[Serienkritik] Dirty John 2. Staffel: Betty (Netflix)

betty

Am 5. November 1989 betritt Betty Broderick um halb sechs morgens das Schlafzimmer ihres Ex-Ehemanns Daniel T. Broderick III. und seiner zweiten Ehefrau Linda. Sie zückt einen Revolver und erschießt das schlafende Paar.

Der Tat vorausgegangen war ein jahrelanger Scheidungskrieg der landesweit Schlagzeilen machte. Dies lag nicht nur an der Härte, mit der er ausgefochten wurde, sondern auch an Bettys Situation mit der sich viele Frauen identifizieren konnten. Während Daniel sowohl ein Medizinstudium als auch ein Jurastudium absolvierte, hatte seine Frau die Familie durch verschiedene Jobs über Wasser gehalten, sich um die vier Kinder gekümmert und ihren Mann im Studium unterstützt (z.B. seine Arbeiten getippt). Während der Scheidungsverhandlungen unterstellte Daniel ihr, dies aus reiner Geldgier getan zu haben, da sie gewußt habe, sein Aufstieg würde mit einem besseren Lebensstil einhergehen und auch ihr zugutekommen. Generell nutzte Broderick sein professionelles Wissen, um eigene Interessen gegen Betty durchzusetzen. Er schreckte weder davor zurück, ihr die Kinder wegzunehmen, noch davor, sie vorübergehend in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Inwiefern diese Maßnahmen gerechtfertigt waren, lässt sich von außen selbstverständlich schwer beurteilen. Dass sie dazu beitrugen, Betty in eine Ausnahmesituation zu versetzen und diese weiter zu verstärken, liegt aber durchaus nahe. Ihre Tochter berichtete später, Betty hätte schon während der Ehe häufig Wutausbrüche gehabt. Durch den immensen Druck der Trennung mag auch dieses Problem verstärkt worden sein.

Betty Broderick wurde schließlich zu einer Haftstrafe von 32 Jahren verurteilt. Drei Gnadengesuche (zuletzt 2017), die sie seither stellen durfte, wurden abgelehnt. Erst 2032 darf es erneut beantragt werden. Sie wäre dann 85 Jahre alt.

Mehrere Bücher sind seither über den Fall geschrieben worden und auch filmisch wurde er in Serien und Filmen bearbeitet. Aktuell widmet sich die zweite Staffel der US-Serie „Dear John“ Bettys Geschichte und steht seit August auf Netflix bereit. Dabei hat diese Staffel keinerlei Bezug zur ersten, außer dass beide reale Kriminalfälle behandeln. So habe ich die erste vor vielen Monaten nach der zweiten Folge abgebrochen, da sie für mich nicht spannend war. Dennoch habe ich es mit der neuen versucht und da sich ihre Machart doch deutlich von der ihrer Vorgängerin unterscheidet, funktionierte sie weitaus besser für mich. Tatsächlich habe ich sie innerhalb weniger Tage durchgesuchtet.

Erzählt wird die Geschichte nicht nur, aber vor allem aus Bettys Sicht. So bleibt es nicht aus, dass man über weite Strecken mit ihr sympathisiert und sich in ihre Situation hineinversetzen kann. Der Fokus liegt dabei auf der Ehe und Scheidung. Wenig erfährt man über ihr Elternhaus und ihre Jugend, aber es reicht, um ein ungefähres Bild zu erhalten. Während der Trennung sieht sie sich immer wieder scheinbar aussichtslosen Situationen gegenübergestellt, denn stets ist ihr Daniel als Anwalt einen Schritt voraus. Er nutzt sein Wissen und seine Kontakte, um ihr das Leben schwerzumachen. Immer wieder wird Betty ungerecht behandelt, erleidet Rückschläge und ist auf sich allein gestellt. Auch erfährt der Zuschauer, wie Daniel seine Frau ausgenutzt hat, um selbst Karriere machen zu können. All das führt dazu, dass man Bettys Ohnmachtsgefühle und ihre Wut wirklich nachfühlen kann. Außerdem fragte man sich, wie man selbst mit all den Dingen umgehen würde.

