[Filmkritik] Im Netz der Versuchung oder heute kein Fang

Serenity

Spoiler-frei, dafür mit vielen maritimen Wortspielen 😉 .

Kriegsveteran Baker Dill lebt sehr zurückgezogen auf einer kleinen Insel vor der Küste Floridas. Seine Tage füllt er damit, aufs Meer hinauszufahren, zu fischen und  ab und an Touristen mit auf Angeltour zu nehmen. Häufig hat er finanzielle Probleme, weil er besessen davon ist, einen bestimmten Thunfisch zu fangen und darüber das Geldverdienen vernachlässigt.
Eines Tages reißt ihn die Begegnung mit seiner Ex-Frau aus dieser Routine. Sie will ihn anheuern, nicht nur einen Angelausflug mit ihrem gewalttätigen Ehemann zu unternehmen, sondern diesen dabei auch noch um die Ecke zu bringen. Wenn Baker es nicht für sie tun wolle, dann wenigstens für ihren gemeinsamen Sohn. Der habe sich völlig in sich zurückgezogen und beschäftige sich nur noch mit seinem Computer, um die häusliche Situation zu vergessen. Obwohl Karen ihrem Ex viel Geld bietet, will der anfangs nichts von dem infamen Mordplan wissen. Doch dann lernt Baker besagten Ehemann kennen und der ist tatsächlich noch ätzender als gedacht.

Es war einmal ein Drehbuchautor und Regisseur, der hielt es für eine coole Idee, eine moderne Version von„Der alte Mann und das Meer“ zu verfilmen. Außerdem wollte er dringend mal Urlaub auf Mauritius machen. Warum nicht beides verbinden? Nennen wir den guten Mann der Einfachheit halber Steven Knight. Dieser Mann schrieb also ein Drehbuch und rief seinen Kumpel Matthew McConaughey an. Der schuldete ihm noch einen Gefallen, den Knight jetzt mit mehr oder weniger Nachdruck einforderte. Mit dem Namen McConaughey im Gepäck war eine Produktionsfirma schnell gefunden. Doch die Verantwortlichen meinten, dass das Drehbuch dringend aufgepeppt werden müsste, da es sonst wie eine Bleiente sinken würde. Eine Femme fatale und etwas Sex würden schon reichen. Als Knight abends seinen Hund ausführte, traf er zufällig Anne Hathaway, die in der Nachbarschft wohnte. Als sie hörte, dass Matthew McConaughey mit von der Partie sein würde, sagte sie sofort zu, ohne das Drehbuch überhaupt gelesen zu haben. Kurz darauf starteten die Dreharbeiten und Knight war sehr zufrieden mit sich. So ging das ein paar Wochen bis der Produzent einen Blick auf das bisherige Bildmaterial werfen wollten. Nach einem Schweigen, das viel zu lange dauerte, um positiv gemeint zu sein, sagte er: „Hör mal, das ist ja furchtbar langweilig. Was willst du dagegen tun?“ Knight war zuerst überfordert, aber dann fiel ihm etwas ein. „Ich wollte schon immer so was wie Christopher Nolan machen. Ich wette, ich kann das auch.“ „Mach was du willst, aber mach es und zwar schnell.“ antwortete der Produzent und sein Angestellter fing umgehend an, das Drehbuch umzuarbeiten. Bis zum Drehende wurde Knight nicht weiter behelligt. Die Verantwortlichen drückten einfach die Daumen, dass alles klappen würde. Die Testvorführungen des fertigen Films zeigten schließlich jedoch, dass der auf wenig Gegenliebe stieß. Deshalb entschied sich die Produktionsfirma Aviron dazu, nur einen kleinen Werbeetat darauf zu verwenden, Serenity (Originaltitel) zu vermarkten.

