[Kommentar] Davon wie die Oscars selbst zu einem schlechten Actionfilm wurden

Jeder halbwegs Filminteressierte und vermutlich sogar Menschen, die damit nicht viel am Hut haben, haben inzwischen von Will Smiths und Chris Rocks Zusammenstoß bei den diesjährigen Oscars erfahren.

Nachdem ich einige Kommentare bei Twitter gelesen (und geschrieben) und das heutige Tagesgespräch auf WDR5 gehört habe, möchte ich mich hier noch einmal eingehend mit der Sache auseinandersetzen.

Chris Rock kommt auf die Bühne und macht einen Witz über Jada Pinkett Smith, die Ehefrau von Will Smith. Es geht darum, dass er sich auf eine Fortsetzung von G.I. Jane mit ihr freue, einem Neunzigerjahre-Film, indem Demi Moore mit kahlgeschorenen Kopf auf Soldatin macht. Frau Pinkett Smith hat ebenfalls raspelkurze Haare, der Vergleich passt, auch wenn sich mir der Humorgehalt nicht wirklich erschließt. Doch es existiert eine weitere Ebene, nämlich dass sie an krankhaftem Haarausfall leidet. Dementsprechend wenig begeistert ist ihr Gesichtsausdruck und kurz darauf stürzt auch schon ihre Ehemann Will Smith auf die Bühne. Nein, eigentlich geht er zwar mit erhöhter Geschwindigkeit, aber keinesfalls so, als wäre er in immenser Rage. Er baut sich vor dem Komiker auf, der noch lacht und haut ihm mit der Faust…ja, wohin eigentlich? Für mich sah es wie ein etwas misslungener Treffer zwischen Kinn und Hals aus. Danach schlendert der Schläger wie ein Cowboyheld von der Bühne. Es wirkt wie ein „I’m cool, man“-Gang aus irgendeinem Actionfilm. Er wirkt nicht bestürzt. Eher wie ein Alphamännchen. Zurück auf seinem Sitz brüllt er noch, Chris Rock solle den Namen seiner Frau nie wieder in seinen „fucking“ Mund nehmen. Er sagt nicht „Jada“, sondern definiert sie über ihre Rolle als „seine Frau“. Der Geschlagene bestätigt, dass er es nie wieder tun wird, macht noch einen Spruch und fährt in seiner Arbeit fort.
Später am Abend hält Smith eine tränenreiche Dankesrede, in der er sich als liebender, fürsorglicher Löwenvater darstellt.

Wie ihr vielleicht aus meinen Worten schließen könnt, halte ich von Will Smiths Reaktion nicht viel. Im Gegensatz zu einigen anderen, die ihre Kommentare bei Twitter oder im Radio abgegeben haben und ihn darin verteidigt haben.

Vorweg gesagt, ist es natürlich richtig sch…ße, wenn eine Krankheit überhaupt thematisiert wird. Dafür gibt es gar keinen Grund und schon gar nicht, um darüber „Witze“ zu machen. Wie sehr sich die betroffene Person davon verletzt und beschädigt fühlt, liegt ihrer Deutungshoheit. Man darf ihr ihre Gefühle nicht absprechen, indem man sagt:“Ach, das war doch nicht so schlimm.“ Ich persönlich fand den Spruch wirklich nicht wild, aber wenn sie darunter leidet, erkenne ich das selbstredend vollumfänglich an. Nichtsdestotrotz hätte Will Smith meiner Meinung nach anders damit umgehen können, ja sogar müssen. Gleiches mit Gleichem zu „vergelten“, wäre okay gewesen, aber musste er einen „draufsetzen“?

Jada Pinkett Smith tritt, soweit ich das mitbekommen habe, immer als selbstbewusste, „starke“ Frau auf. Ziehen wir in Erwägung, dass sie in diesem Moment jedoch zu geschockt war, um zu reagieren. Ich kenne solche Situationen und weiß, dass die Frechheit anderer einem die Sprache verschlagen kann. Hat sie ihren Mann daraufhin aufgefordert, so zu handeln oder hat er instinktiv gehandelt? Und benötigt sie wirklich einen Ritter, der ihre Ehre mit Gewalt verteidigt? In früheren Zeiten hätte er Chris Rock damit den Fehdehandschuh hingeworfen und beide hätten sich bei Sonnenaufgang auf einem Feld getroffen, um sich zu duellieren. Auf mich macht Smiths Verhalten genau so  einen antiquierten Eindruck. Im Jahr 2022 sollten wird darüber doch wohl längst hinweg sein. Aber Will Smith zeigt hier, dass er noch an alten Rollenmodellen festhält, dass eine Frau schwach ist und einen Mann braucht, um ihre Belange zu regeln. Die regelt er jedoch nicht mit Grips und Bedacht, sondern mit dem, was der Menschheit schon immer als letztes Mittel zur Verfügung steht: Gewalt. Ich persönlich verachte das. Hätte es sich um eine für seine Frau lebensbedrohliche Situation gehandelt, wäre Notwehr akzeptabel, aber darum ging es hier ja nicht. Es war nur ein Spruch. Ein dummer Spruch. Einer, der wehtut. Aber keiner, der Gewalt rechtfertigt. Ich habe kein Verständnis irgendeiner Art für Will Smith. Auch weil seine Aktion meiner Meinung nach eine weitere Ebene hat.

