[Serienkritik] THEM

Während der Großen Zweiten Migration ziehen geschätzt über fünf Millionen Schwarze vom Süden in den Westen der USA. Diese große Migrationswelle dauert von 1940 bis in die Siebzigerjahre.
1953 entscheidet sich Familie Emory von North Carolina nach Los Angeles umzusiedeln. Eine Immobilienmaklerin vermittelt ihnen ein Haus in einem Stadtteil, in dem bisher ausschließlich Weiße leben. Mutter Livia „Lucky“ (Deborah Ayorinde), Vater Henry (Ashley Thomas) und die Töchter Gracie (Melody Hurd) und Ruby Lee (Shahadi Wright Joseph) hoffen auf einen Neuanfang. Doch neben den Schrecken der Vergangenheit machen ihnen auch mysteriöse Erscheinungen und Begebenheiten in ihrem neuen Haus zu schaffen. Als wäre das nicht genug, sind ihnen auch die Nachbarn feindlich gesonnen. Angeführt von Betty Wendell (Alison Pill) eskaliert die Situation zunehmend. Zehn Tage gehen die Emorys durch die Hölle.

Bei Them handelt es sich um eine Anthologie-Serie, die auf Amazon Prime gestreamt werden kann. Sie umfasst 10 Folgen (=10 Tage), die zwischen 33 und 55 Minuten dauern.

Nicht sofort, aber mit großer Zuverlässigkeit, so wie ein Tropfen, der den Stein höhlt, hat mich die Geschichte der Emorys eingenommen und mit sich gezerrt. Dass die Handlung auf zehn Tage (ausgenommen von Rückblicken und einem Exkurs in die Vergangenheit, in dem die Emorys keine Rolle spielen) komprimiert ist, verstärkt die ohnehin spannungsgeladene Handlung noch.

Them schwankt zwischen Gesellschaftskritik und Horror. Letzter schlägt sich in erster Linie in den diversen Auswüchsen von Rassismus nieder. Einerseits wird der alltägliche z.B. in Form abschätziger Blicke, herabsetzender Sprüche oder Missachtung der Person gezeigt. Andererseits sind da die heftigen die Anfeindungen der Nachbarschaft, angeführt und aufgewiegelt von Betty Wendell. Sie setzt eine Spirale aus Demütigung und Gewalt frei, die sich beginnt unaufhaltsam und immer schneller zu drehen. Man bekommt unweigerlich das Gefühl, es ginge endlos so weiter und es gäbe kein Entkommen außer in die totale Eskalation. Ich glaube wirklich, dass der Kern, die Intention und die Stärke der Serie ist, genau dieses Gefühl beim Publikum auszulösen. Die Serie lässt mehr als erahnen, wie es sich anfühlt, permanent angefeindet, beleidigt und herabgesetzt zu werden. Wie es ist, dem Teufelskreis aus Hass und Demütigung niemals entkommen zu können und stets darauf gefasst sein zu müssen, dass etwas noch Schlimmeres passieren kann. Die mentalen und psychischen Auswirkungen von Rassismus werden klar und nachfühlbar. Für mich hat die Serie damit etwas geschafft, was in der Form noch keine andere Serie oder Film erreicht hat. Allein deswegen sollte jeder Them sehen.
Doch diese Herangehensweise hat auch eine Kehrseite. Jede Folge scheint die vorhergehende in Perfidität und Brutalität übertreffen zu wollen. Es ist sehr anstrengend, verstörend und man muss ich durchaus „quälen“. In einer Folge musste ich vorspulen, da ich mir das Geschehen nicht antun wollte. Statt die Grausamkeiten wirken zu lassen, werden sie wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Dieses Konzept wurde offensichtlich bewusst gewählt, um die oben genannte Wirkung zu erreichen. Es birgt aber auch die Gefahr, dass es wirkt als ginge es nur noch um die nächsthöhere Eskalationsstufe. Auf mich wirkte es immer mal wieder so, als verkomme die Gewalt zum reinen Selbstzweck. Letztlich glaube ich das nicht, aber es bleibt ein merkwürdiger Nachklang, den ich nicht völlig abschütteln kann. Zu diesem trägt die bereits erwähnte Folge bei, in der es um eine holländische, religiöse Enklave geht, die ein farbiges Ehepaar „aufnimmt“.
Auch sonst macht die Serie gerne mal eine Drehung zu viel, z.B. beim Erzählstrang um Betty und den Milchmann. Andererseits könnte man es als ironische Übertreibung sehen.

