[Filmkritik] Yesterday: Beatles-Hits mit angezogener Handbremse

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Folgende Kritik beinhaltet Spoiler, die mit SPOILER angekündigt werden und dann in weißer Schrift auftauchen. Um sie zu lesen, bitte einfach den Text markieren.

Yesterday

All my troubles seemed so far away

Wer kennt nicht den Klassiker der Beatles? Nun, in Danny Boyles neuestem Regiewerk Yesterday können wir uns alle in die Situation versetzen lassen, dass niemand die großen Melodien der Liverpooler Fab Four kennt. Niemand? Nun, nicht ganz.

Der erfolglose Musiker Jack (Himesh Patel) steht kurz davor, seine Gitarre an den Nagel zu hängen und in seinen Job als Lehrer zurückzukehren. Seine Managerin Ellie (Lily Collins) möchte ihn zwar überzeugen weiterzumachen, aber Jack hat die Hoffnung auf den Durchbruch aufgegeben.
Auf dem Heimweg von einem weiteren Fiasko fällt plötzlich überall der Strom aus und Jack von seinem Fahrrad. Kurz darauf fehlen ihm nicht nur seine Vorderzähne, sondern der Welt gleich die legendären Beatles. Jack kann es nicht fassen, er scheint der einzige Mensch zu sein, der ihre Lieder kennt! Das bietet doch ungeahnte Möglichkeiten für einen frustrierten Musiker.

Als ich das erste Mal über den Trailer stolperte, stand für mich als Beatles-Fan fest, dass ich den Film auf jeden Fall im Kino sehen würde. Ein weiteres Argument war, dass Richard Curtis sich für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Gerne erinnere ich mich, mit welch breitem Lächeln ich aus seinen Filmen Notting Hill oder Tatsächlich Liebe gekommen war. Selbst bei der x-ten Wiederholung unterhalten sie vortrefflich.

Yesterday ist eine Komödie mit großem Wohlfühlcharakter. Jack ist ein sympathischer Typ, den man gerne auf seinem Abenteuer begleitet. Auch alle anderen Figuren sind sehr gut besetzt und sympathisch. Seien es seine etwas verpeilten Eltern, seine Managerin Ellie, sein durchgeknallter Freund Rocky (Joel Fry) (der mich an Hugh Grants WG-Genossen Ike in Notting Hill erinnert hat und  meine besonderen Sympathien genoss) oder Ed Sheeran. Sein Engagement ist ein Geniestreich und für den Film ein Glücksfall. Allein durch sein Erscheinen sorgt er für einen Wow-Effekt, schafft Möglichkeiten, komische Situationen heraufzubeschwören. Außerdem dient seine Tour als eindrucksvolle Kulisse, ermöglicht große Szenerien und Momente. Unwillkürlich fragt man sich allerdings, was ohne diese Unterstützung übriggeblieben wäre. Ed Sheeran ist nämlich nicht nur ein komischer Sidekick, wie es uns der Film verkaufen will, sondern eine wichtige Stütze. Die einzige Figur, die außerdem etwas Würze hineinbringt, ist die abgebrühte amerikanische Musikmanagerin Debra Hammer (Kate McKinnon). Allerdings ist sie schon wieder so überzeichnet, dass sie für Lacher statt Spannung sorgt. Nichtsdestotrotz macht sie ihre Sache wirklich gut und man kauft ihr die Rolle definitiv ab.

Die Handlung verläuft viel zu gradlinig und bietet keine wirklichen Überraschungen. Spoiler: Jack plagen beispielsweise  sehr schnell Gewissensbisse, weil er die fremde Musik als seine eigene ausgibt. Wäre es nach all den erfolglosen Jahren nicht naheliegender gewesen, dass er den so herbeigesehnten Zustand des Erfolges erst mal hemmungslos auskosten möchte? Das hätte auch für viele witzige Situationen sorgen können.

