[Erlebnisbericht] Once upon a time…in Hollywood (Synchro & OV)

OUAT
Es folgt keine gewöhnliche Kritik, sondern meine Eindrücke zu meinem ersten Tarantino-Film, den ich komplett gesehen habe. Es gibt also SPOILER.

Trotzdem hier eine kurze Zusammenfassung (das einzig Kurze an diesem Text 🙂 ):

Wir befinden uns im Hollywood des Jahres 1969. Rick Dalton, einst erfolgreicher Titelheld der Wild-West-TV-Serie Bounty Law, kämpft darum, seine Karriere am Laufen zu halten. Gerne würde er als Schauspieler ernst genommen werden. Immer an seiner Seite ist sein bester Freund Cliff Booth, der nicht nur als Ricks Stuntman, sondern aufgrund eines abgenommenen Führerscheins auch als sein Fahrer fungiert. Eines Tages ziehen Sharon Tate und Roman Polanski in Ricks Nachbarschaft. Nur allzu gerne würde er sie kennenlernen und eine Rolle in einem von Polanskis Filmen ergattern, um seiner Karriere so neuen Schub zu verleihen.

Wie erwähnt, habe ich vor Once upon a time…in Hollwood noch nie eines von Quentin Tarantinos Werken gesehen. Warum? Trailer, Ausschnitte und das, was ich hier und da mitbekommen hatte, vermittelten mir stets den Eindruck, dass seine Geschichten mich inhaltlich nicht ansprechen, sie viel drastische Gewalt enthalten sowie Rache und Machotum wichtige Bestandteile sind. Ja, ich weiß, eine oberflächliche und möglicherweise falsche Sicht, die mich aber dennoch Abstand nehmen ließ, mich näher damit zu beschäftigen.
Als Informationen zum aktuellen Film veröffentlicht wurden, horchte ich allerdings auf, denn Filme oder Serien, die die Filmindustrie oder die Siebziger, sehe ich sehr gerne. Hier wird sogar beides vereint. Gut, es spielt im Jahr 1969, was aber nah genug dran ist. Auch die Besetzung klang sehr vielversprechend. Ins Kino traute ich mich dennoch nicht, um nicht zu riskieren, stundenlang gelangweilt im Kino zu sitzen. Im Heimkino kann man hingegen jederzeit abschalten und deshalb war es/ich vor ein paar Wochen soweit.
Innerhalb einer Woche schaute ich Tarantinos aktuellen Film dann sogar sowohl im Original als auch in der Synchronisation. Mit dem Hinweis, dass das nicht Corona-Langeweile geschuldet war, kann man ohne viel Gehirnakrobatik schließen, dass ich Once upon a time…in Hollywood wirklich mag. Was niemanden mehr überrascht als mich selbst, denn Tarantino „erlaubt“ sich viele Dinge, die üblicherweise dazu führen, dass mein Urteil gegenteilig ausfallen würde.

  1. Szenen, die ins Nirgendwo führenEinerseits zeigt Once upon a time…in Hollywood meiner Meinung nach keine dynamische Handlung, die zu einem bestimmten Ziel führen soll. Eher werden Einblicke in eine bestimmte Phase Hollywoods und in das Leben und die Freundschaft der beiden Protagonisten Rick und Cliff sowie ein paar Seitenblicke auf Sharon Tate und Roman Polanski geboten. Viele Szenen stehen und sprechen daher für sich selbst. Obwohl ich üblicherweise eher ein Fan davon bin, wenn jede Szene die Handlung voranbringt, finde ich das Vorgehen in diesem Fall passend. Jede Szene trägt etwas zum Verständnis der Zeit, der Charaktere oder ihrer Beziehungen untereinander bei.
  2. Absolute Verweigerung, Erwartungen zu erfüllenAndererseits macht sich der Regisseur vermutlich einen Spaß daraus, Erwartungen unerfüllt zu lassen. So sucht Cliff den alten Besitzer der Filmranch und alles deutet auf eine spannende Enthüllung hin, die vielleicht in einer actionreichen Befreiungsaktion resultiert. Stattdessen ist der Alte ziemlich genervt von seinem Besucher und will einfach weiterschlafen. Wenig später deutet dann alles daraufhin, dass es zwischen Cliff und einem der Hippies zu einer handfesten Schlägerei kommen könnte, doch dann sieht der nur noch die Rücklichter von Cliffs Auto. So wirft Tarantino einem immer wieder Bröckchen hin, die mehr erwarten lassen, belässt es aber bei Andeutungen. Die größte Erwartung ist natürlich, dass ein Film, der Sharon Tate und Charlie Manson zeigt, auch den Mord thematisiert. Mich hat es sehr amüsiert, wie hier mit konventionellen Erzählmustern und den Erwartungen der Zuschauer gespielt wird.
  3. Szenen, die anscheinend dem purem Selbstzweck dienenAußerdem scheint Tarantino einige Szenen nur zu seinem eigenen Vergnügen inszeniert zu haben, z.B. die Party in Hugh Heffners Haus oder die unzähligen Autofahrten über die Straßen von LA. Nichtsdestotrotz sind auch diese Szenen selten langweilig und bieten viele Schauwerte. Ausnahmen bestätigen die Regel: Gefühlt stundenlang zuzusehen, wie jemand seinen Hund füttert, ist nicht sehr spannend. Allerdings hat Cliff interessantes Dosenfutter im Sortiment.

