[Serienkritik] The Haunting of Bly Manor (OV) (Netflix)

Bly Manor

Vor ungefähr einem Jahr machte die Netflix-Serie The Haunting of Hill House starken Eindruck auf mich. Es brauchte also keinen langwierigen Entscheidungsfindungsprozess, um The Haunting of Bly Manor einzuschalten. Dabei handelt es sich übrigens nicht um eine Fortsetzung von Hill House (das ohnehin in sich abgeschlossen ist), sondern um eine neue Geschichte, die von denselben Machern verantwortet wird. Ebenso wie ihre Vorgängerin basiert die neunteilige Serie, die am 9. Oktober 2020 erschienen ist, auf einer literarischen Vorlage (The Turn of the Screw von Henry James), die allerdings sehr frei ausgelegt und ausgeschmückt wird.

Eine Hochzeitsgesellschaft findet in einem Hotel zusammen. Abends am Kamin stößt eine Frau (Carla Gugino) zu ihnen und beginnt dem Brautpaar und einem paar ihrer Gäste eine „Geistergeschichte“ zu erzählen. Diese versetzt die Zuhörer und die Zuschauer auf den Herrensitz Bly Manor.
Zuerst begegnen wir der Amerikanerin Danielle (Victoria Pedretti), die als Kindermädchen der verwaisten Geschwister Miles und Flora engagiert wird. Deren einziger Verwandter ist Onkel Henry (Henry Thomas), der lieber seine Zeit in London verbringt, während die Kinder auf Bly Manor wohnen. Neben Dani arbeiten dort die Haushälterin Hannah (die übrigens durchgehend aussieht, als wäre sie eine ehemaliges Top-Model, das jederzeit damit rechnet, von Paparazzi verfolgt zu werden) (T’Nia Miller), Koch Owen (Rahul Kohli) und Gärtnerin Jamie (Amelia Eve).
Folgend gibt es ein paar wenige Gespenster, aber umso mehr unheilvolle Andeutungen und nächtliche Spaziergänge durch den düsteren Herrensitz. Achja, Danis Vorgängerin Rebecca (Tahirah Sharif) hat sich übrigens umgebracht und ihr Freund und Henrys Assistent Peter (Oliver Jackson-Cohen) ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Derselbe Peter, den Dani irgendwann auf der Terrasse erspäht. Uh, geheimnisvoll! Und dann wird sie auch noch ständig von einem Geist erschreckt, der Artemis Fowl nicht unähnlich sieht, allerdings mit glühenden Brillengläsern. Ominös.

Die Erzählperspektive wechselt zwischen all diesen Personen hin und her. Jeder hat seine eigene Geschichte, die im Laufe der Zeit auch ergründet werden. Ach, was heißt ergründet. Vielfach erfahren wir sie lediglich, weil sie von den Figuren erzählt bzw. behauptet werden. Ebenso wie Hill House ist Bly Manor also eine Ensembleleistung. Vermutlich soll die Serie so komplex und tiefgründig erscheinen, aber ich habe lediglich den Eindruck, dass die Handlung dadurch auf möglichst viele Folgen ausgedehnt werden sollte. Denn was im Vorgänger abwechslungsreich ist und zur Charakterisierung und Handlung beiträgt, wirkt sich hier ganz anders aus.
Einerseits habe ich den Eindruck, dass die Handlung durch die vielen Einzelstränge völlig überfrachtet wird. Gleichzeitig werden sie lediglich sehr oberflächlich behandelt und versanden in vielen Fällen irgendwann einfach. Als Beispiel sei der gesamte Handlungsstrang um Danis Verlobten angeführt. Er ist überflüssig und führt nirgendwohin. Dasselbe gilt für zahlreiche kleinere Elemente (z.B. die selbstgebauten Puppen, das Puppenhaus), die immer wieder adressiert werden, aber letztlich die suggerierte Bedeutung oder Gefahr nicht erfüllen. Als Zuschauer habe mich dadurch schlicht nicht ernst genommen gefühlt.
Außerdem scheinen die Verantwortlichen fest entschlossen gewesen zu sein, eine möglichst große Anzahl derzeit viel diskutierte Themen (z.B. missbräuchlicher Partner, gleichgeschlechtliche Partnerschaft, Sexismus) um jeden Preis einbeziehen zu wollen. Die Umsetzung erfolgt allerdings zu oberflächlich, um mich auf irgendeiner Ebene zu berühren. Es wirkt einfach nur forciert und überhaupt nicht homogen. Als Hannah irgendwann äußert, dass brillante Frauen von Männern immer niedergemacht werden, war ich emotional endgültig raus. Auf mich wirkte es, als wolle man nicht nur an dieser Stelle an eine Art Zeitgeist andocken, ohne Rücksicht auf die Qualität der Serie zu nehmen. Ein billiges und unangemessenes Vorgehen. Subtil ist anders.

