschäftigen. Aufs Wesentliche heruntergebrochen dreht sich alles um Eltons schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern und dem resultierenden Wunsch anerkannt und geliebt zu werden. Abendfüllend, aber dennoch etwas beschränkt. Aus beidem zieht der Film den Schluss „Ungeliebt zu sein, führt zu selbstzerstörerischem Verhalten“. Und diese These wird dann immer wieder belegt bis die Schlussszene die Lösung anbietet. Diese besteht wortwörtlich darin, das eigene innere Kind zu umarmen. Nicht nur in dieser Hinsicht hinterlässt die Szene einen Nachgeschmack, denn ihr Inhalt scheint eher einem Selbsthilferatgeber als einem innovativen Drehbuch entnommen worden zu sein. Womit wieder der offensichtlichste und einfachste Weg beschritten wurde.

Im Mittelpunkt steht naturgemäß Taron Egerton, der optisch und gesanglich ein Glücksgriff ist, da er seinem Vorbild sehr nahekommt. Nichtsdestotrotz gelingt nur in wenigen Szenen die totale Metamorphose, meistens ist sehr klar, dass es Taron Egerton in Perücke und großem Hofstaat ist. Das macht seine Darstellung jedoch keinesfalls weniger eindrucksvoll. Glaubwürdig verkörpert er jedes Entwicklungsstadium seines Vorbilds, mittels kleinster Regungen und Gesten stellt er die Gefühlswelt Eltons dar. Auch die jüngeren Elton-Versionen sind sehr passend besetzt und machen ihre Sache überaus gut.
Ansonsten ist der Hauptcast sehr überschaubar. Er umfasst Eltons Eltern Sheila (Bryce Dallas Howard) und Stanley (Steve Mackintosh), seinen kongenialen Texter und besten Freund Bernie Taupin (Jamie Bell) sowie seinen Manager und Liebhaber John Reid (Richard Madden). Alle spielen sehr überzeugend. So sehr, dass man Sheila, Stanley und John fast hassen lernt und sehr gut nachvollziehen kann, was Elton durchmachen musste. Bernie Taupin und Großmutter Ivy sind nicht nur dessen emotionale Anker, Unterstützer und Stimmen der Vernunft, sondern auch Eltons einzigen positiven Beziehungen. So werden sie zu den eigentlichen Sympathieträger der Geschichte. Erstaunlicher Weise ist Jamie Bells Duett mit Taron Egerton von Goodbye Yellow Brick Road das emotionalste Stück des Films.

Trotz aller Kritikpunkte ist Rocketman ein sehr gelungener Musicalfilm, der von Elton Johns Kämpfen erzählt. Es macht Spaß, sich dem Zauber hinzugeben und viele werden ihn für seine angeblich schonungslose Offenheit preisen. Dass unsere Gesellschaft stärker auf plakative als auf zurückhaltende Darstellungen abfährt, ist in Zeiten des Internets kaum verwunderlich.
Wenn große Künstler als Persönlichkeiten mit Stärken und Schwächen gezeigt werden und Menschen sich damit identifizieren können, ist das generell sehr wichtig und nur zu befürworten. Emotional und musikalisch wäre jedoch noch mehr möglich gewesen. Ein wenig krankt der Film auch an seinem überragend großartigen Trailer, der allein schon für Gänsehaut sorgt und an den schwer aufzuschließen ist.

Kein Vergleich mit Bohemian Rhapsody

8/10 Tickets

8Tickets

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