[Serienkritik] The Haunting of Hill House (OV) (Netflix)

Die Netflix-Serie "Spuk in Hill House" begünstigt Angststörungen.

Als Kinder verloren die fünf Geschwister Crain ihre Mutter Olivia (Carla Gugino) unter mysteriösen und tragischen Umständen. Damals lebte die Familie in Hill House, einem düsteren Anwesen, das die Eltern restaurieren wollten, das aber ein Eigenleben zu haben schien. In dessen Wänden Geister und unheimliche Erscheinungen lauerten. Nach jener Nacht wuchsen die Kinder bei ihrer Tante auf. Von ihrem Vater Hugh (Henry Thomas/Timothy Hutton) haben sie sich entfremdet.
Steven (Paxton Singleton/Michiel Huisman), Shirley (Lulu Wilson/Elizabeth Reaser), Theodora (McKenna Grace/Kate Siegel) und die Zwillinge Nell (Violet McGraw/Victoria Pedretti) und Luke (Julian Hilliard/Oliver Jackson-Cohen) haben danach ganz individuelle und teilweise destruktive Strategien entwickelt, um mit dem traumatischen Geschehen umzugehen. Als Nelly Jahrzehnte später ausgerechnet in Hill House Suizid verübt, müssen sie erkennen, dass ihre Strategien mehr schlecht als recht funktioniert haben und Hill House noch eine Rechnung mit der Familie offen hat.

Shirley Jacksons Roman Spuk in Hill House ist ein Klassiker des Horror-Genres. Darin will ein Wissenschaftler mit Hilfe von verschiedenen Versuchspersonen, den übernatürlichen Erscheinungen in besagtem Herrenhaus auf den Grund gehen. Obwohl sie denselben Titel trägt, eine der Figuren sich den Namen der Autorin leiht und der Handlungsort besagtes Herrenhaus ist, hat die Netflix-Serie nicht vielmehr mit dem Roman gemeinsam. Kann sie trotzdem oder gerade deswegen überzeugen? Klopfen wir die zehnteilige Eigenproduktion des Streamingdienstes doch einfach mal auf ihre Stärken und Schwachstellen hin ab.

Langsame Kamerafahrten, Blicke in endlos wirkende Flure, dunkle Winkel, lange Einstellungen auf augenscheinlich harmlose Dinge.
Den Bildern sind alle hellen und kraftvollen Farben entzogen worden. Nicht nur Hill House, sondern alle Schauplätzen werden von Braun- und Grautönen beherrscht. Es spiegelt das Leben der Crains wider, dass jeglicher Freude beraubt ist. Umso stärker und symbolträchtiger sind die wenigen Ausnahmen, wie beispielsweise Olivias roter Morgenmantel.

Es dauert nur wenige Sekunden bis sich die bedrückende, spannungsgeladene Atmosphäre (in jeder Folge aufs Neue) auf die Zuschauer überträgt. Hinter jeder Ecke, in jedem Schatten scheint etwas Unheilvolles zu lauern und oft genug ist es auch so. Doch reine Schockelemente wie Geister, sprechenden Leichen oder blutenden Augen werden sehr zurückhaltend, wenn auch dramaturgisch und visuell umso effektvoller eingesetzt. Der wahre Horror ist subtil und kriecht unterschwellig heran. Er findet sich in der permanenten Drohung, dass jede Sekunde etwas passieren kann, und die Ungewissheit, was es sein wird. Den Zuschauern ergeht es damit genauso wie den Hauptfiguren.

Das ist nicht das einzige Mittel, um Identifikation mit den einzelnen Figuren zu erreichen.

Jede Folge übernimmt die Perspektive einer von ihnen, die Kamera ist ihnen immer dicht auf den Fersen. Die Handlung springt dabei zwischen verschiedenen Zeitebenen. Zeigt, was die Kinder in Hill House erlebt haben und was in der Gegenwart geschieht. Welche Macht das Anwesen zu jeder Zeit über ihr Leben hat. Das Herrenhaus, das der eigentliche Protagonist ist und fast menschliche Charakterzüge zeigt.
Gleichzeitig werden die Familienstrukturen der Crains offengelegt. Ihre Beziehungen untereinander, die Widrigkeiten und Verletzungen werden sehr feinfühlig vermittelt. Vermutlich liegt hier der Schlüssel für die Gesamtqualität der Serie: Sie funktioniert abseits aller Gruseleffekte als eindringliches Psychodrama einer Familie und ihrer einzelnen Mitglieder. Es wird eine zutiefst menschliche, emotionale und trotz aller unglaublichen Vorgänge wahrhaftige Geschichte erzählt.

Eine weitere Meisterleistung wurde mit der Besetzung erbracht. Die Kinder und ihre erwachsenen Pendants entsprechen sich nicht nur optisch, sondern auch in der charakterlichen Darstellung. Gleiches gilt für Henry Thomas und sein älteres Ich, Timothy Hutton. Ihre Mimik und Gestik ist immer auf den Punkt, sowohl in Einzelszenen wie in gemeinsamen. Jeder verkörpert seine Figur so gut, dass die Zuschauer eine große Nähe zu ihnen aufbauen kann. Und viele werden sicher ihre persönlichen Lieblingsfiguren finden.
In diesem Zusammenhang müssen die exzellenten Dialoge hervorgehoben werden. Sprachlich sehr klangvoll und inhaltlich intelligent, ist es allein schon ein Vergnügen, ihnen zu lauschen.

Intelligent ist die Serie auf allen Ebenen. Auch dramaturgisch. Es gibt viele Handlungsstränge und -zeiten, die aber überschaubar zusammengehalten werden. Vieles hat einen doppelten oder sogar dreifachen Boden. Vorgänge werden durch verschiedene Perspektiven ergänzt oder anders dargestellt. Die letzte Folge schafft es sogar, dem noch eine Krone aufzusetzen. Obwohl sie gegenüber ihren Vorgängern langsam in Gang kommt, schenkt sie der Serie ein denkwürdiges Ende. Es gibt Überraschungen, Umdeutungen und eine aufwühlende Auflösung. Die wird vermutlich bei vielen Zuschauern noch lange nachhallen.
Das einzige, aber dafür umso gravierendere Manko ist, dass wenig Raum für eine zweite Staffel gelassen wird. Es ist nicht nur angesichts der beeindruckenden ersten Staffel bedauerlich, sondern auch weil man sich den Crains so verbunden fühlt.

Jacksons Roman dient der Serie lediglich noch als Inspiration. Das ist allerdings überhaupt kein Nachteil, sondern eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. Diese werden genutzt, ausgereizt und zu einem großartigen Ganzen zusammengesetzt. Die Serie ist deshalb nicht allein etwas für Horrorfans und nicht nur zu Halloween ein grandioser Zeitvertreib.

9/10 Tickets

9Tickets

Hier geht es zur Kritik der 2. „Staffel“ The Haunting of Bly Manor.

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