Das ist bis auf die letzten zwei Sätze natürlich eine fiktive Geschichte, die aber so ähnlich abgelaufen sein könnte. Zumindest vermute ich es, wenn ich mir das Resultat ansehe. Okay, zur Ehrenrettung muss gesagt werden, dass der Originaltitel zumindest besser ist als Im Netz der Versuchung. Hier wollte der deutsche Verleiher wohl außergewöhnlich originell sein, aber dem Wortspiel sollte man nicht ins Netz gehen. 😉 Im Film spielen nämlich weniger Netze als Angelruten eine Rolle und die einzige Versuchung, die droht, ist die den Auschaltknopf zu betätigen. Das klingt harsch, aber der Film nimmt ja andererseits genauso wenig Rücksicht auf mich.

Da wäre zum einen und vorrangig der Plot. Zweidrittel der Zeit dümpelt er vor sich hin und spiegelt vor, Baker Dills generelle Zerrissenheit und die spezielle zu seiner Exfrau, ständen im Zentrum. Ich kann nachvollziehen, dass das dem Drehbuchautor irgendwann zu langweilig wurde, denn mir ging es ebenso. Plötzlich wir das Steuerrad dann aber um 180° rumgerissen und man steuert auf einen Twist zu, der vermutlich dazu gedacht ist, einem das Gehirn wegzupusten. Tut er in gewisser Weise dann auch, aber sicher nicht auf die Weise wie vom Knight gewünscht. Und er ist alles andere als Nolan-like, falls das das Ziel gewesen sein sollte. Stattdessen passt er nicht homogen zum restlichen Film, der vorher ein völlig anderes Genre zu bespielen schien, und wirkt wie dran geklatscht. Als wäre der Twist Knight tatsächlich erst während des Drehs eingefallen. Wie und wann er auch immer exakt darauf gekommen ist,  all das ist undurchdacht, unglaubwürdig und unlogisch. Deshalb verfehlt auch der Schluss seine vorgesehene Wirkung. Gedanklich befindet man sich nämlich noch bei all den vorherigen Ungereimtheiten, so dass man sich emotional gar nicht auf die finalen Enthüllungen einlassen kann.

Zum anderen ist die Besatzung, äh, Besetzung 😉 chronisch unterfordert. Es ist schon eine Kunst, solch renommierten Darsteller zu engagieren und sie dann auf eine dermaßen durchschnittliche Leistung zurückzustutzen.
McConaugheys Rolle des besessenen Fischers mit traumatischen Erinnerungen klingt tiefgründiger als sie ist. Der seltsame, sperrige Name seiner Figur könnte als Vorwarnung verstanden werden, ruft er doch schon von Weitem „FANTASIENAME!“. Man muss Matthew McConaughey zugestehen, dass er sich redlich Mühe gibt, Baker Tiefe zu verleihen, aber seine Charakterbeschreibung passt auf einen Bierdeckel. Erstaunlicherweise ist er damit sogar noch die ausgefeilteste Figur. Also verharrt Matthew in seichtem Gewässer, denn wie soll er sich in tieferes bewegen, wenn man ihm nur ein Paddel statt eines Motors ins Boot legt?! Mal abgesehen davon, hat es der gute Mann wirklich noch nötig, sein blankes Gesäß in die Kamera zu halten? Und trägt das wirklich zur Handlung bei? Also, ich beantworte beide Fragen mit einem entschiedenen „Nein!!“.
Noch schlimmer ereilt es die gute Anne Hathaway. Zwar nimmt man ihr die gedemütigte Ehefrau irgendwie noch ab, nicht aber die verführerische und geheimnisvolle Geliebte. Und zu jeder Zeit wirkt sie wie eine Hülle ohne Innenleben. Oje, das klingt fies, aber so habe ich es wahrgenommen. Ehrlich gesagt, ist die Besetzung von McConaughey und Hathaway als Ex-Paar und Geliebte von vornherein ein Fehlgriff gewesen. Man nimmt es ihnen einfach nicht ab, dass sie irgendwann mal eine engere Beziehung hatten. Daran ändert auch eine sehr explizite Szene nichts, die stattdessen extrem zum Fremdschämen einlädt.