    Dafür haben mir die unzähligen Original-Serien- und Filmausschnitte, in die Rick Dalton hineinkopiert wurde sowie die Sequenzen, in denen er den fiktiven Western dreht, sehr gefallen. Beides könnte man auf den ersten Blick für überflüssig halten, aber es trägt sowohl stark zum Zeitkolorit als auch zum Verständnis von Ricks Charakter bei. So erfährt man beispielsweise, wie sehr er sich darüber freut, wenn eine Serie mit ihm in Fernsehen läuft oder als Schauspieler ernst genommen zu werden.

So jetzt kommt der Teil, in dem ich Once upon a time…in Hollywood abfeiere (in no particular order), bevor es schließlich um die Aspekte geht, die ich nicht so gut finde.

  1. Der StyleDie visuelle Umsetzung ist grandios. Jedes Detail im Film reflektiert Tarantinos Liebe zu der speziellen Ära sowie zu ihren Film- und Fernsehproduktionen. Das reicht von der Musik über die Kostüme bis zur Ausstattung. Jedes kleinste Detail (Filmplakate, Fernsehzeitschriften) stimmt und wird in Szene gesetzt. Es ist die pure Hommage. Das Gesamtkonzept ist so überzeugend und ansprechend, dass ich den Film auch ohne Ton genießen würde.
    Operazione
    Die Kostüme spiegeln darüber hinaus die Persönlichkeit und Lebensphasen der Figuren stimmig wider. Rick ist beispielsweise anfangs der ewige Westernheld, der auch privat gerne Leder trägt. Nachdem er in Italien war, hat er sich der aktuellen Mode angepasst, was für mich den eigenen Sprung in eine neue Karrierephase darstellt. Cliffs Kleidung hingegen ist zeitlos und reflektiert seine lässige, coole Art. Und ich liebe die Selbstverständlichkeit mit der besonders Leonardo DiCaprio und Brad Pitt ihre Klamotten tragen.
  2. Download
  3. Der HumorEin mehr oder weniger unterschwelliger Humor durchzieht den ganzen Film. Es gibt so viele Szenen und Zitate, die ich wirklich großartig finde und am liebsten auswendig aufsagen könnte. Sei es, wenn Rick sich über die Hitze des Flammenwerfers beschwert oder sich im Wohnwagen über sich selbst ärgert. Sei es, dass Mr. Schwarz fragt, ob Cliff Ricks Sohn ist oder der gegen Bruce Lee antritt (besonders der Wortwechsel über die tödlichen Fäuste des Kung-Fu-Kämpfers). Lees Tochter hat sich wohl darüber aufgeregt, dass ihr Vater falsch dargestellt werde. Ich denke, er wird durchaus sympathisch, wenn auch etwas eigenwillig gezeigt. Tatsächlich verrät der Titel aber, dass ein der Film ein Märchen erzählt. Es geht nicht um historische Genauigkeit, was das Ende ebenfalls beweist.
  4. Charakterzeichnung

