[Filmkritik] Little Women (2019) mit Spoilern!

Little Women erzählt die Geschichte der vier March-Schwestern zwischen 1861 und 1868 in den USA.

Achtung Spoiler-Kritik!

Mein erster Kontakt mit den Schwestern Meg, Jo, Beth und Amy war vor vielen Jahren die Verfilmung mit Katherine Hepburn. Ich würde sagen, es ist immer noch mein Lieblingsfilm, aber ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Wer weiß, ob es heute noch so wäre.
Auch die Verfilmungen mit Elizabeth Taylor und Winona Ryder kenne ich. Sogar die Miniserie mit Susan Dey und William Shatner (!) musste dran glauben.
Der Geschichte von Louisa May Alcott liegt eine humane Einstellung zugrunde und verbindet viele unterschiedliche Aspekte miteinander, so dass sie immer lohnend für eine Adaption ist. Der neueste Versuch hat mich allerdings sehr enttäuscht. Geahnt hatte ich das zwar, so dass ich nicht ins Kino gegangen bin, aber gehofft, es wäre anders. Unvoreingenommen habe ich mir Little Women nun endlich angesehen. Mein Bauchgefühl trog mich nicht, es fehlt dem Film an zu vielem, um mich zu beeindrucken.

Versteht mich nicht falsch. Visuell ist die Version von Regisseurin und Drehbuchautorin Greta Gerwig sehr gelungen. Das Produktions- und Kostümdesign ist wunderbar. Jede Szene ist visuell geschmackvoll inszeniert. Der Score passt, hat aber keinen Wiedererkennungswert.

Die Besetzung ist sehr namhaft, aber es wirkt als hätte Gerwig einfach die vielversprechendsten Jungschauspieler engagieren wollen, ungeachtet dessen, ob die für ihre Rollen geeignet sind. So lässt sich nicht einmal erkennen, wer die älteste oder die jüngste der Schwestern ist. Sie sehen alle wie gleichaltrige Freundinnen statt Schwestern unterschiedlichen Alters aus. Altern tun sie ohnehin nicht. Ihre Haare verändern sich zwischen den Zeitsträngen ein wenig, genauso wie ihre Kleidung, aber das ist auch schon alles. Jüngere Schauspielerinnen hätten die jüngeren Versionen spielen sollen, allein schon damit die Zeitlinien besser unterscheidbar wären, aber vermutlich wollte Gerwig ihren angesagten Darstellerinnen und dem einen Darsteller keine screen time streitig machen.

Zudem konzentriert sich der Film ganz auf Jo und nimmt damit den anderen Figuren die Luft zum Atmen. Meg (Emma Watson), Beth (Eliza Scanlen) und ihr Mann (James Norton) sind absolut austauschbar, farblos und langweilig. Nortons Talent wird völlig vergeudet. Die Mutter, Marmee, ist zu gut, um wahr zu sein (daher langweilig und eher ein Abziehbild als ein menschliches Wesen) und ihre einzige Aufgabe besteht augenscheinlich darin, ihren Töchtern beizubringen, selbstlos zu sein (worin sie scheitert). Das starke Glaubenssystem, das sie laut Roman besitzt, ist in dieser Filmversion nicht mehr zu erkennen. Ihr Mann ist im Krieg, aber man hat nicht den Eindruck, dass sie sich sonderlich um ihn oder seine Unversehrtheit sorgt oder dass sie überhaupt irgendwelche echten Gefühle hegt. Sie regt sich nicht einmal besonders darüber auf, dass ihre Tochter in der Schule geschlagen wurde. Wie bei den anderen Figuren auch wirkt ihr Verhalten aufgesetzt und inszeniert. Dagegen kann auch Laura Dern nichts tun. Meryl Streep als Tante ist ein nettes Goodie, aber auch sie bekommt keine Möglichkeit, ihr Können zu entfalten. Beschämend.
Jo ist das schlimmste Beispiel von allen. Saoirse Ronan versucht zwar mit allen Mitteln, ihre Figur zum Leben zu erwecken, aber mir war zu jeder Zeit bewusst, dass sie vorgegebene Sätze reproduziert. Obendrein ist  Jo hier einfach nur unsympathisch und nervig. Normalerweise ist die zweitälteste Tochter eine eigenwillige Person, die ihre eigenen Wege geht, aber nichtsdestotrotz liebenswert und ein Familienmensch ist. In diesem Fall ist sie das jedoch ganz und gar nicht, sondern tyrannisch und narzisstisch. Es war für mich nicht nachvollziehbar, warum ihre Schwestern sie offenbar als ihre Anführerin akzeptieren. Ja, ich habe mich diebisch gefreut, als Amy statt Jo nach Paris durfte. 😀
Florence Pughs und Timothée Chalamets  haben mir am besten gefallen, allerdings wird ihre Arbeit durch Widrigkeiten beeinträchtigt, für die sie nichts können. Wie ich bereits erwähnt habe, hätte Pugh nicht die jüngere Amy spielen sollen. Sie ist als Zwölfjährige nicht überzeugend. Wie sollte sie das auch bewerkstelligen?! Um die Altersdiskrepanz ihrer Figur deutlich zu machen, ist sie gezwungen, zu übertreiben und das macht Amy nicht glaubwürdiger oder gar sympathischer.
Und Chalamet sieht viel zu jung aus und altert im Laufe der Zeit genauso wenig wie alle andern. (Das gleiche Problem hat übrigens auch Laura Dern als Mutter.) Er sieht aus wie ein Kind, das in den Klamotten seines älteren Bruders einen Dandy spielen will. Er funktioniert einfach nicht als Laurie.