Es gibt einige Stellen, an denen man sich eine andere Umsetzung oder eine andere Idee gewünscht hätte. Ein Beispiel: Damit die Zuschauer mitzittern, ob  Jack und Ellie zusammenkommen, muss es ein Hindernis für ihre Liebe geben. Leider funktioniert das hier überhaupt, da ein Problem künstlich aufgebaut, das überhaupt keins ist. Man fühlt sich schon etwas verschaukelt, warum von Ellie so ein Drama veranstaltet wird.
SPOILER: Ein weiteres Beispiel ist das Erscheinen eines gealterten John Lennons, das mir überhaupt nicht gefallen hat. Natürlich hat es etwas Tröstliches, dass Lennon in der alternativen Welt keinem Attentat zum Opfer gefallen ist. Vermutlich war sein Auftauchen als großer emotionaler Moment gedacht und die Illusion des gealterten Beatles ist gut gelungen, aber bei mir funktionierte das nicht. Ich fand die Idee vielmehr geschmacklos, aber das mag an meiner Einstellung zu den Beatles liegen. Zudem ist es für mich kaum zu glauben, dass er keine musikalischen Fähigkeiten besitzen soll. Außerdem fragt man sich danach, warum Jack nicht auch die anderen Bandmitglieder aufgesucht hat.

Positiv zu verbuchen ist, dass nicht versucht wird, die Parallelwelt als einen simplen Traum oder eine Halluzination aufzulösen. Der Traum, der auftaucht, hätte nebenbei gesagt allerdings gerne weiterentwickelt werden dürfen. Darüber, dass die Sache mit dem globalen Stromausfall und dem daraus folgenden Verschwinden vieler Dinge gar nicht erklärt wird, kann ich einerseits wohlwollend hinwegsehen. Andererseits stört es aber auch ein kleines bisschen meinen Sinn für Logik. Okay, vielleicht hätte es dann tatsächlich nur durch einen Traum erklärt werden können, aber dass so gar keine Erklärung am Horizont winkt, wirkt als wären Curtis und Boyle so geflasht von der Prämisse gewesen, dass sie sich mit weiterführenden Fragen gar nicht auseinandersetzen wollten. Mein Sinn für Logik wird ebenfalls arg durch den Umstand gebeutelt, dass Ellie und Jack sich einst bei Wonderwall von Oasis kennengelernt haben. Dies ändert sich auch in der Parallelwelt nicht, obwohl die Verbindung zwischen der Band und den Beatles hergestellt wird und die ja bestimmt nicht ohne den berühmten Einfluss in dieser Form existiert hätte und Wonderwall sicher nicht geschrieben worden wäre.

Der Humor ist durchweg vorhanden, lässt einen aber nicht völlig losgelöst aus dem Kino schweben. Schade. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Curtis sein Drehbuch selbst inszeniert hätte. Danny Boyle verdankt seinen Status als Regisseur nun einmal nicht Komödien.

Bleibt nur noch die eine Frage nach der Musik zu klären, immerhin soll hier die der Beatles im Mittelpunkt stehen. Natürlich liefert der Film viele ihrer großen Hits, die dem breiten Publikum gängig sein dürften. Die Arrangements sind gelungen und zeigen deutlich, dass die Melodien zeitlos sind und egal in welcher Umsetzung funktionieren. Genauso selbstverständlich transportieren sie nicht den Zauber der Originale, machen aber Spaß. Darüber hinaus findet sich der Summer Song mit dem Jack vor seinem Unfall auftritt. Er ist schmissig, aber wenn man das Kino verlässt, hat man ihn schon wieder vergessen.

Das alles hört sich jetzt sehr kritisch an, ändert aber nichts daran, dass Yesterday eine gelungene, aber eben nicht herausragende Komödie ist. Um eine kurzweilige Zeit zu genießen, ist der Film definitiv die richtige Wahl, aber es wäre wünschenswert gewesen, wenn die Inszenierung hier und da frecher und frischer ausgefallen wäre. Viel zu sehr verlässt er sich auf die tolle Prämisse und macht sich nicht genug Mühe, sie auszuarbeiten.

7/10 Tickets

7Tickets

Yesterday ist quasi eine ausgearbeitete Version des Trailers, denn der beinhaltet schon viel Inhalt und Atmosphäre des Films.

2 Gedanken zu „[Filmkritik] Yesterday: Beatles-Hits mit angezogener Handbremse

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