[Filmkritik] Erwartungen an Dune (2021) und Realität

Meinen Wissenstand und meine Erwartungen vor und an Villeneuves Dune habe ich in meinem letzten Artikel beschrieben.

Inzwischen habe ich Dune gesehen und … verarbeitet 🙂 :

Im Vorfeld habe ich Stimmen vernommen, die Denis Villeneuves Werk zum „Meisterwerk“ erklärt haben. Soweit würde ich tatsächlich nicht gehen, aber Dune ist schon etwas ganz Besonderes und auf jeden Fall im besten Sinne ein „Kinofilm“. Er ist für die größtmögliche Leinwand gemacht, erteilt dem heimischen Bildschirm eine ganz klare Absage. Man kann an ihm Filmfans und reine Zuschauer unterscheiden. Erste gehen ins Kino, Zweite streamen bestimmt lieber.

Viele Besprechungen heben die Imposanz der Bilder und des Scores hervor. Das unterschreibe ich vollkommen.
Dune ist tatsächlich ein Kunstwerk, an dem ich mich nicht sattsehen konnte. Jede Szene bietet nicht nur ein Puzzleteil der Geschichte, sondern eigene Bildwelten, die entdeckt werden wollten. Stellenweise hat er mir das Zusammenspiel von Klang-, Bild- und Kostümdesign wirklich Gänsehaut verursacht.
Villeneuves Bildsprache und -Ästhetik dominiert und prägt den Film. Vom Dunst/Staub verhangene Bilder gehören ebenso dazu wie bspw. Panoramaaufnahmen weiter Ebenen oder riesiger Raumschiffe. Zwar lässt die Inneneinrichtung der massiven Gebäudekomplexe etwas zu wünschen übrig und ich fragte mich durchaus, warum das Innere nicht angenehmer gestaltet wurde, wenn die Bewohner doch im Außen soviel raue Natur erfahren. Klar, die Harkonnen legen vermutlich nicht viel Wert auf Gemütlichkeit, aber das Haus Artreidis nehme ich doch etwas herzlicher wahr. Ich jedenfalls würde meine Räume angenehmer gestalten 🙂 .
Allerdings glänzen durch die Kargheit der Räume die Landschaftsaufnahmen noch stärker. So wird nicht nur der Kontrast zwischen der Heimatwelt der Atreidis Caladan und dem Wüstenplaneten sehr klar herausgearbeitet. Die Lichtsetzung trägt innen und außen wahnsinnig zur Atmosphäre bei und zeigt unmittelbar, wie das Dune-Universum beschaffen ist. Licht und Schatten liegen hier nah beieinander und haben eine Bedeutung.
Was meiner Meinung nach viele Besprechungen jedoch kaum oder zu wenig betonen, sind die wahnsinnig tollen Kostüme, die mich vermutlich am stärksten beeindruck haben. Der Film schwelgt nicht nur in Bildern und Musik, sondern auch in ganz eigenen Kostümwelten. Sie bieten dem Auge immer etwas Neues und Fremdartiges. Wenn gleich am Anfang Menschen in Gummianzügen und riesigen glockenartigen Helmen voranschreiten, weiß man sofort, wie menschenfeindlich ihre Umwelt ist.

Hans Zimmers Klangteppich ist gefühlt konstant vorhanden und ist ein weiteres sehr starkes Element der Weltenbildung. Er dröhnt mit einer ganz eigenen Wucht und scheint an mancher Stelle seine Zuhörer wach und auf bestimmte Szenen aufmerksam machen zu wollen (als ob das nötig wäre 😉 ) . Ich würde Zimmers Arbeit fast schon als melodiöse Kakophonie bezeichnen 😉 , die jedoch unheimlich gut ins Konzept von Dune passt. Seine Stücke betonen, verstärken die Fremdartigkeit des Universums, in dem sich die Figuren als auch die Zuschauer zurechtfinden müssen.
Manche Passagen erinnerten mich zwar an frühere Arbeiten von Zimmer (z.B. Gladiator), aber das kann ich wohlwollend übersehen. Später habe ich mir den Score noch einmal angehört und ich behaupte, dass er innerhalb des Films perfekt funktioniert, für mich aber „pur“ viel zu anstrengend ist.