Die Erzählstruktur mit all ihren Rückblenden und Zeitsprüngen ist sicherlich innovativ gemeint und soll der alten Geschichte vermutlich Frische und Modernität verleihen. Es mag eine neue Herangehensweise sein, aber sicher keine bessere. Denn der Handlungsbogen wird zerpflückt und erscheint wie eine (mehr oder wenige willkürliche) Aneinanderreihung von Episoden/Kurzgeschichten. Manchmal wusste ich nicht, welche Zeitlinie gerade erzählt wird. Das alles weckt keine Emotionen, sondern verhindert sie.
Damit sind wir bei einem der größten Probleme dieser Gerwig’schen Adaption. Obwohl sie verzweifelt versucht, uns vom Gegenteil zu überzeugen, wird die Handlung durchweg leblos und emotionslos erzählt. Das liegt zum einen daran, dass die Regel „Show, don’t tell“ völlig ignoriert wird. Die Figuren berichten, dass sie dies oder jenes fühlen, aber sie transportieren diese Gefühle nicht. Ihre Worte sind hohl, obwohl die Schauspieler versuchen, ihnen Leben einzuhauchen. So erklärt Amy, dass jeder sehen kann, dass Jo Friedrich liebt. Also ich kann das nicht. In ihren wenigen gemeinsamen Szenen, könnte man mit gutem Willen allenfalls freundschaftliche Gefühle feststellen. Jedoch fragt man sich, wie stark die noch sein können, nachdem er nach seiner Kritik an ihrer schriftstellerischen Arbeit von Jo so rund gemacht wurde. Folglich machen sein späterer Besuch bei ihr zu Hause oder ihr gemeinsames Happy End wenig Sinn. Das findet wahrscheinlich ohnehin nur in Jos Roman statt und auch nur, weil der Verleger es so will (eine Parallele zu Alcotts Leben). Dadurch wird ihm jeglicher emotionaler Bezug und Effekt geraubt. Mal abgesehen davon, dass es sehr albern und unglaubwürdig inszeniert ist. Wie lange braucht wohl eine Kutsche, um einen Mann einzuholen, der zu Fuß unterwegs ist?! Zumal, wenn er noch ortsunkundig ist?
Weder versteht Gerwig die Natur von Jos und Friedrichs Beziehung noch versucht sie, seiner Figur Tiefe zu verleihen. Vielmehr hatte ich den Eindruck, er wäre ein gehasstes Anhängsel.

