[Rezension] Philipp Ruch – Schluss mit der Geduld

Schluss mit der Geduld von Philipp Ruch

Schluss mit der Geduld – Jeder kann etwas bewirken – Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten

Wer hätte es noch vor einigen Jahren für möglich gehalten, dass eine rechtsradikale Partei Wahlergebnisse von über zwanzig Prozent erreichen könnte? In der (rechte) Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden treffen? Menschenverachtende Äußerungen zu angeblich legitimen Meinungen mutieren? Ein Attentäter versucht, eine Synagoge zu überfallen, um ein Blutbad anzurichten und zwei Menschen ermordet? Die Liste ließe sich endlos fortsetzen und macht viele Menschen wütend. Da wäre doch ein Buch, das eine Anleitung bietet, wie jeder Einzelne gegen Rassismus, Demokratiefeindlichkeit, Fanatismus und für Mitmenschlichkeit und Humanismus eintreten kann, genau das Richtige!

Philipp Ruch ist Gründer und künstlerischer Leiter des Zentrums für politische Schönheit, das sich mit aufsehenerregenden Kunstaktionen für Menschenrechte und Menschlichkeit einsetzt. In der vielleicht bekanntesten Aktion wurden die Stehlen des Berliner Holocaust-Mahnmal vor dem Haus des AfD-Abgeordneten Höcke nachgebaut. Mit „Schluss mit der Geduld“ legt er sein zweites Buch vor.

Die 191 Seiten des Buches lassen sich in vier große Themenkomplexe einteilen, die ineinander greifen oder aufeinander aufbauen.

Im ersten Abschnitt wird der Beitrag der Medien am Erstarken rechter Kräfte und einem zunehmenden Zynismus in der Gesellschaft erörtert. So wird u.a. kritisiert, dass politische Talkshows wie z.B. Maischberger rechte Parolen als reißerische Sendungstitel übernehmen und bestimmte Themen überproportional häufig thematisieren. Diese Sendungsformate übten sich nicht mehr wie früher darin, Politik einzuordnen, zu kritisieren und neue Blickwinkel zu eröffnen, sondern würden Politikern ein Forum bieten, das eigene Vorgehen zu propagieren. Ruch fordert daher, WissenschaftlerInnen, SchriftstellerInnen und PhilosophInnen auf die Gästeliste zu setzen.
Nach der Medienkritik legt der Autor die Strategien des Faschismus dar. Dessen Ziel ist der Bürgerkrieg und die Leser erfahren, mit welchem Methoden dieser erreicht werden soll. Leider wirken die Szenarien mehr als realistisch.
Daran schließt sich eine Kritik der Appeasement-Politik an und eine Erklärung, warum diese nicht funktionieren kann. Er fordert die Ächtung antidemokratischer (z.B. rassistischer, xenophober, antisemitischer, homophober) Haltungen, statt sie zu diskutieren und sie damit wie einen legitimen Pol des Meinungsspektrums zu behandeln.
Schließlich wird das mediale, politische und unser aller Versagen im Syrienkrieg und der Seenotrettung im Mittelmeer angeprangert. Es wird  an Menschlichkeit und Humanismus appelliert und daran, einen radikalen Geist gegenüber inhumanen Tendenzen zu entwickeln und zu leben. Eine Möglichkeit, diese drei Aspekte zu stärken, sieht Ruch in der Macht von Kunst und Fiktion. Hier erfahren die LeserInnen mehr über das Zentrum für Politische Schönheit, seine Ziele und Aktionen.

Historische Fakten werden immer wieder einbezogen, die entweder als Parallelen oder mögliche Zukunftsszenarien für unsere Zeit dienen. Stellenweise werden kulturelle Referenzen genannt und darauf vertraut, dass die Leser schon wissen, worum es dabei geht. Das ist allerdings nicht immer der Fall. Man kann sich ungefähr denken, was gemeint ist, aber Fußnoten (z.B. zu den drei griechischen Bildhauern) wären in jedem Fall hilfreich, um die Argumente zu unterstützen.
Manchmal ufern die Beweisführungen sehr aus, wenn der Autor einen Punkt bereits klar dargestellt hat und dann weitere Beispiele anführt oder in einem anderen Kapitel erneut darlegt. An anderen Stellen kommt er „von Höckchen auf Stöckchen“, wodurch der Text etwas holprig und verwirrend wird. Ein zweites Lesen klärt dann die Dinge. An wenigen Stellen neigt Ruch zu Übertreibungen, z.B. wenn „wir“, d.h. die westliche Welt allein für das Schicksal einer Frau aus Tripolis verantwortlich sein sollen. Hier werden die eigentlichen Kriegsparteien vor Ort völlig aus der Verantwortung entlassen.
Auffällig ist, dass Ruch sich um eine gender-bewusste Sprache bemüht. Das ist zwar positiv zu sehen, ist allerdings noch etwas gewöhnungsbedürftig. Wirklich irritierend ist allerdings, dass stets von „Fascismus“ die Rede ist. Solch ein Rechtschreibfehler müsste doch eigentlich während des Produktionsprozesses auffallen.

Insgesamt sind die Ausführungen und Argumente allesamt sehr interessant. Viele extrem spannende Denkanstöße und Diskussionsgrundlagen lassen sich finden.

Das Buch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Bedeutung eines passenden Titels. Es handelt sich nämlich nicht wie angekündigt um eine Anleitung zum konkreten individuellen Handeln. Es sei denn man ist JournalistIn oder PolitikerIn. Die Lektüre macht wütend und motiviert, etwas gegen antidemokratische Haltungen zu tun. Leider bietet das Buch hierfür aber keine praktische Hilfestellung. Der Inhalt wird dadurch natürlich nicht weniger wichtig oder eindringlich, aber nach dem Lesen ist man doch etwas enttäuscht. Besonders, wenn die Kaufentscheidung auf Titel und Klappentext beruht.

4 von 5 Schreibmaschinen

4Writer

Philipp Ruch, Schluss mit der Geduld, Jeder kann etwas bewirken. Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten, LUDWIG 2019.

Vielen Dank an den Verlag LUDWIG und das Bloggerportal, die ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Rezension wurde dadurch natürlich in keiner Weise inhaltlich beeinflusst.

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