[Rezension] Klara und die Sonne von Kazuo Ishiguro

Irgendwann in der Zukunft warten Androiden in Geschäften auf potenzielle Käufer. Eine von ihnen ist Klara, eine KF, die entwickelt wurde, Kindern eine Freundin und Begleiterin zu sein. Eines Tages ist es soweit und sie wird von dem Mädchen Josie und deren Mutter ausgewählt. Klara freut sich, endlich ihrer Bestimmung folgen zu können, doch Josie ist krank und erfordert besonderer Fürsorge. Gleichzeitig sieht Klara sich in der Außenwelt neuer Herausforderungen gegenüber. Wird sie sich zurechtfinden?

Erzählt wird der Roman aus Klaras Perspektive und es ist eine naive Sicht auf die Welt. Obwohl ihr schon im Laden eine besondere Beobachtungsgabe von der Managerin bescheinigt wird, kann sie lediglich mutmaßen, was hinter dem Verhalten der Menschen, der Tiere oder den Phänomenen der Natur steckt. Ihre Analysen bleiben daher Interpretationen der Realität. Aber was ist schon „Realität“? Erschafft nicht jedes Lebewesen aus dem Ausschnitt, den es sieht, seine eigene Version? Eine besondere Rolle nimmt in Klaras Welt die Sonne ein. Da die KFs mit Solarkraft betrieben werden, schreibt sie dem Himmelskörper besondere Kräfte zu.

Klaras naive Weltsicht spiegelt sich in ihrer Sprache wider. Einerseits ist die sehr schlicht und sachlich gehalten, was u.a. den Einstieg in die Geschichte enorm leicht macht. Ich fühlte mich sofort hineingezogen und von Klara an die Hand genommen. Andererseits wird bald klar, dass ihre Sicht beeinträchtigt ist, sie Dinge anders interpretiert als sie vermutlich sind. Klaras Worte bilden eine Art Dschungel durch den man sich einen Weg bahnen muss. Grundsätzlich finde ich den Ansatz sehr spannend, doch er führt auch zu meinem größten Kritikpunkt. Ishiguro deutet viele spannende Aspekte der dystopischen Gesellschaft und ihre Auswirkungen an, aber es bleibt bei den rudimentären Informationen, die man aus den Aussagen der Menschen herausfiltern muss. Klara hinterfragt sie nicht und tiefergehende Erklärungen bleiben durch die Beschränkung auf ihre Perspektive aus. Es wird permanent nur die Spitze des Eisbergs gezeigt, obwohl sich so vielmehr darunter befindet. Ja, das ist Kalkül, nachvollziehbar und irgendwie auch spannend, denn überraschender Weise lässt sich aus den eingeworfenen Bemerkungen doch sehr vieles ableiten. Andererseits fühle ich mich um spannende Einsichten betrogen!

Schweren Herzens musste ich also akzeptieren, dass es hier eben nicht um die genaue Skizzierung der Gesellschaft geht. Stattdessen geht Ishiguro der Frage nach, was Menschlichkeit ausmacht.  Ob es möglich ist, dass eine Maschine menschliche Gefühle wie Freundschaft, Liebe, Verlustangst fühlen kann. Ob sie nicht sogar treuer und fürsorglicher als ein Mensch sein kann.
Obwohl Klara zu Gefühlen fähig ist, wird man immer wieder subtil daran erinnert, dass sie eine Maschine ist. Beispielsweise sieht sie die Welt in einer Art Kästchenmuster. Erstaunlicherweise schafft Ishiguro es dennoch, Klara als Persönlichkeit zu zeichnen und Sympathien für sie zu wecken. Tatsächlich hatte ich mehr Mitgefühl mit ihr als mit allen menschlichen Figuren. Gegen Ende musste ich mir sogar ein paar Tränchen verkneifen.
Ishiguro lotet die menschlichen Untiefen durch Klaras Augen und Wahrnehmung aus. Einerseits wird klar, dass Menschen nicht perfekt sind. Sie ändern ihre Gefühle, sind unachtsam, unsensibel, sogar grausam und zerstörerisch. Andererseits ich hatte auch immer das Gefühl, dass Klara wie eine Art Schild zwischen mir und den anderen Figuren steht, so dass ich nie wirklich wusste, was diese fühlen oder wollen. Dadurch konnte ich keine wirkliche Nähe zu ihnen aufbauen. Es erging mir wie Klara selbst. Ganz schön raffiniert von Ishiguro, nicht wahr? 😀

Alles in allem habe ich den Roman wirklich sehr gerne gelesen. Vordergründig ist die Geschichte eher handlungsarm und und wird unaufgeregt erzählt. Sogar die große Überraschung des Buches wird nicht aufgebaut, sondern geschieht eher nebenbei. Doch unter der relativ glatten Oberfläche der Handlung gibt es viel zu entdecken und zu hinterfragen. Auch das ist mit Klara vergleichbar. Sie ist eine Konstruktion, aber im Inneren hat sie Gedanken und Gefühle, die sie ordnen will. Aber insgesamt fehlte es der Geschichte für mich an Kontext. Stattdessen verharrt sie im Ungefähren. Gerne hätte das Buch deshalb doppelt so umfangreich sein dürfen. Sowohl in Inhalt als in Seiten. 

Kazuo Ishiguro, Klara und die Sonne, Blessing Verlag 2021.

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