[Filmkritik] Hamilton (OV)

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Musical, Disney+, 160 Minuten

Hamilton ist ein Phänomen. Seit das Musical am Broadway gestartet ist, hat es eine Welle der Begeisterung ausgelöst, die in der Musicalwelt ihresgleichen sucht. Die Eintrittspreise schossen in die Höhe, President Obama nahm im Zuschauerraum platz und inzwischen läuft es sehr erfolgreich in London, der Disney-Konzern bezahlte für die Streamingrechte 75 Mio. Dollar. Selbst Menschen, die sich nie für Musicals interessiert haben, haben inzwischen zumindest von Hamilton gehört.

Wenn man so lange von der Brillanz eines Films, Buches oder in diesem Fall eines Musicals hört, baut man Erwartungen auf. Man erwartet, etwas Neues, Überwältigendes, Überraschendes. Man erwartet, umgehauen und mitgerissen zu werden. Doch einer Erwartung wohnt immer die Chance zur Enttäuschung inne, weil sie zu groß geraten ist und die Realität sie nicht ausfüllt. Sehen wir mal, ob das bei Hamilton und mir der Fall ist oder nicht.

Positive Aspekte:

  • Hamilton hat dem Genre Musical definitiv eine frische, moderne Facette hinzugefügt, ihm einen Boost geschenkt, indem eine neue Generation angesprochen und begeistert wird.
  • Die Darsteller sind sehr stark, verkörpern ihre Rollen sowohl schauspielerisch als auch gesanglich mehr als überzeugend.
  • Viele der Lieder kannte ich bereits und einige davon mag ich sehr gerne, ihre Bühnenversion hat durchaus Gänsehautmomente ausgelöst.
  • Es ist sehr ambitioniert, nicht nur ein so komplexes Thema wie die Gründung der USA und die Biografie eines ihrer Väter in einem Musical umzusetzen, sondern das Ganze auch noch in Rapform also in Reime zu verpacken. Welch starke Leistung, nicht nur passende, clevere Reime zu finden, sondern auch dass, die SängerInnen sich diese komplexen Texte merken können!
  • Vielfach wird die Inszenierung als perfekt durchdacht und umgesetzt gelobt. Das stimmt. Der Bühnenraum ist mit Aufgängen und Balkon vielseitig einsetzbar und wird optimal genutzt. Die Drehbühne wird optimal und abwechslungsreich genutzt. Ich mag es sehr, wie geschmeidig die Darsteller sich darauf bewegen, auf und abtreten. Die Beleuchtung erschafft immer wieder neue Effekte und Stimmungen, die wenigen Requisiten immer neue fiktive Räume. Die Choreografien sind ausgeklügelt, die historischen Kostüme ansprechend. Meiner Meinung nach müssen diese Dinge aber nicht betont werden, denn nichts anderes erwarte ich von einer hochwertigen Broadway-Produktion. Etwas Exzeptionelles, nie da Gewesenes wurde hier meiner Meinung nach aber nicht geschaffen.

Kritikpunkte:

