[Filmkritik] Dieses Mal ist die Nachbarschaft außergewöhnlich groß

Spider_Man_Far_From_Home_Tom_Holland_Iron_Man_Poster

Nach den Ereignissen von Endgame und dem Blip, der den von Thanos eleminierten Teil der Menscheit wieder zurückgebracht hat, findet die Welt langsam wieder zur Normalität zurück. Auch Peter Parker möchte ein Stück davon. Das Auseinanderbrechen der Avengers und ganz besonders der Tod seines Mentors Tony Stark haben Peter verunsichert. Wie soll es weitergehen? Wenigstens für kurze Zeit, möchte er einfach Teenager sein und auf der anstehenden Klassenfahrt nach Europa den Spider-Man-Anzug und damit seine Superheldenidentität zuhause lassen.
In Venedig angekommen, liegt der Anzug doch im Koffer und noch bevor Peter bis zehn zählen kann, taucht schon Nick Fury auf. Der erklärt, die Welt sehe sich einer neuen Bedrohung gegenüber und Peter müsse seiner Superheldenrolle gerecht werden. Glücklicherweise stehe ihm Quentin Beck bzw. Mysterio zur Seite, dessen Welt von den sogenannten Elementals bereits zerstört wurde.

Das neueste Abenteuer der netten Spinne aus der Nachbarschaft funktioniert auch außerhalb seines angestammten Reviers. Was auf dem Papier wie beliebiges Schauplatz-Hopping anmutet, entwickelt sich zu einer rasanten Reise. Das liegt zum einen daran, dass der Film auf verschiedenen Ebenen agiert und zum anderen an der gut abgestimmten Mischung seiner elementaren Bestandteile. (Dass Berlin kaum in Erscheinung tritt und London dafür umso mehr, wirkt sich für mich persönlich ebenfalls sehr positiv aus).

Genauso wie sich Peters Leben in verschiedene Bereiche spaltet, teilt sich der Film in verschiedene Handlungsebenen auf.

Einerseits führt Peter das Leben eines Teenagers, das von Spaß, Liebe, Unsicherheiten und Rivalitäten geprägt ist. Hier fühlt man sich an die High-School-Komödien der Achtzigerjahre erinnert. Zwar fragt man sich, wer eine Klasse mit derart unfähigen Lehrern ins ferne Europa schicken würde, nimmt die Prämisse aber wohlwollend hin. Dasselbe gilt, wenn die Lehrer jedes Upgrade ungefragt hinnehmen.
In jedem Fall gibt es rundum die Klassenfahrt viele witzige Momente und lockere Sprüche, die stellenweise leider schon mal ins Alberne abdriften.
Ein weiterer Aspekt zeigt, wie die Welt und insbesondere Peter mit dem Verlust von Tony Stark umgehen. Peter trauert um seinen Mentor, hadert aber auch mit den großen Fußstapfen, die der hinterlassen hat. Bis hierhin handelt es sich um eine Coming-of-Age-Geschichte.
Daran schließt sich Mysterios Strang an. Er zwingt Peter endgültig eine Entscheidung zu treffen. Natürlich hält dieser Teil die Action bereit, beschränkt sich jedoch nicht darauf. Vielmehr sorgt er für jede Menge mal mehr mal weniger unvorhersehbare Wendungen, visuelle Bonbons und wirft sogar philosophische Fragen auf. Obwohl von Anfang an klar ist, dass Mysterio der Widersacher ist, ist nachvollziehbar, warum man ihm Vertrauen schenken könnte. Die Schnelligkeit, in der das geschieht, verblüfft allerdings etwas, kann aber ebenfalls mit der großen Lücke, die Iron-Man gerissen hat, erklärt werden. Mysterios Einbindung ins MCU erfolgt nahtlos, denn seine Motivation (und nicht nur die) ist in der Vergangenheit begründet. Zwar hätte sie noch eindrucksvoller begründet werden können, aber wie sie aufgedeckt wird, überrascht positiv und zeigt abermals, wie reflektiert die Drehbuchautoren vorgehen.

Die Ebenen werden mit großem Tempo verwoben und es kommt wirklich keinen Moment Langeweile auf. Tatsächlich wundert man sich am Ende, wie schnell über zwei Stunden verflogen sind. Der Kontrast zwischen High-School-Komödie und Weltuntergangsszenario bringt Spannung, wobei ersteres immer wieder für harmlose Gags, d.h. Verschnaufpausen und Ablenkung sorgt.

Sowohl Mysterio als auch Jake Gyllenhaal ist eine eindrucksvolle Bereicherung für das Marvel-Universum. Man glaubt ihm seine Darstellung in jeder kleinen Nuance. Es wäre mehr als wünschenswert, wenn beiden eine Rückkehr ermöglicht werden würde. Tom Holland hat sich inzwischen aber wirklich zu einem würdigen Nachfolger von Tobey Maguire gemausert. Die übrige Besetzung ist bekannt, so dass hierzu nichts mehr ist. Erstaunlich ist , dass die meisten Nebenfiguren nicht eindimensional bleiben. So drangsaliert Flash Thompson Peter, sein Bedürfnis all sein Tun ins Internet zu stellen und die Bewunderung für Spider-Man zeigen jedoch seine Unsicherheit. Selbst die Lehrer verlieren ihren Status als reine Lachnummern, wenn einer von ihnen von der Rückkehr seiner „geblippten“ Ehefrau erzählt. Toll sind auch die Szenen mit Happy bzw. mit Happy und Mae. Sie sorgen einerseits für komische Sequenzen, nehmen andererseits immer wieder Bezug auf die Ereignisse und Auswirkungen von Endgame.

Auch visuell wird eine große Bandbreite abgedeckt. Die Elementals sind Standardkost und erinnern an den Sandman aus Sam Raimis Spider-Man 3. Daneben gibt es aber sehr ideen- und abwechslungsreiche Spezialeffekte zu sehen, die den 3D-Zuschlag endlich mal wieder zu einer lohnenswerten Investition machen. Besonders in den späteren, sehr speziellen Szenen zwischen Spider-Man und Mysterio erhält es ungeahnte Legitimation. Diese Szenen bleiben dementsprechend wohl am nachhaltigsten in Erinnerung.

Passend und abwechslungsreich werden die die Szenen musikalisch untermalt und emotional verstärkt. Der Soundtrack reicht von Klassik über Rock bis hin zu italienischer Schlagermusik. Wer hätte jemals für möglich gehalten, dass es Caterina Valente in einen Marvelfilm schaffen würde und es passend wäre?! Darüber hinaus spricht auch die Musikauswahl für die Liebe zum Detail, die den ganzen Film durchzieht. Selbst hier verstecken sich nämlich Referenzen auf frühere MCU-Filme.

Wieder schwingt sich Spider-Man durch die Lüfte und in diesem Fall schwingt er sich außerdem zu neuen Höhen auf. Als Fan der drei Filme mit Tobey Maguire muss ich sogar eingestehen, dass Spider-Man: Far From Home den Vergleich nicht zu scheuen braucht. Der Film findet die richtige Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit, Action und anrührenden Momenten. Ein toller Sommer-Blockbuster, dessen Endcredit-Szenen keinesfalls verpasst werden sollten, da die allerletzte tatsächlich noch eine große Überraschung parat halten.

9/10 Tickets als Marvelfilm, 8/10 Tickets im genreübergreifenden Vergleich.

9Tickets

Möchtest du einen Kommentar verfassen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.