[Filmkritik] And … points go to Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga (OV)

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Lars (Will Ferrell) träumte schon als Junge davon, seine Heimat Island beim Eurovision Song Contest vertreten zu dürfen. Inzwischen absolviert er gemeinsam mit seiner besten Freundin Sigrit (Rachel McAdams) Auftritte im örtlichen Pub seines kleinen Heimatdorfs Husavik, wo man seine selbstgeschriebenen Songs allerdings wenig zu schätzen weiß. Auch seinem Vater (Pierce Brosnan) sind Lars‘ Träumereien peinlich. All das könnte sich natürlich ändern, wenn Lars nicht nur am ESC teilnehmen, sondern auch gewinnen würde!
Obwohl jeder ihnen bescheinigt, wie schlecht sie sind, schaffen es Lars und Sigrit tatsächlich erst beim isländischen Vorentscheid und dann beim Halbfinale in Edinburg anzutreten. Doch nicht nur ihr Vorhaben, es ins Finale zu schaffen, scheint verrückt, sondern auch der Gesangswettbewerb selbst.

Wenn man hört, dass es einen Spielfilm zum ESC geben und Will Ferrell darin die Hauptrolle übernehmen soll, dann fragt man sich unweigerlich: „Was kann da schon schiefgehen?“ und beantwortet es sofort selbst mit: „Alles“. Natürlich vermutet man, dass der einzige Wettbewerb den der Film ernst nehmen wird, der zwischen Flachwitzen und Fremdscham sein wird. Und man befürchtet, dass die legendäre Großveranstaltung und seine Teilnehmer als peinliche Lachnummern dargestellt werden.

Nichtsdestotrotz war ich als Fan natürlich neugierig. Ein Auftritt Ferrells in der Graham Norton Show schürte diese noch. Schließlich war es soweit und Netflix veröffentlichte Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga. Bald trudelten die ersten Kritiken ein. Viele davon überraschenderweise positiv. Außerdem hat die Absage des ESC 2020 selbstverständlich zu einem Mangel an Glitzer, Farben und schlechten Popsongs geführt, der dringend ausgeglichen werden will. Immerhin bin ich ja eine gewisse jährliche Dosis gewöhnt! Ihr seht, ich habe es mir schöngeredet und schließlich trotz aller Bedenken „Play“ betätigt.

Inzwischen habe ich den Film innerhalb von zwei Tagen zweimal gesehen und finde ihn wirklich gut. Nicht unbedingt in einem objektiven Sinne, aber von meiner ganz persönlichen Warte aus. Ja, die Geschichte ist konventionell und vorhersehbar, vermittelt aber so schöne Botschaften, wie an den eigenen Träume festzuhalten, Niederlagen hocherhobenen Hauptes anzunehmen, Freundschaft zu schätzen und zusammenzuhalten. Vor allem zeichnet sich der gesamte Film aber durch enorm viel Herz aus.

So sind die Figuren schräg, überdreht und eigenwillig, aber allesamt auch sehr liebenswert. Man merkt den Schauspielern an, wie sehr sie es genießen, diesen besonderen Charakteren Leben einzuhauchen.
Einerseits ist es eine von Ferrells Qualitäten, dass ihm nichts peinlich ist. Andererseits ist es eine von Ferrells Schwächen, dass ihm nichts peinlich ist. In diesem Fall schießt er allerdings nie übers Ziel hinaus. Man muss Lars einfach ins Herz schließen. Flachwitze finden sich nur in homöopathischen Dosen und sind mitunter sogar ganz witzig.
Auch Rachel McAdams füllt ihre Rolle mit Leichtigkeit aus und zieht die Sympathien auf sich. Sie und Ferrell bilden ein so liebenswertes Paar, das man bereit ist, ihnen alles zu glauben. Selbst die abwegige Behauptung, dass sie im selben Alter wären. 😀 Das gilt auch für Pierce Brosnan, der als Lars‘ Vater viel zu jung ist. Aber wen interessiert so eine Marginalie?! Man freut sich einfach zu sehr über seine Beteiligung und seinen isländischen Akzent.
Schließlich darf Dan Stevens auf gar keinen Fall unerwähnt bleiben, ist er doch als russischer Sänger Alexander Lemtov der heimliche Star des Films. Perfekte Besetzung! Er scheint seine Rolle wirklich zu genießen und hat ein großes komisches Talent, das er in seinen bisherigen Filmen gar nicht in diesem Umfang entfalten konnte. Mit welcher Haltung er Lemtovs Föhnfrisur, künstliche Bräune und opulenten Anzüge trägt! Das findet nur in Ferrell einen ebenbürtigen Partner. Und sein Auftritt erst!