Darüber hinaus wird die Serie verwirrend und bedrückend (nicht in einem guten Sinne) langsam erzählt, was sie tiefgründiger und mysteriöser erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist. Ein weiterer Punkt, der mich verärgert hat. Die schlimmste Episode ist die, in der Hannah immer wieder in dieselben Szenen springt. Als wolle man die Zuschauer für den Fall, dass sie bisher noch nicht aufgebracht sind, endlich dazu bringen. Stellenweise half nur noch die 10-Sekunden-Vorwärts-Funktion, um die Serie fortsetzen zu können.
(Die beste Episode ist für mich die achte, aber auch sie ist nicht so gut, als dass sie die Gesamterfahrung retten könnte.)

Hätte ich mich nicht schon wegen der genannten Gründe respektlos behandelt gefühlt, dann hätte es das Ausstattungsniveau geschafft. Dass die Geschichte 1987 spielen soll, habe ich nur bemerkt, weil das in einer späteren Episode gesagt wird. Die Geister mit ihren verschwommenen Gesichtszügen sind alles andere als gruselig. Und ich möchte gar nicht erst anfangen mit den Plastikpflanzen… So etwas dem Publikum vorzusetzen, zeugt gleichermaßen von Chuzpe und wie von Missachtung des Publikums!

Grundsätzlich habe ich keine Problem damit, dass auf einige der Schauspieler aus Hill House zurückgegriffen wurde. Okay, man könnte den Verantwortlichkeiten Einfallslosigkeit und Bequemlichkeit vorwerfen, aber wenn es sich ausgezahlt hätte, wäre das okay gewesen.
Die besten schauspielerischen Leistungen werden tatsächlich von den Kinderschauspielern (Benjamin Evan Ainsworth & Amelia Bea Smith) erbracht (die auch nicht einmal so gut sind), während die Erwachsenen (insbesondere Victoria Pedretti und Henry Thomas) hölzern und irgendwie unbeteiligt agieren. Auch Pedretti’s übertriebene Mimik ändert daran nichts. Ich gebe zu, dass ich sie in der 2. Staffel der Netflix-Serie You ebenfalls schon unerträglich fand, aber nichtsdestotrotz war ich ihr gegenüber zuerst unvoreingenommen.
Ärgerlich sind zudem die unpassenden Akzente der Schauspieler. In keinem Moment habe ich Oliver Jackson-Cohen abgenommen, dass er den Akzent nicht in einem mehrtägigen (erfolglosen) Seminar gelernt hat.
Am besten gefiel mir das Voice-over von Carla Gugino. Unlogisch ist jedoch die Transformation, die ihre Figur angeblich durchlaufen hat. Es wäre ein Spoiler näher darauf einzugehen. Belassen wir es dabei, dass ich ihr nicht abnehme, die Person zu sein, die sie sein soll. Unlogisch sind auch andere Dinge. Beispielsweise, dass Miles und Flora jegliche Erinnerung ans Geschehen verloren haben sollen. Onkel Henry hingegen nicht. Eine Erklärung wird dafür natürlich nicht angegeben. Dass die Dani und Jamie nicht älter werden, bleibt ein weiteres Mysterium.

The Haunting of Hill House und The Hunting of Bly Manor bilden zwei Enden einer Skala. Während Erstes subtil, aufregend, beängstigend, innovativ, psychologisch tiefgründig, vielseitig und emotional ist, ist das andere unbeholfen, vorhersehbar, oberflächlich, stumpf, repetitiv, langweilig und emotionslos.

Nach dem Sehen von The Haunting of Bly Manor bleiben nur noch drei Fragen:

Wie konnten es die Hochzeitsgäste es ertragen, einer dermaßen ausufernde und langweilige Geschichte zu lauschen?
Warum fällt es allen Figuren so schwer, das Licht anzuknipsen, wenn sie nachts durchs Haus schleichen?

Warum?

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