[Rezension] Magie oder keine Magie, das ist hier die Frage

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Als dem Journalisten Andrew Westley ein Buch des Bühnenmagiers Alfred Borden zugespielt wird, bringt er mit dem Namen nichts in Verbindung, außer dass es sich um einen seiner Vorfahren handeln könnte. Er beginnt das Tagebuch, das Anfang des 20. Jahrhundert geschrieben und nur in geringer Auflage gedruckt wurde, zu lesen. Der Magier berichtet darin von seinem Leben, seinem Beruf und vor allem der jahrelangen Rivalität und Feindschaft mit seinem Magierkollegen Rupert Angier. Ständig versuchten die beiden Männer einander mit ihren Tricks zu übertrumpfen, stachelten einander an und machten auch vor Sabotageakten keinen Halt. Am meisten strebten sie jedoch danach, die Geheimnisse des anderen aufzudecken. Der Trick des transmittierenden Mannes beförderte ihre Feindschaft auf ein neues, bedrohliches Niveau.
Und auch Angier hielt seine Sicht der Geschehnisse fest. Sein Tagebuch befindet sich im Besitz seiner Urenkelin Kate. Bald wird klar, dass die Feindschaft der Magier sich unheilvoll durch ihre jeweilige Familiengeschichte zieht und bis in die Gegenwart reicht. Können Andrew und Kate das schicksalhafte Band durchtrennen, das ihre Familien auf tragische Weise verbindet?Die Geschichte erstreckt sich über vier große Einheiten. Zwei Handlungsstränge, in denen Andrews und Kates Perspektive eingenommen wird und die in der Gegenwart spielen. Sie bilden die Rahmenhandlung, in die die Tagebücher der Magier eingebunden sind. Sie erzählen die eigentliche Geschichte.
Der Aufbau des Romans hat Vor- und Nachteile. Jeder Abschnitt offenbart unterschiedliche Perspektiven, Einschätzungen und Herangehensweisen der Figuren. Sympathien werden bei den Lesern geweckt, aber auch die gegenseitige Antipathie von Angier und Borden klar. Das ist interessant und abwechslungsreich gemacht.

Über weite Strecken hinweg mutet die Handlung sehr realistisch an. Dieser Eindruck wird in erster Linie sprachlich erzeugt, denn selbstverständlich werden in persönlichen Aufzeichnungen selten z.B. gesellschaftliche, städtebauliche oder Fragen der Inneneinrichtung thematisiert. Das ist durchaus ein Manko, das durch die besondere Struktur hervorgerufen wird und dazu führt, dass die Geschichte ein bisschen an Lebendigkeit einbüßt.
Die Handlung ist auch nicht besonders „actionreich“, aber dafür sehr atmosphärisch, da sie durchgängig geheimnisvoll und mysteriös wirkt. Die vielen nach und nach aufgeworfenen Fragen bzw. die Hoffnung auf Antworten fördern Spannung und Lesesog. Leider stellt sich am Ende heraus, dass es weit weniger vom Letzten als vom Ersten gibt. So bleiben viele Geheimnisse nicht nur den Figuren, sondern auch den Lesern verborgen. Andere werden groß aufgebaut, nur um dann unspektakulär aufgelöst zu werden. Auch das Ende macht nur bedingt Sinn. All das kann Frustrationen auslösen.

Dass Christopher Priests Roman mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurde, weist daraufhin, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Und damit sind nicht nur Bordens und Angiers Tricks gemeint. Ungefähr im letzten Drittel entpuppt sich der Realismus des Buches als ein magischer. In Anbetracht des Berufsstandes der Protagonisten ist das nur konsequent. Andererseits bricht es mit dem Eindruck der vorhergehenden Erzählung. Darauf muss man sich einlassen können oder man empfindet es als einen starken und vielleicht unpassenden Bruch.

Obwohl sich Prestige – Die Meister der Magier unterhaltsam und spannend liest, hält der Roman nicht ganz, was er verspricht. Ein leichtes Gefühl der Enttäuschung stellt sich nach der letzten Seite ein. Doch Regisseur Christopher Nolan hat Abhilfe geschaffen. In seiner gleichnamigen Filmadaption aus dem Jahr 2006 hat er die Schwächen der Romanvorlage ausgemerzt, die Handlung gestrafft, hier und da gestrichen oder ergänzt. Ja, man kann sogar sagen (und das ist in Bezug auf Adaptionen wahrlich selten), dass er sie verbessert hat.

3/5 Schreibmaschinen

3WriterChristopher Priest, Prestige – Die Meister der Magie, Heyne 2006.

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