    Die beiden Hauptfiguren sind mir unheimlich sympathisch und ihre Freundschaft berührt mich richtig.
    Viele kleine Szenen vertiefen die Charaktere. Sei es, dass sie eine weitere Facette oder eine Geheimnis erhalten. Ein Beispiel ist Sharons Kinobesuch. Einerseits gibt sie sich zu erkennen, posiert neben dem Filmplakat. Andererseits wirkt sie schüchtern und freut sich über die positive Reaktion der Zuschauer auf ihre Arbeit. Ein anderes Beispiel ist die Szene zwischen Cliff und seiner Frau auf dem Boot. Es gibt das Gerücht, dass er sie umgebracht haben soll und hier sieht man ihn mit einer Harpune, die auf seine schimpfende Frau deutet…der Rest bleibt der Fantasie überlassen. Das Gerücht wird weder bestätigt noch widerlegt, doch Cliff erhält eine weitere Facette. Die Zuschauer tappen hingegen immer noch im Dunkeln, womit wir wieder bei den unerfüllten Erwartungen wären.
    Sehr gut getroffen finde ich auch, wie der Gegensatz zwischen der „Arbeiterklasse“  und den ersten Garde dargestellt wird. Während Rick Serienfolgen am Fließband dreht, Cliff ihn entweder kutschiert oder als Stuntman seine Knochen hinhält, sind Tate und Polanski die gefeierten neuen Stars am Hollywood-Himmel. Während die rauschende Feste im Playboy Mansion feiern, gönnen sich die Buddies ein Bier und Rick träumt davon, von seinen Nachbarn zu einer Poolparty eingeladen zu werden.
  5. Perfekte Besetzung

    Okay, die Besetzung ist insgesamt großartig, aber Leonardo DiCaprio und Brad Pitt sind perfekt. Jeder für sich und zusammen. Für mich DAS Filmduo seit Bud Spencer und Terence Hill. Ich glaube ihnen alles und man merkt, dass sie sich selbst nicht allzu ernst nehmen. Leo hätte genauso sehr den Oscar verdient wie Brad. Stattdessen war er, glaube ich, noch nicht einmal nominiert. What a shame! Klasse ist auch, dass man den beiden die Spielfreude richtig anmerkt.
  6. Die Referenzen

    Eigentlich gehört dieser Aspekt noch zur Detailverliebtheit Tarantinos. Sein Film lädt dazu ein, kleine und große Querverweise auf Filme und Personen zu entdecken. So nennt Cliff Bruce Lee „Kato“. Steve McQueen taucht bei der Party in Hugh Heffner’s Haus auf (optisch bis auf die Perücke super) und spielt die Geschichte von Cliff und seiner Frau nicht auf den unaufgeklärten Tod von Natalie Wood an?

Trotz meiner Begeisterung ist keineswegs alles Gold, was glänzt.

  1. Kleine Auffälligkeit: In Anbetracht der Dinge, die die Freunde erleben, während Sharon sich The Wrecking Crew ansieht, muss der eine extrem lange Laufzeit haben.
  2. Es war zwar unterhaltsam, aber mir wurden die Hippies als zu einfältig dargestellt.
  3. Wenig überraschend ist mir die brutale Konfronation zwischen Cliff, Rick und den Mitgliedern der Manson Family zu heftig und ich habe tatsächlich den Ton ausgeschaltet. Allerdings war das Ganze so überzogen, dass es schon wieder lächerlich wirkte. Deshalb beeinflusst sie meine Meinung auch nicht negativ. Auf jeden Fall bin ich sehr froh darüber, dass der Stuntman überlebt hat. Er hat halt wieder mal den Kopf für Rick hingehalten 😀 .
  4. Nach dem sechsmonatigen Zeitsprung verliert der Film für mich stark an Dynamik und es geht erzählerisch etwas bergab. Das ist mein größter Kritikpunkt.

Es ist ja häufig zu hören, dass Once upon a time…in Hollywood nicht Quentin Tarantinos bestes Werk sein soll. Das mag sein, aber ich schätze, genau deshalb ist es für mich sein bestes Werk. Echt merkwürdig, dass ich es so mag und Sachen verzeihe, die andere Filme ins Aus schießen würden.