Doch Alexander ist keineswegs eine oberflächliche Figur, sondern hat auch verschiedene Seiten. Obwohl man ihn anfangs für den fiesen Widersacher hält, entpuppt er sich bald, als echt nette Type.

Die Besetzungsliste wird durch frühere ESC-TeilnehmerInnen (und ein paar weitere Cameo-Auftritte) ergänzt. Das ist zwar toll und unterstützt Setting und Atmosphäre, aber ihre Auftritte hätten etwas eleganter eingebaut werden können. Meiner Beobachtung nach sind es nur zwei Szenen, in denen frühere Teilnehmer auftauchen. Die erste ist sehr schön konzipiert und passt in die Geschichte, die zweite wirkt hingegen wie ein willkürlich eingeschobenes Musikvideo. Außerdem hätte ich es bevorzugt, wenn darin ausschließlich ESC-Songs verwendet worden wären.

Die Liebe zum Thema spiegelt sich überall im Film wider. Beispielsweise wurde an Originalschauplätzen gedreht. Sowohl Island als auch Edinburg werden visuell toll und charakteristisch in Szene gesetzt. Die Veranstaltungshalle und die Bühne sind ebenfalls wirklichkeitsgetreu und wenn das Publikum und die Bühneneffekte dazukommen, fühlt man sich mit leichten Einschränkungen tatsächlich, als würde man die reale Show beobachten. Lediglich der Green Room, in dem die Künstler auf die Punktevergabe warten, wirkt etwas kulissenhaft.
Die liebevolle Gestaltung setzt sich in den großartigen Kostümdesigns und vielfältigen Haarfrisuren fort. Sie sind mehr als nur bedeutsame Puzzlestücke, sondern bilden fast schon eigenständige Highlights und Überraschungsmomente. Die SchauspielerInnen tragen ihre Kostüme und Frisuren/Perücken außerdem mit solch einer Selbstverständlichkeit, dass die Absurdität der Stylings noch verstärkt wird.
Inhaltlich finden sich ebenfalls immer wieder kleine Ideen, die unterhalten, anrühren oder überraschen. Verraten möchte ich keine davon, denn es macht einen Heidenspaß, sie selbst zu entdecken.
Mir sind nur zwei inhaltliche Fehler aufgefallen. Einerseits hieß es 1974 noch Grand Prix de la Chanson Européenne und noch nicht Eurovision Song Contest und andererseits gehört Spanien zu den Big Five und muss nicht an den Halbfinalen teilnehmen.

Und was sollte der Dreh- und Angelpunkt eines Gesangswettbewerbs sein? Klar, die Lieder. Okay, inzwischen kann man sich streiten, ob das beim ESC noch der Fall ist, aber sie sind zumindest immer noch sehr wichtig. Das heißt, dass The Story of Fire Saga auch den speziellen Eurovision-Sound hinbekommen muss, um realistisch zu sein. Auch diese Hürde wird mühelos übersprungen. Jedes Lied könnte problemlos beim Song Contest mitmischen. Besonders die von Lars und Sigrit gehen richtig ins Ohr. Die Performances der Künstler sind allgemein total stimmig und es gibt sogar einen Lordi-Verschnitt, der fast noch gruseliger ist als sein Vorbild. Klar, manche Songs wie „Ja Ja Ding Dong“ sind einfach nur over the top und inhaltlich „fragwürdig“ 😉 , aber trotzdem echt witzige Ohrwürmer.

Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga mag von vielen als albern und abgedreht empfunden werden und das ist er auch. Er darf/muss es sogar sein, denn sein Thema ist es ja ebenfalls. Dennoch stellt er den ESC niemals bloß, fängt stattdessen dessen Faszination und seine (schrägen) Eigenheiten ein. Da dürfte jedem Fan genauso wie mir das Herz aufgehen und ein breites Lächeln aufs Gesicht gezaubert werden.
Übrigens bringt der Film ebenso wie der ESC viele verschiedene Nationalitäten zusammen. Ferrell stammt z.B. aus den USA, McAdams aus Kanada, Brosnan ist Ire und lebt in den USA, Stevens ist Brite usw.

Wisst Ihr, was ich richtig schade finde? Dass ich diesen Film  nicht auf der großen Leindwand erleben kann. Richtig klasse fänd ich hingegen, wenn Fire Saga nächstes Jahr wirklich einen Gastauftritt beim ESC absolvieren würde 😀 !

8 von 10 Tickets, die der Film objektiv wahrscheinlich nicht verdient, aber emotional bei mir erreicht hat.

8Tickets

 

4 Gedanken zu „[Filmkritik] And … points go to Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga (OV)

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