Nicht nur die Szene des „Happy Ends“ ist schlampig konzipiert.
Bevor Laurie Jo sagt, dass er sie liebt, weiß sie schon durch einen Blick auf ihn, was gleich kommen wird. Tatsächlich deutet sich darin aber rein gar nichts an. Jos Reaktion wirkt daher nicht spontan, sondern vom Drehbuch erzwungen. Das gilt genauso für das enge Gekuschel der Schwestern an die Mutter. Es gibt noch viele solcher Beispiele.
Subtilität sucht man in Gerwigs Film vergeblich, dafür findet man jedoch viele Versuche, ihm um jeden Preis aktuelle Relevanz zu schenken. Zum Beispiel äußert Marmee, dass sie sich immer für ihr Land geschämt habe. Ihre schwarze Begleiterin entgegnet, dass sie es immer noch tun sollte.
Die Ehe ist natürlich nur ein ökonomisches Konzept und damit es jeder kapiert, wird es mehrfach erwähnt. Wieder wirken die Dialoge aufgesetzt und aufgesagt. Damit einhergeht, dass sich die Charaktere sehr modern und nicht wie Personen des 19. Jahrhunderts verhalten. Wo sind die gesellschaftlichen Umgangsformen und Grenzen? Zum Beispiel als Familie March zum ersten Mal ihre reichen Nachbarn besucht? Marmee bietet Laurie an, sie ebenfalls Mutter zu nennen !!! Das ist selbst heutzutage peinlich. Abgesehen von der Kleidung bekommt man auch kein Gefühl für die historische Zeit. Ja, man erfährt, dass die Frauen unterdrückt werden und nur limitierte Möglichkeiten haben oder dass Bürgerkrieg herrscht, aber es ist nie wirklich spürbar.

Last but not least wird die Geschichte völlig empathielos erzählt. Beispiele? Aber bitte doch. Dass Jo ihre Mitmenschen auf Schritt und Tritt anpflaumt, habe ich ja schon angedeutet. Obwohl sie Amy außerdem absichtlich verschweigt, dass das Eis in der Mitte des Sees zu dünn ist und damit ihren Unfall mitverursacht hat, zeigt sie danach keinerlei Reue. Und was ist mit Beths Krankheit? Warum wird mit keinem Wort erwähnt, dass sie ganz alleine zu der bedürftigen Familie gefahren ist und ihre Schwestern zu egoistisch waren, sie zu begleiten? Offenbar tut dieser Aspekt keiner von ihnen im Nachhinein leid, denn erwähnt wird er mit keinem Wort. Haben sie keinerlei Schuldgefühle?!

Gerwigs Versuch einer Adaption zeigt, dass Alcotts Roman bereits viel gekonnter, charmanter und geschickter filmisch ungesetzt wurde. Ihr größter Verdienst ist,  dass ich jetzt gerne die alten Verfilmungen sehen möchte. Tatsächlich finde ich, dass Little Women von 2019 eine lieblose Frechheit ist, mit der sich Gerwig weiter als neue weibliche Hoffnung für Hollywood etablieren wollte. Vermutlich ist ihr das leider sogar gelungen.

3/10 Tickets

3Writer

14 Gedanken zu „[Filmkritik] Little Women (2019) mit Spoilern!

    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Ich hätte den Film auch sehr gerne gemocht, obwohl ich bei der Nachricht, es solle ein neues Remake geben durchaus skeptisch gewesen bin.
      Vielleicht liegt es daran, dass Du das Buch oder noch keine andere Version kanntest. Ich stelle es mir ganz schön schwierig vor, den Zeitsprüngen zu folgen, wenn man die Geschichte noch nicht kennt.

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  1. blaupause7

    Dein Eindruck deckt sich größtenteils mit meinem… erstens hatte ich ein echtes Problem mit den vielen Zeitsprüngen und kam irgendwann gar nicht mehr mit, zweitens konnte ich mit keinem der Charaktere so richtig mitfühlen und drittens kam mir das Ende viel zu vollgepfropft vor – ich hatte den Eindruck, dass da immer noch mehr Details rein sollten, die man besser weggelassen hätte. Im großen und ganzen fand ich das Erlebnis eher mäßig.

    Gefällt 1 Person

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Ich glaube, ich hätte mich sehr geärgert, wenn ich ihn im Kino gesehen hätte. Ob ich da 2 Stunden durchgehalten hätte?! Nur unter Qualen 😀 . Ja, wenn man wenigstens mit ihnen hätte mitfühlen können…stattdessen gingen sie mir allesamt ziemlich auf die Nerven (besonders Joe und Meg).

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