9/10 Tickets

9Tickets

10 Gedanken zu „[Erlebnisbericht] Once upon a time…in Hollywood (Synchro & OV)

  1. flightattendantlovesmovies

    „Once Upon a Time in Hollywood“ ist halt ein typischer Hang Out-Film, der halt nicht viel erzählt. Da viele Fans nicht wussten, was sie erwartet, konnten sie vielleicht auch gar nichts oder wenig damit anfangen. Er gibt aber eine sehr gute Charakterzeichnung wieder, man weiß am Ende, wie die beiden ticken und letztendlich ist es eine Liebeserklärung an das Hollywood der Zeit. Du hast ihn ja auch zwei Mal gesehen, hat er Dir bei der Zweitsichtung noch besser gefallen? Wobei Du ihn da – wenn ich richtig gelesen habe – in der Synchro gesehen hast.

    Und natürlich wurde Leo für diese Performance für den Oscar nominiert. 😊

    Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen und Dir eine Empfehlung für „Jackie Brown“ geben. Der ist schon ziemlich toll und den Soundtrack könnte ich direkt mal wieder anmachen.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Das hast du sehr gut zusammengefasst. Ich habe den Film sowohl im Original als auch in der Synchro gesehen. Natürlich gefiel er mir die OV besser, aber zweites ist durchaus gelungen. Besser gefallen hat er mir bei der 2. Sichtung eigentlich nicht. Meine Faszination für die Schauspielleistung hat allerdings noch ein Stück zugenommen. Wie gesagt, eigentlich trifft Tarantino so viele Entscheidungen, für die ich einen Film normalerweise hassen und abschalten würde. Aber in diesem Fall verzeihe ich sie aus einem Grund, den ich selbst nicht ganz kapiere.

      Wo hab ich denn da nach den Oscar-Noms geguckt?! Aber super, dann ist die Welt ja wieder in Ordnung. Alles andere wäre auch wirklich skandalös gewesen ;).

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  2. eccehomo42

    Ach, ich finde, das ist sein bester Film seit „Jackie Brown“. Der funktioniert mit stringenterer Narrative ganz ähnlich. Ich muss aber sagen, dass der Zeitsprung sehr gut funktioniert hat, dann wird der Film aber noch Tarantinomäßiger. Wenn dir das zu viel war, vor allem gewaltmäßig, wirst du mit wenigen Filmen von ihm glücklich werden.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Ach, herrlich, jemand der mich versteht 😉 . Zu viel will ich jetzt gar nicht mal sagen, weil die Szene im Vergleich zum Rest des Films ja recht kurz ausfiel. Aber mehr muss auch nicht sein 🙂 und genau deshalb meine ich auch, dass das der passende Film für mich ist und die anderen eben nicht. Du bestätigst meine Annahme ja auch. Aber ich werde es trotzdem noch mal mit Quentin versuchen, um mir eine Meinung bilden zu können.

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      1. eccehomo42

        Dann solltest du tatsächlich Jackie Brown Mal einer Sichtung unterziehen. Der hat auch diese ellenlangen Szenen und diesen Humor, zelebriert die Gewalt aber nicht, sondern zeigt sie so wenig wie es nur geht.

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  3. Filmschrott

    Für mich ist es sogar sein schlechtestes Werk. Ja, deine Punkte sind alle korrekt und Tarantino spielt hier mit den Erwartungen, aber für mich übertreibt er es damit so sehr, dass alles nur noch zielloses Stückwerk ist und absolut keine Szene des Films irgendeine Tragweite hat. ein paar Einzelszenen sind top und vor allem mit Leos Charakterarc hätte man noch einiges machen können, aber man macht halt nix draus.

    ich denke aber, wenn ich keinen seiner anderen Filme kennen würde, wäre mein urteil vermutlich ähnlich ausgefallen, denn im Kern treibt er hier nur auf die Spitze, was er ohnehin immer macht. Dementsprechend gelangweilt hat es mich aber auch genau deswegen, weil ich es bereits mehrmals gesehen habe. Da ändert dann auch das andere Setting nix mehr dran.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Ja, ich wusste schon, dass die Meinungen da sehr auseinander gehen. Ich kann auch total verstehen, wenn die genannten Punkte dazu führen, dass man den Film schlecht finde. Ich war mehr als überrascht, dass ich all das mochte und für mich funktioniert hat. Üblicherweise würde ich jeden anderen Film dafür hassen. Ist halt wie immer sehr subjektiv und schlussendlich für mich eine reine Gefühlssache. Mich haben seine vorherigen Sachen überhaupt nicht angesprochen und sein Schlechtestes ist dann wohl für mich das Beste 😉 . Aber ich werde es jetzt noch mal mit Pulp Fiction versuchen… Bin gespannt.

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