[Filmkritik] Everybody’s Talking About Jamie (Amazon Prime) (OV)

Jamie (Max Harwood) träumte schon immer davon, eine Dragqueen zu sein. Kurz vor seinem Schulabschluss ist die Zeit gekommen, die Träume umzusetzen. Fiese Mitschüler und ein Vater (Ralph Ineson), der lieber einen „männlicheren“ Sohn hätte, machen Jamie das Leben nicht leichter. Doch es bestärkt ihn nur noch mehr darin, an seinen Plänen festzuhalten. Zum Glück stehen ihm seine Freundin Pritti (Lauren Patel) und seine Mutter (Sarah Lancashire) unerschütterlich zur Seite.

Als großer Musicalfan freue ich mich natürlich auch über jede Verfilmung. Viel habe ich schon von Everybody’s Talking About Jamie gehört und war neugierig, wie es mir gefallen würde. Nun habe die Chance bei Prime genutzt und den Film angesehen. Leider hat er mich überhaupt nicht überzeugt oder besonders unterhalten. Obwohl das Musical auf einer wahren Begebenheit beruht, ist die Geschichte doch an und für sich altbekannt und schon tausendfach in verschiedenen Variationen erzählt worden. Gut, das muss ja nichts heißen, denn letztlich existieren ja sowieso nur ein paar wenige Geschichten, die immer wieder neu (oder eben nicht) umgesetzt werden. Hier geschieht das aber leider auf sehr vorhersehbare Weise. Es ist wirklich jedes Versatzstück, das zu dieser Art Geschichte gehört, vorhanden. Man muss nur darauf warten. Natürlich musste am Ende sogar der Widersacher eine 180 Grad Wendung machen. Aufgrund der Vorhersehbarkeit konnte mich es mich an keiner Stelle emotional mitreißen.
Ich hätte insgesamt wirklich mehr erwartet. Zudem knirscht es hier und da. Angeblich ist Jamies Dragqueen-Wunsch für die Menschen um ihn herum absolut ungewöhnlich, andererseits gibt es in dem offensichtlich kleinen Ort sowohl ein Geschäft für Drag Queens als auch regelmäßige Auftritte im Social-Club. Und offensichtlich finden die Mitschüler eine Muslima, die Ärztin werden will, ebenso außergewöhnlich wie eine Dragqueen. In welchem Jahrhundert leben wir nochmal?! Achja, die Handschrift seines Vaters erkennt Jamie anscheinend auch nicht.
Obwohl die Coming-of-Age-Story im Vordergrund steht, ist das Herzstück für mich die Mutter-Sohn-Beziehung. Diese Frau ist der wahre Schatz und Gold wert. Wie sie ihren Jungen unterstützt und stärkt ist einfach wunderschön anzusehen.
Den Protagonisten fand ich jedoch leider über weite Strecken unsympathisch. Ja, er muss seinen Weg finden und dreht sich daher viel um sich selbst, aber deshalb muss er ja nicht blind für die Gefühle seiner Mutter und der besten Freundin Pritti sein. Dass er sogar ziemlich gemein wird, könnte man das natürlich mit seiner Unzufriedenheit und Verzweiflung erklären, was ihn mir dennoch nicht näherbrachte oder liebenswerter gemacht.

Die Schauspieler haben ihre Sache allesamt gut gemacht, allerdings bekommen sie auch nicht wirklich viel Arbeit. Es bleibt halt alles an der Oberfläche und Charakterzeichnung findet nur rudimentär statt. Okay, man kann sagen, dass das bei Musicals sehr oft so ist, aber es gibt eben auch Gegenbeispiele (Les Misérables, Miss Saigon etc.). Vielmehr hat mich da schon gestört, dass ihre Stimmen für ein Musical einfach zu dünn und für die Songs m.M.n. viel zu hoch waren. Zudem meine ich, dass bei Jamies Dragqueen-Auftritt eine andere Stimme als die des Hauptdarstellers zu hören gewesen ist. Ich kann mich irren, aber sie klang völlig anders und das war doch etwas irritierend.

Das Kernstück eines Musicals ist die Musik und sie ist in diesem Fall mein Hauptkritikpunkt. Es gibt viele Musicals mit dünner Story, aber großartigen, ikonischen Songs und die machen sie letztlich aus. In diesem Fall ist mir aber kein einziges Lied im Ohr geblieben. Teilweise klangen sie sehr ähnlich, teilweise wie Popsongs, die man aktuell im Radio hört, aber es gab tatsächlich keinen einzigen Ohrwurm. Am besten gefiel mir der Song von Richard E. Grant, als er auf seine Dragqueen-Zeit zurückdenkt. Nun bin ich ein extrem großer Fan von Queen und Freddie Mercury, aber dass er in diesem Lied erwähnt wird, gefiel mir irgendwie nicht so. Auf mich wirkte es, als wollte man sich an einen berühmten Zug hängen, aber das mag nur mein Eindruck als Fan sein… Zu Herzen gingen mir jedoch die Bilder von Diana mit Männern, die an Aids erkrankt waren. Hier erinnerte ich mich daran, wie sie sich für die Menschen eingesetzt hat. Die kurze Sequenz schaffte damit mehr als das gesamte Musical.

Alles in allem kann man sich den Film auf jeden Fall ansehen, da er recht kurzweilig ist. Man sollte sich aber klar darüber sein, das hier nichts wirklich Neues erzählt wird bzw. das Bekannte nicht frisch umgesetzt wird. Die Songs bleiben leider auch nicht im Ohr.

5/10 Tickets

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