[Filmkritik] Lindenberg! Mach dein Ding!

Lindenberg

Udo wächst in der westfälischen Provinz auf. Eigentlich wollte sein Vater Musiker werden, musste aber nach dem Tod seines Bruders den väterlichen Klempnerbetrieb übernehmen. Seinen Frust ersäuft er mit Schnaps und will seinem Sohn klarmachen, dass die Lindenbergs Verlierer und zu einem Leben als Klempner verdammt sind. Doch der weiß, dass das ganz bestimmt nicht auf ihn zutrifft. Er wird mal ein berühmter Musiker mit eigener Kapelle sein. Er lernt Schlagzeug und kommt schließlich auf Umwegen nach Hamburg. Udo schlägt sich im wahrsten Sinne des Wortes durch, entwickelt seinen eigenen Stil und tauscht die Drumsticks gegen das Mikrophon.

Machen wir es kurz: Der Film ist super!! Okay, ganz so kurz dann doch nicht:

Die Handlung spielt hauptsächlich zu Lindenbergs Anfangszeiten im Hamburg der Siebzigerjahre. In Zeitsprüngen wird seine Kindheit und die ein oder andere, für seine Entwicklung wichtige Anekdote erzählt. Regisseurin Hermine Huntgeburth pendelt dabei gekonnt zwischen Tragik und Humor und findet stets den richtigen Mittelweg. Sie schafft es, die Zuschauer durchgehend und ohne Längen an der Seite ihres Protagonisten zu halten.

Biopics stehen und fallen immer mit ihren Hauptdarstellern. Eine lebende Person, die dazu noch berühmt ist, glaubwürdig darzustellen und keine Karikatur hervorzubringen, ist ein schmaler Grad, der bezwungen werden will. Jan Bülow gelingt das allerdings extrem souverän. Es ist eine abgedroschene Phrase, aber in diesem Fall trifft sie einfach den Kern: Er ist Udo Lindenberg. Es können für seine Leistung nicht genug Lobpreisungen angestimmt werden. Die schlaksige Art sich zu bewegen, die nuschelige Sprache, die lässige Coolness, der leicht naive Charme wirken absolut natürlich und niemals aufgesetzt. Die größte Nebenrolle hat Max von der Groeben als Udos Freund und Bassist Steffi Stephan inne und er macht das ebenfalls vortrefflich. Es ist sicher nicht leicht, Breitschlaghosen, weitgeschnittene Ledermäntel und bedruckte Unterhosen in grässlichen Farben und mit Eingriff wie selbstverständlich zu tragen. Andererseits ermöglichen sie bestimmt auch, das Einfühlen in eine Zeit und eine Rolle. Auch die übrigen Figuren sind durchweg passend besetzt und ihre Darsteller wissen zu überzeugen. Ein ganz großer Pluspunkt ist, dass nicht die üblichen Verdächtigen wie Matthias Schweighöfer, Til Schweiger, Iris Berben oder Heiner Lauterbach untergebracht worden sind. Das hätte die Atmosphäre und das Gefühl, in die Siebzigerjahre versetzt zu werden, total torpediert. Wenige bekannte Gesichter tauchen lediglich in mehr oder weniger kleinen Nebenrollen auf und fügen sich homogen ins Gesamtbild ein. Manche Auftritte sind nicht mehr als Cameos (Tim Fischer, Henry Hübchen, Jeanette Hain), was gut zur unaufgeregten Art des Films passt.
Julia Jentsch und Charlie Hübner müssen explizit hervorgehoben werde, weil sie  Udos Eltern wunderbar darstellen. Hübner schafft es, neben der Wut auf den Vater auch Mitleid für ihn zu wecken. Zwar sieht Jentsch später eigentlich als Mutter des älteren Udos nicht alt genug  aus, aber das lässt sich nachsehen.  Die Familienszenen berühren besonders, weil sie verdeutlichen, wie die ganze Familie vom Vater und seiner Alkoholsucht tyrannisiert wird und wie schwierig es für Udo gewesen sein muss, sich von den negativen Einflüssen frei zu strampeln. Detlev Buck als großspuriger Musikproduzent ist ebenfalls toll, seine Figur auf charmante Weise leicht überzeichnet. Aber wer weiß schon, wie das reale Vorbild war?! Auch die Kinderdarsteller machen ihre Sache wirklich gut. Es lässt sich wirklich nichts an der Besetzung aussetzen.

Der Look des Films ist ebenfalls großartig. Als hätten sich die Beteiligten in eine Zeitmaschine gesetzt und wären in der Vergangenheit ausgestiegen. Die Kostüme und Settings sind total authentisch und strotzen nur so vor Zeitkolorit. Sie tragen ungeheuer zum Charme des Films bei. Besonders klasse ist, dass die Settings nicht aufpoliert wurden, sondern puren Zeitgeist widerspiegeln. Die Fünfziger atmen Spießigkeit und Beengtheit. Die Siebziger kommen wild, rau und ungeschliffen daher. Der englische Begriff „roughness“ trifft es hier am besten. Und es stellt sich immer wieder die Frage, wie es überhaupt bewerkstelligt werden konnte, die Menge an passenden Requisiten zu beschaffen. Sei es Onkel Pös Carnagie Hall oder das Büro des Filmproduzenten. Nichts wirkt antiquiert, sondern real und homogen. Sensationell.

Lindenberg! Ist kein Musical und im engeren Sinn auch kein Musikfilm. Es ist eine Biografie, in der Musik eine große Rolle spielt, dementsprechend punktgenau wird sie eingesetzt.
Glücklicher Weise wurde entschieden, sowohl Jan Bülow als auch Udo Lindenberg als Sänger einzusetzen. So singt Bülow bei den Auftritten und das macht er sehr treffend (ja,ja wie alles, es kann nicht oft genug betont werden 😉 ). Lindenbergs Stimme erklingt, wenn Lieder (z.B. Cello) unter Szenen gelegt werden und erzählt wird, worauf sie basieren. Ansonsten werden kleine musikalische Tupfen an passenden Stellen eingefügt. Chattanooga Choo Choo von Glenn Miller, das von Udo Lindenberg ja als Sonderzug nach Pankow veröffentlicht wurde, wird beispielsweise ohne weitere Erklärung eingebunden. Das alles ist sehr geschickt und effektiv gemacht, was sich daran erkennen lässt, dass die wenigen Songs, die größeren Raum einnehmen,  wirklich Gänsehaut verursachen. Und seien wir ehrlich, er hat wunderschöne, poetische Lieder mit ganz eigenem Stil komponiert. Wenn Udo Lindenberg dann mit „Ich hätte niemals dran gezweifelt“ den Film höchstpersönlich abschließt, quillt das Zuschauerherz über vor Zuneigung und ist fast zu Tränen gerührt.

Um genau dieses Lied zu zitieren: Lindenberg! Mach dein Ding! ist „ganz großes Kino“. Wer vorher noch kein Fan von Udo Lindenberg gewesen ist, wird es danach garantiert von ihm und Jan Bülow sein. Unbedingte Empfehlung!

P.S. Der zweite Teil des Filmtitels darf wahrscheinlich als charmante Aufforderung an die Zuschauer verstanden werden.

Seit dem 16.1.2020 mit einer Laufzeit von 135 Minuten in den deutschen Kinos zu sehen.

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