Die übrige Besetzung ist mit Jason Clarke, Diane Lane und Djimon Hounsou zwar namhaft, bekommt aber noch viel weniger als die Hauptdarsteller zu tun. Sind sie Freunde vom Regisseur, denen er mal einen kleine Dienstreise ermöglichen wollte? Wie auch immer, ihre Figuren bleiben stereotyp, eindimensional und langweilig. In Anbetracht des großen Ganzen passt es sogar, dass sie nicht wie ausgereifte Charaktere wirken.  Allein Hounsou als Dills Bootsmann weckt ein paar Sympathien. Bei Diane Lane fragt man sich hingegen, warum ihre Figur überhaupt dabei ist. Hat es eine tiefere psychologische Bedeutung, dass ihre Katze ständig wegläuft und Dill sie findet?
Und dann diese Dialoge. Sie kommen nicht nur hölzern und blutleer daher (was wiederum zu den Figuren passt), sondern scheinen darüber hinaus aus anderen Filmen geborgt worden zu sein. Second-hand-Dialoge sozusagen. Abgegriffen genug klingen sie. Insgesamt ist es, als wären die Figuren Nebelhörner, die niemanden erreichen, sondern ungehört verwehen.

Wenn der Film wenigstens mit tollen Bildern, einer fiebrigen Atmosphäre oder einem erinnerungswürdigen Soundtrack zu überzeugen wüsste. Tut er aber nicht.

Schätzungsweise handelt es sich bei Serenity/Im Netz der Versuchung um einen jener Filme, dessen Fans meinen, man hätte sie nicht verstanden, nur weil man sie schlecht findet. Für mich ist es jedoch einfach ein Film, der vorgibt, mehr zu sein als er ist. Er will clever, überraschend und schockierend sein. Stattdessen stellt er eine krude Mischung aus verschiedenen Filmversatzstücken dar, die einfach nicht zueinander passen wollen. Weder die Charaktere noch die Geschichte noch alles zusammen bilden für mich eine runde Sache oder erreichen mich irgendwie emotional. Vor allem tun mir die Schauspieler leid, die ihren guten Namen in den Dienst dieser Sache gestellt haben. Man kann nur hoffen, dass sie mit ausreichend Geld und wunderschönen Abenden auf Mauritius entschädigt worden sind.

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10 Gedanken zu „[Filmkritik] Im Netz der Versuchung oder heute kein Fang

  1. eccehomo42

    Der Film ist so unglaublich schlecht und dann dieser Twist. Mr. Knight hat wahrscheinlich gedacht er dreht den Film des Jahres. Das ist alles so drüber. Deine Kritik ist letztendlich unterhaltsamer als dieser Filmschrott

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Herzlichen Dank für das Kompliment! 🙂 Irgendwie erwartete man ja einen großen Twist, aber doch zumindest einen der wirklich Sinn macht. Ich hab nur weiter geguckt, weil ich darauf gehofft hatte. Andererseits gab der erste Teil mit dem Mordplan auch nix her, woraus man einen Wow-Effekt hätte zaubern können. Ja, für mich war es echter Schrott.

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      1. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Die Kritik geht ja in vielen Bereichen mit meiner konform, allerdings bin ich schon der Meinung, dass der Regisseur etwas unfähig war, weil er beide Ebenen nämlich überhaupt nicht zusammengebracht hat. Eigentlich komisch, immerhin zeichnet er sich auch für Peaky Blinders verantwortlich. Dann war es wohl doch keine Unfähigkeit, sondern einfach Unwille, was ich fast noch schlimmer finde, weil das bedeuten würde, dass er die Zuschauer absichtlich ärgern wollte.

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      2. mwj

        Ich denke, dass der Film damit steht und fällt wie der Twist (den ich übrigens nachgelesen habe) beim Zuschauer ankommt. Steven Knight hat, wie man seiner Filmografie entnehmen kann, schon viel gemacht, von daher denke ich dass „Serenity“/“Im Netz der Versuchung“ eher ein Ausrutscher von ihm war. Ich kenne aber von ihm kaum etwas.

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      3. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Ich auch nicht und auf Basis dieses Films bin ich auch nicht wild darauf, das zu ändern. 😀 Ja, es stimmt, der Twist ist ein essentieller Bestandteil und er kann die Meinung des Zuschauers noch mal auf den Kopf stellen. Für mich war er allerdings nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, da ich die Geschichte und die Figuren schon vorher nicht überzeugend fand.

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