  • Um von einem Musical ´(oder anderen kreativen Werken) begeistert zu sein, muss es mich auf einer emotionalen Ebene erreichen. Ich glaube, es muss die für mich richtige und daher individuelle Mischung aus Geschichte, Figuren und Musik darstellen. Das kann man nicht beeinflussen oder argumentativ herbei reden. Im Fall von Hamilton tritt dieser Effekt bei mir leider nicht ein, obwohl ich es mir sehr gewünscht habe.
  • Einer der musikalischen Schwerpunkte ist Rap und wer wie ich wenig mit dieser Musikrichtung anfangen kann, hat selbstredend ein grundsätzliches Problem.
  • Die Figuren überzeugen mich nicht. Für mich bleiben sie allesamt recht oberflächlich, richtig mitfühlen kann ich mit keiner.
  • Besonders mit dem Titelhelden habe ich so meine Probleme. Klar, kann man es Lin-Manuel Miranda nicht vorwerfen, dass er die Hauptrolle selbst übernehmen wollte. Dass er gesanglich gegenüber den übrigen Darstellern abfällt, stört mich persönlich überhaupt nicht. Mein Problem ist aber, dass ich ihn in keinem Moment als charismatischen Kämpfer, Anführer und Politiker wahrnehme. Oder als Mann, dem die Herzen der Schyler-Schwestern zufliegen. Dementsprechend erkenne ich in ihm auch nicht den Mann, der das Logo des Musicals ziert.
  • Es werden immer wieder komische Momente (comic relief) eingebaut, die auch genauso wirken, nämlich konstruiert. Außerdem empfinde ich die meisten davon als ziemlich alberne und unpassende Unterbrechungen. Das trifft auch auf die Figur von Thomas Jefferson zu. Viel zu überdreht und negativ, der mir allerdings dennoch sympathischer ist als der Protagonist.
  • Hieran schließt sich die Reaktion des Publikums auf die „komischen Einwürfe“ an. Ich habe den Eindruck als wäre der Saal voller Fans, die genauso reagieren wie es von ihnen erwartet wird. Irgendwie fehlt mir das Spontane, die Natürlichkeit, vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Vielleicht entsteht der generische Eindruck auch dadurch, dass verschiedene Aufnahmen mit und ohne Live-Publikum zusammengeschnitten wurden.
  • Auch die Geschichte an sich bewegt mich nicht. Klar, es gibt emotionale Momente (das Duell des Sohnes, die Eheprobleme), aber sie entwickeln nicht die Wucht, die ich mir gewünscht hätte und die andere Musicals transportieren.
  • Die Geschichte hat keinen starken Spannungsbogen. Es geht eher so ein bisschen auf und ab. Auch hierfür ist meines Erachtens das Vorhaben, eine Biografie zur Grundlage des Musical zu machen, verantwortlich. Tatsächlich weist Hamilton die ein oder andere inhaltliche Länge auf. Bester Indikator dafür war, dass ich hin und wieder mit den Gedanken abgeschweift bin.

Toll, dass Disney es uns ermöglicht, in den Genuss von Hamilton zu kommen. Natürlich handelt es sich um ein sehr gut gemachtes, unterhaltsames Musical. Froh bin ich aber, davor bewahrt worden zu sein, irgendwann mal die sehr hohen Ticketpreise zu berappen. Ich glaube, wenn Disney Hamilton doch noch ins Kino bringen würde, würde ich auch dort nicht mehr wie geplant hingehen.

8 von 10 Tickets

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9 Gedanken zu „[Filmkritik] Hamilton (OV)

  1. blaupause7

    Eigentlich sollte es mich ja interessieren, aus geschichtlichen Gründen und weil er die älteste Bank Amerikas gegründet hat, aber 1) kann ich mich für Musicals heute nicht mehr so richtig begeistern, 2) ist Rap nicht meine bevorzugte Musikrichtung und 3) stehe ich Disney-Produktionen eher skeptisch gegenüber.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Dann hast du sogar noch weniger Voraussetzungen als ich, dieses Stück zu mögen 🙂 .
      Eine Disney-Produktion ist es eigentlich nicht, da Disney ja das Musical so gekauft hat wie es ist und vorher schon vielfach aufgeführt wurde. Allerdings wurden kleinere Änderungen vorgenommen, z.B. das Wörtchen F…k hier und da verändert.

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  2. ravenking81

    Sehr interessante ausgewogene Kritik. Ich habe eine Theorie gehört nach der Alexander Hamilton an Aspergers Syndrom (milde Form von Autismus) gelitten haben soll, was erklären könnte warum seine Figur etwas hölzern und wenig charismatisch herüberkommt.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Vielen lieben Dank 🙂 .
      Eine interessante Theorie, die möglicherweise richtig ist, aber ich denke, sie ist nicht in dieses Stück eingeflossen. Andernfalls hätte man diesen Umstand bestimmt deutlich gemacht und die Darstellung wäre noch anders ausgefallen. Autistische Züge kann ich in Mirandas Darstellung jedenfalls nicht erkennen. Für mich liegt das Problem eher an seiner Bühnenpräsenz, die zumindest auf mich nicht stark wirkte.

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