Putin unterstellt der Ukraine, die russische Bevölkerung im Donbass zu unterdrücken. Er hält es u.a. daher für legitim, die Ukraine militärisch anzugreifen, d.h. Gewalt auszuüben. Während dieses Krieges findet in den USA eine glamouröse Veranstaltung der statt, die sich Milliarden von Zuschauern in aller Welt anschauen. Es wird Solidarität mit der Ukraine bekundet, zu Spenden aufgerufen und dann geht ein Schauspieler auf die Bühne und versucht einen Konflikt zu lösen, indem er einen Comedian schlägt. Was soll das bitte für eine Botschaft sein? Gewalt ist doch eine Lösung? Will Smith hat damit ein fatales Signal an seine Fans und die Welt geschickt.

Da nützt es auch wenig, dass er danach eine tränenreiche Dankesrede im Zuge seines Gewinns hält. Vielleicht bin ich zu hart, aber ich persönlich habe ihm rein gar nichts davon abgenommen. Vielleicht stimmt es, dass er seine Familie bis aufs Blut beschützen will, aber das sollte man in seinem Alter weitaus souveräner schaffen. Er hätte der Sieger der Herzen sein können, wäre er auf die Bühne gegangen und hätte einen fiesen Spruch über Chris Rock gemacht, z.B. : Dafür bist du hässlich und daran können selbst Medikamente oder Schönheitsoperationen nichts ändern.
Seine Aussage, dass von Schauspielern erwartet wird, dass sie über fiese Kommentare mit einem Lächeln hinwegsehen sollen, stimmt. Das ist bestimmt oft hart und bedrückend. Trotzdem ist es irgendwie Teil der Berufsbeschreibung. Es war immer schon so, dass Boulevardblätter hanebüchene Geschichten über berühmte Persönlichkeiten verfasst haben. Nicht selten wurden sie dafür verklagt. Heutzutage kommen noch die Sozialen Medien hinzu und treffen oft unter die Gürtellinie. Wenn du daraufhin gewalttätig werden willst, tut dir das auf Dauer nicht gut. Wenn du in dem Job bist, gewöhnst du dich entweder daran oder verfolgst die bösen Kommentare oder gemeinen Mediengeschichten über dich nicht. Das kann man ja Anwälten überlassen.

Was die Tränen angeht: Der Mann hat leider gerade den Oscar gewonnen, warum sollte ich ihm die Tränen glauben? Seine PR-Managerin war zugegen, Denzel Washington u.a. haben auf ihn eingeredet, da liegt doch nahe, dass sie ihm Tipps für eine eventuelle Rede gegeben haben. Ich nehme ihm nicht ab, dass er aus Liebe zu seiner Frau Rot gesehen hat. Vielmehr denke ich, dass er uns damit die Spitze eines Eisberg gezeigt hat. Und der Eisberg sind seine persönlichen Probleme. Es soll Probleme in seiner Ehe geben, von der beide seit Jahren behaupten, sie sei offen. Sie erzählt öffentlich mit wem sie ihn „betrogen“ hat. Hat sie ihm gesagt, er soll etwas unternehmen oder tat er es, um sich als Oberhaupt der Familie oder ihr Ehemann zu beweisen? Hat er so wenig Selbstbewusstsein, dass er nicht mit Worten zurückschlagen kann? Oder verbal so unterentwickelt? Was hat er für ein Bild von Frauen und Männern?

Schlimm empfand ich auch die Reaktion des Publikums. Erst lachen sie (und Smith nebenbei auch) über Rocks Bemerkung, später belohnen sie Smiths Rede mit Standing Ovations! Und es gab sogar nach dem Schlag noch stellenweise Lacher und Klatschen.

Es gibt Spekulationen, dass der Vorfall inszeniert gewesen sein könnte. Ich glaube das nicht, denn obwohl die Oscars so wieder Gesprächsthema waren, haben sowohl Will Smith, Chris Rock, das Publikum und die Veranstalter ein unglückliches Bild abgegeben, das ihrer aller Ansehen nicht gut tut. Mir hat das Ganze nämlich irgendwie auch einen Schlag versetzt. Ich sehe nicht nur Will Smith, sondern ganz Hollywood in einem anderen, weitaus schlechteren Licht. Will Smith verwechselt sich mit einem seiner Actionhelden und Hollywood gibt vor, politisch korrekt zu sein, beklatscht aber jemanden, der es für legitim hält, einen anderen Menschen zu schlagen. Dass der Veranstalter behauptet, es wäre erwogen worden, Smith nach dem schlagenden Argument zu entfernen, halte ich für eine Schutzbehauptung. Dabei hätte ich es extrem witzig gefunden, wenn er seine Dankesrede aus der Limousine hätte halten müssen.

Inzwischen hat sich Will Smith über Instagram auch bei Chris Rock entschuldigt, was er in seiner Rede nicht getan hat. Ob das Erklärung wirklich von ihm oder seiner PR-Abteilung handelt, ist fraglich. Ich nehme ihm das alles weiterhin nicht ab. Immerhin schrieb sein Sohn noch während der Show, dass sie solche Dinge so händeln würden, was dafür spricht, dass ein ähnliches Verhalten auch in anderen Zusammenhängen für richtig erachtet wurde. Ich jedenfalls bin dafür, dass Will Smith nächstes Jahr nicht bei den Oscars auftreten darf.

3 Gedanken zu „[Kommentar] Davon wie die Oscars selbst zu einem schlechten Actionfilm wurden

  1. Rina

    Wenn man in der Öffentlichkeit steht muss man Beleidigungen abkönnen. Bzw. sich ein dickes Fell anschaffen. Das ist der Preis des Ruhms. Und ja – ich denke Jada kann sich bestimmt selbst wehren. Ich finde beide eh nicht unbedingt als Sympathieträger und der Junior scheint ja auch schon ziemliche Starallüren zu haben.
    Ich weiss auch nicht was dieses Alphagehabe sollte.

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