[Rezension] Die verbotene Zeit von Claire Winter

Die verbotene Zeit von Claire Winter

Edith und Dora kommen aus unterschiedlichen Welten, trotzdem haben sie sich gefunden. Edith ist die selbstbewusste Tochter einer vermögenden Industriellen-Familie, Dora die gewissenhafte Tochter deren Dienstmädchens. Gemeinsam werden sie erwachsen, machen Berlin unsicher, erleben Höhen und Tiefen und glauben, nichts und niemand könne sie trennen. Doch als die Nationalsozialisten auftauchen und dann sogar die Macht übernehmen, verändert sich auch die sichere Welt der Freundinnen und endet schließlich in einer undenkbaren Katastrophen.

Knapp dreißig Jahre später hat Doras Tochter Carla in England einen schweren Autounfall und leidet an Gedächtnisschwund. Ihr Mann scheint ihr Dinge zu verheimlichen und sie findet heraus, dass sie vor dem Unfall Kontakt zu einem Privatdetektiv hatte. Als sie ihn trifft, erklärt er ihr, dass sie nach ihrer Schwester gesucht habe. Carla versteht das nicht, denn ihre Schwester ist sechzehn Jahre zuvor auf tragische Weise umgekommen. Sie macht sich erneut auf die Suche und diese führt sich zurück nach Deutschland. Dem Land aus dem ihre Eltern nach dem Krieg ausgewandert sind.

Claire Winters Roman weist ein paar Eigenschaften auf, mit denen ich mich immer etwas schwertue. Ob und wenn ja, wie sie sich auf mein Lesevergnügen ausgewirkt haben, verrate ich Euch gleich.

„Die verbotene Zeit“ pendelt (wie wir es auch von Kate Morton, Lucinda Riley u.a. kennen) zwischen zwei Zeitebenen und erzählt von den Auswirkungen der einen auf die andere.
Der Erzählstrang um Dora und Edith bildet den Kern des Romans und kann mit zwei mehr (Edith) oder weniger (Dora) interessanten Protagonistinnen und kaum vorhersehbaren Entwicklungen aufwarten. Winter schafft es tatsächlich, dass man lange nicht weiß (einige Aspekte bleiben bis zur Enthüllung im Dunkeln), wohin die Handlung führt und was das große Geheimnis sein wird. Dafür ist allerdings insbesondere die raumgreifende Erzählung verantwortlich. Sie beginnt mit Doras und Ediths Kindheit und folgt dann jedem einzelnen Stadium ihres Lebens und ihrer Freundschaft. Vieles davon spielt in und für Carlas Suche sowie das Geheimnis, das sie aufdecken muss, kaum eine Rolle. Über weite Teile wirkt der Roman daher wie die fiktive Biografie der Freundinnen und ihrer Freundschaft.
Tatsächlich maße ich mir an, zu behaupten, dass der knapp 590-seitigen Roman sicher ohne Probleme gekürzt werden können, ohne essentielle Informationen zu verlieren. Andererseits kann es erstens nicht der Anspruch eines belletristischen Werks sein, lediglich Informationen zu vermitteln. Zweitens wird es nie langweilig den beiden Frauen zu folgen. Man lernt sie eingehend kennen, begleitet ihre Entwicklung und bewegt sich an ihrer Seite durch die Gesellschaftsschichten und das historische Berlin. Winter hat sich eine spannende und anspruchsvolle Zeit für ihren Roman ausgesucht, deren politische und gesellschaftliche Entwicklung sie aber gut eingefängt. Dabei greift die Autorin Themen auf, mit denen ich mich selbst schon sehr eingehend befasst habe (z.B. Jüdische Menschen, die sich vor den Nazis versteckt hielten). Stellenweise fühlte ich mich sogar stark an reale Vorbilder und spezielle Bücher erinnert und tatsächlich finden sich genau die in der Danksagung wieder. Winter hat also solide Recherchearbeit geleistet. So wird die Glaubwürdigkeit der fiktiven Geschichte erhöht.

Gleichzeitig wird die Spannung durch Carlas Handlungsstrang aufrecht erhalten, der immer wieder an das große alles zusammenhaltende Geheimnis erinnert. Zwar fällt er im Vergleich ab und bedient auch einige Klischees, ist aber durchaus erträglich. Auch die obligatorische Liebesgeschichte durfte hier wohl nicht fehlen. Nicht nur, weil Liebe auch bei Edith und Dora ein gewichtige Rolle spielen, hätte Ich persönlich sehr gut auf Carlas Liebelei verzichten können. Glücklicherweise wird sie immerhin auf ein Mindestmaß reduziert, bleibt im unteren Bereich der Kitsch-Skala und wird nur zum Ende hin relevant. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb wirkt es, als ob Autorin und Verlag die vermeintliche Erwartung der Leserinnen erfüllen und unbedingt das Häkchen an der Liebesgeschichte setzen wollten. Einen nachhaltigen Minuspunkt bildet sie aber aus genannten Gründen nicht. Den sehe ich ganz klar im Ende von Carlas Geschichte. Einerseits taucht hier die Liebesgeschichte auf, andererseits dreht sich nochmal alles um ihre Schwester und was da passiert, ist mir wirklich viel zu quatschig und kitschig geraten.
Letzteres trifft teilweise auf auf den Schreibstil der Autorin zu. Ja, ein ums andere Mal erinnerten mich Formulierungen an günstige Liebesschmonzetten. Dankenswerter Weise hielten sie sich in erträglichen Grenzen, ich konnte sie ignorieren oder es setzte eine Art Gewöhnungseffekt ein.

Überraschender Weise haben sich die genannten Kritikpunkte nicht negativ ausgewirkt, sondern höchstens milde Irritationen ausgelöst. Okay, das Ende mit Carla und ihrer Schwester hat dem Ganzen doch noch einen leicht negativen Drall versetzt, aber das schmälert nicht das Vorhergegangene. Insgesamt handelt es sich bei „Die verbotene Zeit“ im besten Sinne um einen Schmöker und tatsächlich lese ich momentan einen weiteren Roman der Autorin.

3 1/2 /5 Schreibmaschinen

 

Claire Winter, Die verbotene Zeit, Diana-Verlag 2015.

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