[Filmkritik] 1917: Ein Krieg, zwei Soldaten, ein Schnitt (Spoiler-frei)

1917

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Am 6. April 1917 werden die zwei jungen britischen Soldaten Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman) auf einen selbstmörderischen Botengang durch die feindlichen Linien geschickt. Wenn sie es nicht innerhalb weniger Stunden schaffen, ein eingeschlossenes Regiment zu warnen, werden 1600 Soldaten in eine Falle der Deutschen geraten und darin umkommen.

Die kurze Inhaltsangabe spiegelt die überraschungsarme Handlung wieder. Schließ die Augen und stell Dir vor, was den beiden Soldaten auf ihrem Weg passieren kann. Es wird genau das sein, was im Film stattfindet. Absolut vorhersehbar. Ab dem Zeitpunkt, ab dem man sich dessen bewusst wird (relativ früh), kann man sich leider nicht mehr völlig in die Geschichte hineinfallen lassen.

Das Lob, das 1917 erhält, bezieht sich fast ausschließlich auf die Inszenierung, die ohne offensichtliche Schnitte auskommt. Die Kamera klebt förmlich an der Seite ihrer Protagonisten, wodurch das Geschehen für die Zuschauer quasi hautnah und in vermeintlicher Echtzeit erlebbar werden soll. Das Ganze ist zweifelsohne technisch raffiniert umgesetzt und das visuelle Ergebnis extrem überzeugend. Nichtsdestotrotz bleibt das Gefühl, dass lediglich eine übliche Kriegsfilm- Sequenz zu einer Filmhandlung aufgeblasen wurde. Dass man beim Einsetzen des Abspanns denkt: „Was das war’s schon?!“ spricht genauso für diese These wie die konventionelle Handlung, denn offensichtlich fiel Regisseur Sam Mendez zu seiner Prämisse selbst nicht viel ein. Stattdessen driftet er sogar ins Unlogische ab.

Die Szenenbildner habe wirklich sehr gute Arbeit geleistet. Bis auf die zerstörte Stadt (die sehr künstlich und wie vor dem Green Screen gefilmt aussieht) wirkt alles sehr authentisch. Man meint die Nässe, den Matsch und die Kälte vor allem in den Schützengräben geradewegs in den eigenen Knochen zu spüren. Ebenso können die Spezialeffekte weitestgehend überzeugen (die fette Ratte im deutschen Unterstand würde allerdings eine Überarbeitung vertragen).

Über weite Strecken kommt der Film ohne musikalische Untermalung aus, was seinen dokumentarischen Charakter stärkt. Wer nicht verstehen sollte, dass sich gerade eine vermeintlich dramatische Szene anbahnt, wird durch die einsetzende Musik explizit, aber durchaus effektvoll darauf hingewiesen.

Das größte Manko von 1917 besteht in der fehlenden Nähe zu den Hauptfiguren, die durch die Art der Inszenierung eigentlich begünstigt werden müsste. Doch weder zeigen Blake und Schofield besondere Eigenschaften, um als Charaktere lebendig zu werden oder als Identifikationsflächen dienen zu können. Noch wird viel Persönliches, z.B. über ihre häuslichen Lebensumstände, bekannt, um eine emotionale Verbindung herstellen zu können.
Beide Figuren bleiben also oberflächlich. Es handelt sich einfach um zwei Soldaten, die ihre Pflicht zu erfüllen habe. So ist ihre Funktion im Militär, in der Handlung und für den Zuschauer. Ist Sam Mendez‘ Botschaft genau diese? Dass der Krieg entmenschlicht? Soldaten zu Schachfiguren degradiert werden? Vielleicht, darüber lässt sich nur mutmaßen. In jedem Fall verschenkt er die Möglichkeit, beim Zuschauer in der Tiefe zu wirken. Soldaten als Menschen darzustellen, die trotz ihres Auftrags auch Opfer sind. Die fühlen, lieben, leiden und Familien haben, die auf ihre Rückkehr hoffen. Diese Aspekte werden jedoch nur rudimentär angeschnitten.

Die bisher eher unbekannten George MacKay (Schofield) und Dean-Charles Chapman (Blake) machen ihre Sache recht gut, allerdings wird ihnen relativ wenig abverlangt. Vermutlich stellt die größte Herausforderung dar, in militärischer Ausstattung durch Krater zu robben oder durch Ruinen zu laufen. Dementsprechend drücken beide vorrangig Anstrengung und Abgekämpftsein in Haltung und Mimik aus.
Kurzauftritte renommierter Schauspieler wie Colin Firth, Mark Strong oder Benedict Cumberbatch sind ein nettes Gimmick, aber auch nicht mehr. Schauspielerische Leistung wird den Herren jedenfalls nicht abverlangt. Vielleicht sind sie tatsächlich nur dazu da, um ihre Namen auf die Kinoplakate drucken zu können.

Durch die strenge Konzentration auf den Botengang umgeht Mendez eine Einordnung in den größeren historische Kontext. Wenn man vorher wirklich gar nichts über den Ersten Weltkrieg wissen sollte, dann wird man durch den Film wenig schlauer sein. Man erfährt, dass in Frankreich Engländer und Deutsche gegeneinander gekämpft haben. Achja, und dass auch indische Soldaten  ihren Dienst in der britischen Armee leisteten. Dabei bleibt es dann aber auch.
Welche Botschaft hat 1917? Wie stellt er sich zu den gezeigten Geschehnissen? Mendez verrät es uns nicht. Die besten Kriegsfilme sind jedoch die, die eigentlich Antikriegsfilme sind.

Die Beschränkung auf die Ein-Schnitt-Technik limitiert den gesamten Film. Weder seine Handlung noch die Figuren können ihr volles dramaturgisches und emotionales Potenzial entfalten. Es werden technische Möglichkeiten (Kameraführung, Special-Effects, Make-up, Ausstattung, Produktionsdesign) zur Schau gestellt, statt die Tiefen der Geschichte auszuloten. Schade, denn das Potenzial ist klar vorhanden. Dass ein Film, der vom Krieg handelt, allein wegen seiner Technik hochgelobt wird, hinterlässt jedenfalls einen faden Beigeschmack.

Seit dem 16.Januar.2020 mit einer Laufzeit von 119 Minuten in den deutschen Kinos zu sehen.

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