[Rezension] Juan Moreno – Tausend Zeilen Lüge

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Im Dezember 2018 erscheint im renommierten SPIEGEL-Magazin ein Artikel in eigener Sache. Er macht öffentlich, dass der preisgekrönte Journalist Claas Relotius (über 40 Journalistenpreise hat er bekommen) maßgebliche Teile seiner Arbeiten erfunden statt ernsthaft recherchiert hat. Die Meldung geht um die Welt und das ist nicht untertrieben. Das ist nicht nur der vorläufige Schlusspunkt seiner Karriere, sondern auch der Bemühungen seines Kollegen Juan Moreno, dass die Verantwortlichen beim SPIEGEL ihm endlich Glauben schenken. Lange war er intern auf taube Ohren gestoßen, hatte um seine eigene Karriere bangen müssen. Es ist nachvollziehbar, dass die Verantworlichen nicht an Relotius zweifeln wollten. Der Glanz seines Erfolgs und seiner Auszeichnungen strahlten auf den SPIEGEL ab. Sie brachten Prestige, Werbung und Leser ein. In einer Zeit sinkender Auflagen kein unerheblicher Faktor. Es war einfacher, Juan Morenos Intention in Frage zu stellen. Vielleicht war er ja nur eifersüchtig auf die Erfolge des jungen Kollegen? Neidisch darauf, dass dieser eine Festanstellung hatte? Doch so war es nicht und er war gezwungen, den Kampf gegen Windmühlen aufzunehmen.

In Tausend Zeilen Lüge legt Juan Moreno seine Sicht der Vorgänge dar, beschränkt sich aber nicht nur auf den gemeinsamen Artikel „Jaegers Grenze“, der den Stein ins Rollen brachte, der wiederum Relotius‘ Karriere beendete.
Dieser Artikel stand am Anfang. Während Moreno einen Flüchtlingstreck von Mexiko Richtung USA begleiten und über die Sicht der Migranten schreiben sollte, sollte besagter Kollege eine Bürgerwehr treffen, die den Übertritt der Flüchtlinge an der US-Amerikanischen Grenze verhindern wollte. Vor diesem Auftrag kannten sich beide Journalisten lediglich vom Sehen. Während der Recherche und der wenigen gemeinsamen Kontakte fielen Moreno zunehmend Ungereimtheiten an der Arbeit seines Kollegen auf. Eine direkte Zusammenarbeit schien Relotius zu vermeiden und als Moreno schließlich den Artikel seines Kollegen las, entdeckte er darin fundamentale Unwahrheiten.
Moreno beschreibt, wie er Fakten sammelte, um Relotius‘ Behauptungen zu überprüfen, mit den Ergebnissen bei seinen Vorgesetzten auf taube Ohren stieß, seine eigene berufliche Existenz bedroht sah.

Des weiteren wird Relotius‘ Karriere nachgezeichnet. Hinterfragt, welche Bedingungen und Mechanismen der Branche, er geschickt nutzen konnte, um eine solch glanzvolle Laufbahn hinzulegen. Warum nicht nur Zeitungsmacher und Preisjurys, sondern auch eine große Leserschaft dermaßen von seinem auf Effekte ausgerichteten Stil begeistert waren. Es wird verständlich, wie leicht es ist, auf einer bestimmten Welle des Zeitgeists zu surfen. Zur Ehrenrettung der Leser muss jedoch erwähnt werden, dass sie die ersten kritischen Stimmen zu Relotius zu vorbrachten. Doch auch sie wusste er letztlich von seiner Arbeit zu überzeugen.
In diesem Zusammenhang wären ein paar mehr Stellungnahmen von Personen, die beruflich oder privat mit Relotius Kontakt hatten, wünschenswert gewesen, um seine Persönlichkeit und Motivation noch stärker auszuloten. Nichtsdestotrotz wird beides beleuchtet. Ist er ein notorischer Lügner oder ein raffinierter Manipulator, der Menschen und das mediale System geschickt für sich zu nutzen wusste? Nachdem der aufgeflogen war, erklärte er, sich in psychologische Behandlung zu begeben, da er Hilfe brauche. Vielleicht ist sein Verhalten tatsächlich pathologisch, vielleicht ist es auch nur eine weitere Lüge, um sich vor der Verantwortung zu drücken. Denn diese beschränkte er nachweislich nicht nur auf seine Artikel. All das können natürlich nur Mutmaßungen sein, denn Tausend Zeilen Lüge bleibt ein Blick von außen, eine Annährung an das „Phänomen Claas Relotius“. Es bleibt der Eindruck, dass etwas fehlt, denn allein der Mann selbst kann über seine Beweggründe Auskunft geben und somit die fehlenden Puzzlestücke ergänzen. Es ist nicht allzu unwahrscheinlich, dass er das in naher Zukunft tun wird. Zwangsläufig würde es das spannendere Buch sein, aber vielleicht auch das unwahrere.

Morenos Stil bleibt wohltuend nüchtern und scheint sich willentlich von Relotius‘ gefühligen Stils abgrenzen zu wollen. Nichtsdestotrotz werden die Selbstzweifel, die Bedrohung, die seine Recherchen für die eigene Karriere haben konnten, und die daraus resultierenden eigenen Existenzängste sehr klar. Ganz nebenbei beschreibt er die Arbeit eines Reporters, Methoden der Recherche, die Qualen und Freuden des Schreibens. Für nur 278 Seiten ist das viel Inhalt. Allerdings sind die einzelnen Kapitel und Abschnitte relativ kurz, so dass die Ausführungen teilweise etwas oberflächlich bleiben.

Insgesamt wirft Tausend Zeilen Lüge einen interessanten Blick auf den gegenwärtigen Zustand des Journalismus und den speziellen Fall Relotius. Er zeigt aber auch ein Phänomen unserer Zeit, in der Schein mehr zählt als Sein. Daran wird und kann die Offenlegung von „Relotius‘ Systems“ nichts ändern. Hoffentlich wird wenigstens die Branche etwas daraus lernen. Stärker auf Fakten als auf Auszeichnungen (von denen es bezeichnenderweise mehr als 700 in Deutschland gibt) legen.

4 von 5 Schreibmaschinen

4Writer

Juan Moreno, Tausend Zeilen Lüge – Das System Relotius und der deutsche Journalismus, Rowohlt Verlag 2019.

Vielen Dank an den Rowohlt Verlag, der ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Die Rezension reflektiert selbstverständlich nichtsdestotrotz ausnahmslos meine eigene Meinung.

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