Wie vorher von mir vermutet, spielen meiner Meinung nach die Geschichte und ihre Figuren eine sehr untergeordnete Rolle. Keine Ahnung, wie komplex Herbert schon den Romananfang gestaltet hat, aber Villeneuve vermag es, auch für relative Novizen wie mich eine sehr verständliche Einführung zu verfassen. Schlussendlich habe ich mich sogar gewundert, wie wenig komplex der Plot eigentlich ist. Meine Befürchtung, ihm womöglich nicht folgen zu können, war also völlig unnötig. Manche Entwicklungen wurden allerdings nicht ausreichend hergeleitet (ich sage nur, das Verhalten des Arztes) und wirkten dadurch recht unglaubwürdig.
Womit wir dann auch schon beim Cast sind.
Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson stehen im Zentrum der Geschichte und werden in ihrer Darstellungskraft am stärksten gefordert. Was sie allein durch ihre Mimik ausdrücken können, ist schon beachtlich. Paul als Hauptfigur soll den Zuschauern vermutlich als Identifikationsfigur dienen und prinzipiell klappt das auch. Ich hätte es mir allerdings noch weitaus stärker gewünscht. Wäre ihm im Laufe der Handlung irgendetwas Schlimmes passiert, hätte es mich vermutlich relativ kalt gelassen. Bei dem, was ihm passiert ist, war es definitiv so und auch bei anderen (sympathische) Figuren wurde ich auf die Probe gestellt. Das beweist mir, dass die Figuren nicht ausreichend ausgeleuchtet und mir nahe gebraucht wurden. Ja, sie waren mir sympathisch, aber ich wusste nichts über sie und fühlte also kaum mit ihnen mit. Hier liegt daher für mich auch das Manko von Dune. Natürlich weiß ich nicht, ob das im Buch anders ist. Vermutlich nicht, aber mir fehlt es, keine richtige Verbindung zu den Charakteren aufbauen zu können. Wie soll das auch klappen, wenn man einen Duncan Idaho oder den Leibarzt in zwei bis vier Szenen erlebt? Zumindest konnte ich eine innige Verbindung der Figuren untereinander wahrnehmen und das versöhnt mich dann doch in gewissem Maße.
Aufgrund der fehlenden Charakterzeichnung bekommen so gute Leute wie Josh Brolin, Jason Mamoa, Charlotte Rampling, Stellan Skarsgard, Javier Bardem und Oscar Isaac (der mir nichtsdestotrotz besonders gut gefallen hat) kaum Material, mit dem sie ihre Kunst zeigen können. Ihre Arbeit hätten auch weniger herausragende Leute bewältigen können, denn ich hatte den Eindruck, sie spielen ihre Szenen einfach weg und werden in keiner Weise gefordert. Dafür sind Chalamet und Ferguson zuständig. Während Ferguson mir kürzlich in Mission Impossible sehr gut gefallen hat und ich Chalamet bisher lediglich aus Little Women kannte (wo er eher farblos wirkte), haben sie sich mit Dune definitiv Achtung bei mir verdient.

Dunes Markenkern ist der phänomenale Weltenbau, der dank Cinematographie, Set- und Kostümdesign sowie Klangteppich perfekt gelingt. Die Entdeckung dieser Welten und ihre starke Atmosphäre hat mich über die ganze Zeit getragen und den Film überaus kurzweilig gestaltet. Der Plot ist zwar etwas dünn, dennoch passiert ständig etwas, so dass auch hier keine Längen enstehen. Tatsächlich hatte ich erschöpfende Ratssitzungen erwartet 😀 . Doch am Ende habe ich mich vielmehr gewundert, dass die Laufzeit schon vorüber war. Das Ende selbst hat mich im Gegensatz zu vielen anderen nicht gestört. Vielleicht, weil ich vorgewarnt war. Insgesamt fand ich Dune trotz ein paar Mankos. fantastisch. Sollte es allerdings keine Fortsetzung geben, dann wird Villeneuves Film als Standalone sehr stark an Wirkung verlieren. Es MUSS einen 2. Teil geben!! Leider hilft es Dune nicht, dass er jetzt durch James Bond aus allen großen Kinosälen verdrängt wurde.

8 1/2 Tickets von 10 Sternen

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