Zwar begegnen die Emorys in ihrem neuen Haus auch übersinnlichen Erscheinungen, aber diese waren für mich wenig gruselig und eigentlich überflüssig. Inhaltlich sind sie relevant, da sie vermutlich die Traumata, inneren Qualen und Ängste der Familie symbolisieren sollen. Nötig sind sie wie gesagt nicht, da die Schauspieler all dies überaus eindrucksvoll durch die Mittel ihrer Kunst darstellen. Jeder einzelne überzeugte mich und stellt die Besonderheiten seiner Figur glaubhaft dar. Die Ähnlichkeit von Deborah Ayorinde mit Zoe Zaldana war zwar irritierend für mich, aber natürlich kein Grund zur Kritik.

Die Diskrepanz zwischen der äußeren Makellosigkeit des Wohnviertels und den Fehlbarkeiten und Unsicherheiten seiner Bewohner, die unter der Oberfläche brodeln, manifestiert sich in der Figur Bettys. Sie wird absolut faszinierend von Alison Pill interpretiert und wurde damit zu meinem Highlight. Das bezieht sich jedoch auf ihre Schauspielleistung und nicht auf die Figur der rassistischen Hausfrau. Aber das sollte ja klar sein :D.
Insgesamt sind die Figuren allerdings recht grob gezeichnet. Es geht wenig um ihre Persönlichkeit, ihre Individualität oder Eigenschaften. Vielmehr vertreten sie bestimmte Eigenschaften oder zeigen spezielle Reaktionen auf Ereignisse. Alle Schwarze sind Opfer, alle Weiße sind Täter, die auch gefährlich für ihresgleichen sind. Wahrscheinlich ist auch das wieder dem Konzept geschuldet, reflektiert möglicherweise sogar die „ironischen“ Ansätze der Serie.
Diese Ansätze sieht man z.B. auch im innovativen und geradezu brillanten Einsatz von Musik. Zeitgenössische Oldies konterkarieren oder kommentieren das Geschehen pointiert und verstärken dadurch dessen ohnehin schon sehr starke Wirkung.

Unter bestimmten Gesichtspunkten gehört Them zum Besten, was ich im Bereich Serie in meinem Leben gesehen habe. Neben ihrem emotionalen Effekt gehört dazu ihre absolut hochwertige Produktion.
Setting, Ausstattung, Kostümdesign und die gesamte visuelle Umsetzung sind erstklassig. Die Fünfzigerjahre werden genauso dargestellt wie man es sich vorstellt: Adrette Häuschen, abgezirkelte Vorgärten, gediegene Einrichtungen, polierte Autos, feine Kleider und makellos geschminkte Damen. Gleichzeitig ist das alles so perfekt in Szene gesetzt, dass es schon wieder künstlich wirkt und die Verlogenheit des augenscheinlich Perfekten bloßlegt.In dieser Hinsicht ist die Serie wirklich preis- und meiner Ansicht nach sogar Oscar-würdig. Zahlreiche visuelle Ideen (z.B. Splitscreens), denen ich auf dem Papier vielleicht ablehnend gegenüber gestanden hätte, überzeugen mich hier, da sie sowohl überraschen wie auch passen. Gleiches gilt für etwas surreal wirkende Einfälle, wie z.B. den Minstrelsänger oder wenn Vater und Töchter ihre eigene Geschichte im Kino sehen. Eigentlich ist so etwas nicht mein Fall, aber hier repräsentiert es den mentalen Zustand der Figuren und fügt sich homogen in die Erzählung ein.

Wenn man sich darauf einlässt, ist Them ein eindrucksvolles Werk zum Thema Rassismus und seine Auswirkungen auf die Opfer. Viele Szenen sind wirklich heftig und es fällt oft schwer, weiterzugucken. Inwiefern diese Häufung tatsächlich nötig ist und den gewünschten Schockeffekt und die daraus resultierende emotionale Wirkung nicht wieder schmälert oder sogar zerstört, kann nur individuell beantwortet werden.

7 1/2 von 10 Tickets

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