[Filmkritik] Klaus (Netflix)

Jesper (Jason Schwartzman) ist der verzogene, verwöhnte Sohn des obersten Postbotenausbilders. Eigentlich soll auch er zum Postboten ausgebildet werden, glänzt dabei jedoch durch Abwesenheit statt Eifer. Jetzt aber hat sein Vater die Nase endgültig voll und ergreift drastische Maßnahmen. Der ungeratenen Zögling soll nach Smeerensburg, einem Dorf in der Nähe des Nordpols. Erst wenn Jesper sechstausend Briefe zugestellt hat, darf er nach Hause zurückkehren. In seinem neuen, unwirtlichen „Zuhause“ angekommen, muss der angehende Postbote feststellen, dass sich die Dorfbewohner nicht nur im ständigen Krieg miteinander befinden, sondern auch dass keine Briefe geschrieben werden. Nicht einmal Drohbriefe. Wie also soll Jesper jemals wieder heimkommen?
Zufällig lernt Jesper bald darauf den Holzfäller Klaus (J.K. Simmons) kennen, der abgeschieden in einer Hütte außerhalb von Smeerensburg lebt. Vogelhäuschen, deren Bewohner und selbstgemachtes Spielzeug sind seine einzigen Begleiter. Noch wissen die beiden Männer nicht, dass ihre Bekanntschaft nicht nur ihre eigenen Leben, sondern auch das der Smeerenburgers für immer ändern wird.

Vor ein paar Wochen habe ich Toy Story 4 gesehen. Ich mochte den Film (allen voran Forky) und habe mir am Ende sogar ein paar Tränen aus den Augenwinkeln gewischt. Animationsfilm schaffen das selten, obwohl ich mich generell leicht von Filmen rühren lasse.

Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, neben den üblichen Verdächtigen mir bisher unbekannten bzw. neuen Weihnachtsfilmen eine Chance zu geben. Im Rahmen dessen fiel meine Wahl vor wenigen Tagen auf Klaus. Dass der Film bei den diesjährigen Oscars nominiert gewesen war, hatte ich im Hinterkopf. Ebenso, dass er nicht wenige euphorische Stimmen hervorgerufen hatte. Dann mal frisch und unvoreingenommen (ohne hohe Erwartungen) ans Werk. Schon nach wenigen Minuten stand fest, dass es der schönste animierte Film ist, den ich je gesehen habe. Das betrifft nicht einmal so sehr den speziellen Zeichenstil, als vielmehr die Farbgebung, die unterschiedlichen Welten und Atmosphären, die er wie kein anderer Animationsfilm kreiert. Regisseur und Drehbuchautor Sergio Pablos arbeitete jahrelang für Disney und arbeitete an Filmen wie Der Glöckner von Notre-Dame oder Aladdin. Irgendwann entschied er sich, in seiner Heimat Spanien eine eigene Animationsfirma aufzubauen. Statt wie heute üblich auf CGI zu vertrauen, entschied er sich, Klaus als traditionellen Zeichentrickfilm zu realisieren, d.h. handgezeichnet. Diese liebevolle Herangehensweise sieht man dem Film in jedem seiner Bild an. Gekonnt bespielt er gleichermaßen nostalgische wie moderne Aspekte. Das trifft sowohl auf den Zeichenstil, den Soundtrack sowie auf die Figuren und die Geschichte zu. Nie wirkt der Film antiquiert oder auf Zeitgeist getrimmt. Stattdessen findet er immer die richtige Balance.

Erzählt wird eine alternative origin story des Weihnachtsmanns. Warum erhalten Kinder Geschenke, warum nur die braven, warum wird der Schlitten von Rentieren gezogen usw. Diese altbekannten Elemente werden nachvollziehbar und erfrischend umgesetzt. Schnell zog mich all das in seinen Bann und ich folgte Jesper ins kalte, abweisende Smeerensburg, freundete mich mit Klaus an, fieberte und litt mit ihnen mit. Genauso wie die Szenerie zwischen düster und anheimelnd wechselt, schlägt die Geschichte verschiedene Tonarten an. Diese reichen von Albernheit, hintergründiger Humor über anrührende Momente bis zum sehr emotionalen Finale. Und ja, ich habe mich dagegen gewehrt, aber es hat mich zum Schluchzen gebracht.

War der Film wirklich so perfekt? Jaaaaaein. Kleine Kritikpunkt sind den Machern dann doch unterlaufen, aber nichts wirklich Störendes. Zum Einen ist da die Musikauswahl. Die ist ziemlich modern und in den meisten Fällen ist daran nichts zu beanstanden (besonders gelungen ist der Einsatz von That’s what you get when you mess with the postman). Eine bestimmte montierte Sequenz jedoch wurde mit einem unpassenden Lied unterlegt. Besser gesagt: Vermutlich hat es einfach nicht meinen Geschmack getroffen. Andererseits sind die Figuren etwas schablonenhaft geraten (aber nicht minder liebenswert) und die Story nimmt keinen wirklich überraschenden Verlauf. Den Gesamteindruck stört das aber in keiner Weise.

Manch einer könnte unterstellen, dass die Botschaft des Films „Konsum macht glücklich“ wäre. Ich denke jedoch, dass Klaus viele Botschaften mitbringt. „Freundschaft überwindet alle Unterschiede und Unwegbarkeiten“ könnte eine sein. Eine andere „Wenn du anderen eine Freude machst, hast du selbst etwas davon“. Ganz klar aber die, die er selbst ausspricht: „Jede wahrhaft selbstlose Tat befeuert die nächste.“ Und wenn das keine gute, wichtige Botschaft ist, dann weiß ich auch nicht.

Bevor man Klaus gesehen hat, denkt man vielleicht, es bräuchte nicht noch einen Weihnachtsfilm. Danach weiß man jedoch , dass der Welt ohne ihn etwas entgangen wäre. Übertreibe ich? Bin ich zu euphorisch? Möglicherweise, aber wenn ein Film das erreicht, hätte er ebenfalls etwas richtig gemacht.

Achja, Toy Story 4 hat Klaus den Oscar weggeschnappt. Also wirklich, Academy!! Was läuft bei Euch falsch?! 😀

9/10 Tickets

9Tickets

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