Doch Bettys Bild bekommt Risse, da ihr Verhalten ungeachtet der tiefen, psychischen Verletzungen durch Daniel durchaus „krankhafte“ Züge aufweist. Statt zu versuchen, die Situation zu deeskalieren (schon allein wegen der Kinder), scheint Bettys Zorn immer stärker entfacht zu werden. Sie will Rache. Sie will ihren Ex und seine Freundin bzw. spätere Ehefrau fertigmachen. Wenn das bedeutet, auch den Kindern Leid zuzufügen, dann akzeptiert sie es, obwohl sie ansonsten durchaus als liebevolle Mutter gezeigt wird. Irgendwie erinnert sie an einen Kampfhund, der sich in etwas verbissen hat und es ohne Rücksicht auf Verluste einfach nicht loslassen will oder kann.
Andere Perspektiven werden zwar gezeigt, aber meiner Meinung nach kommen sie zu kurz. Vor allem hätte ich gerne mehr darüber erfahren, wie die Kinder mit der Situation umgehen und diese psychisch verarbeitet haben. Stattdessen gibt es nur wenige Szenen, in denen der Fokus auf sie gerichtet wird. Eine der eindrücklichsten ist jedoch, in der Betty mit einem ihrer Söhne telefoniert und ihr völlig egal zu sein scheint, was er zu ihr sagt und wie sehr er leidet. Letztlich ist „Dirty John: Betty“ vor allem ein Psychogramm von Betty Broderick.

Den Mittelpunkt bilden Betty und Daniel. Alle übrigen Figuren umkreisen die beiden wie Satelliten. Die Besetzung ist allerdings durchweg perfekt. Betty wird von Amanda Peet ohne Rücksicht auf das eigene Erscheinungsbild gespielt. Egal, ob ihr Gesicht wutverzerrt ist oder Tränen überströmt, Peet gibt sich jeder Situation völlig hin und spielt sie mit allen Nuancen. Nach dieser Leistung sehe ich sie mit völlig neuen Augen. Christian Slaters Daniel schwankt ebenso wie Betty zwischen verschiedenen Polen. Einerseits entwickelt er sich überzeugend vom nachlässigen zum fürsorglichen Vater. Andererseits wird er als manipulativer Mann dargestellt, der seiner (Ex-) Frau immer wieder unterstellt, „irre“ zu sein und weiße Mäuse zu sehen, wo keine sind. Einerseits soll er ein brillanter Anwalt sein, andererseits wird der Stereotyp eines schmierigen Winkeladvokaten bedient. Seine eigene Perspektive kommt dabei zu kurz, so dass man sich unweigerlich fragt, ob er wirklich derart verschlagen war. Slater bringt all dies absolut überzeugend rüber. Im Disclaimer wird festgehalten, dass Situationen, Personen und ihre Handlungen zur Dramatisierung überzeichnet worden sind und das merkt man auch. Ich glaube aber, dass die Beteiligten sich damals gegenseitig durchaus ähnlich wahrgenommen haben.
Die übrigen Darsteller spielen ebenfalls überzeugend, werden aber von Peet und Slater überstrahlt.
An dieser Stelle soll die hervorragende deutsche Synchronisation nicht unerwähnt bleiben. Gerade in Bettys Fall hat sie hervorragende Arbeit geleistet und derem furienhaften Auftreten die passende Stimme verliehen.

Besonders gut gefallen hat mir darüber hinaus die musikalische Untermalung, das Kostümdesign und das Produktionsdesign. Alle drei spiegeln die Jahrzehnte, in denen die Handlung spielt, absolut passend wider. Der Soundtrack untersteicht außerdem die situative Gemengelage, in der sich die Figuren befinden. Die Geschichte springt auch sehr famos zwischen den Zeiten und die Kostüme und Musik machen die Orientierung für die Zuschauer einfacher.

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass die Scheidung für alle Seiten alptraumhaft gewesen sein muss. Zum Schluss der Serie sagt, Betty (im übertragenen Sinn), dass Daniel und Lindas Tod ihr endlich Ruhe geschenkt hat. Ich glaube, dass es aus ihrer Sicht tatsächlich so war. Egal, was die beiden gemacht oder gelassen hätten, Betty hätte sich immer provoziert gefühlt, da sie sich als Daniels einzig legitime Ehefrau wahrgenommen hat. Nach ihrer Logik konnte nur der Tod ihre Besitzansprüche beenden und Linda der gerechten Strafe zuführen.  Die Serie macht den schockierenden Weg zu der verhängnisvollen Nacht deutlich. Tendenziell nimmt sie für Betty Partei ein, zeigt aber auch Widersprüche in ihrer Psyche und Verhalten auf. Es wird deutlich, dass Betty und Daniel vermutlich gleichermaßen Opfer wie Täter sind.

8/10 Tickets für die spannungs- und emotionsgeladene Miniserie (8 Folgen)

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