Eurovision Song Contest 2022 – Resüme

Der Morgen nach dem ESC-Finale und ich fühle mich, als wäre ich unter einen Bus gekommen. Meine Emotionen lassen sich nicht richtig greifen. Irgendwie finde ich es gut und definitiv nachvollziehbar, wie das Ergebnis ausgefallen ist, andererseits bin ich enttäuscht und traurig und dann doch wieder nicht. Keine Ahnung!

Es ist offensichtlich, dass mein Favorit Sam Ryder für UK war und bleibt. DerBeitrag ist die perfekte Synopsis aus Siebzigerjahre-Rock, britishness, kraftvoller Stimme und sympathischem Interpreten. Beim Auftritt hat er echt noch eine Schippe von allem draufgelegt und ich habe das Gitarrensolo geliebt (wenn es auch nicht live war :D) . Es ist keine Übertreibung, dass mich Space Man abgeholt hat wie noch kein anderer ESC-Song zuvor und ich gucke die Veranstaltung seit 1982. Noch nie habe ich so mitgefiebert und gehofft, dass mein Favorit siegt und gleichzeitig ahnte ich (vorallem aufgrund der Buchmacherprognosen), dass es vermutlich nichts wird. Nun hat Sam Ryder das Jury-Voting gewonnen und ist 5. beim Televoting geworden und ich muss sagen, dass ich an beidem zu kritteln habe. Die Entscheidungen der Juries waren für mich irgendwie nicht ernstzunehmen. Eigentlich sollen sie den Song beurteilen, aber gewisse Länder haben doch wieder völlig offensichtlich nach anderen Kriterien gewählt (Beispiel Zypern – Griechenland). Andere Bewertungen hoben Künstler hervor, die wirklch nicht so gut waren. Und dass die Zuschauer den spanischen Beitrag vor dem britischen sahen, will mir auch nicht einleuchten. Auf der einen Seite ein episches Lied, dass einen aufmuntert und Power schenkt, und auf der anderen wackelnde Hintern und ein recht eintöniger Song. Aber okay, Geschmäcker sind verschieden. Negativ überrascht hat mich Italien. Das Lied ist so schön und gefühlvoll, aber Mahmood und Blanco haben es leider versemmelt. Sie haben nicht gut gesungen und ihren Beitrag nicht mit Herzblut „verkauft“.

Selbstverständlich bin ich mit der Ukraine solidarisch, der Krieg muss sofort aufhören, ich wünsche Putin und seinen Unterstützern die Pest an den Hals und ich bewundere die Ukraine, dass sie dennoch am ESC teilnimmt, zeigt, wie kraftvoll, unerschütterlich und lebensbejahend sie ist. Ihr Sieg ist ein tolles Zeichen der europäischen Unterstützung und Solidarität gegenüber der Ukraine. Vermutlich wäre alles andere als ein Sieg von ihr merkwürdig gewesen.
Nichtsdestotrotz habe ich auch meine Schwierigkeiten mit dem Ergebnis. Als ESC-Fan sehe ich ihn als Liederwettbewerb und meiner Meinung nach hat die Ukraine nun mal nicht das beste Lied beigesteuert. Wir werden natürlich nie erfahren, wie viele der Anrufer aus welchen Gründen angerufen haben, aber ich behaupte mal einfach, dass es eher aus Solidarität geschah.
Dann frage ich mich, ob dieser Solidaritätssieg irgendetwas ändert. Klar, die jeweiligen Anrufer können sich auf der richtigen Seite sehen, sich fühlen, als hätten sie Putin einen ausgewischt. Aber hört der Krieg deswegen auf? Sterben weniger Menschen? Ärgert sich Putin wenigstens? Ich vermute, dass die Antwort immer wieder „Nein“ lautet.
Ist es für die Ukraine ein „echter“ ESC-Sieg? Haben sie das Gefühl, wirklich den besten Beitrag abgeliefert zu haben? Ich wünsche ihnen, dass es ihnen egal ist und ihnen das Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität mehr bedeuten.

Ja, es ist ein starkes Zeichen des Zusammenhalts Europas und der Solidarität. Vermutlich hätte sich die ESC-Gemeinde (mich eingeschlossen) schlecht gefühlt, wäre es anders ausgegangen. Ungeachtetdessen bin ich der unerschütterlichen Meinung, dass Sam Ryder gewonnen hätte, hätte Putin nicht diesen schrecklichen Krieg angezettelt. Schon wieder etwas, für das der Arsch verantwortich ist. 😉 Doch Sam ist auf dem 2. Platz gelandet, es hätte weitaus schlechter ausgehen können. Von daher bin ich glücklich und denke einfach, dass es 2022 zwei Sieger gibt.

Mein persönliches Fazit ist, dass ich höchstwahrscheinlich nie wieder für einen Beitrag so sehr mitfiebern werde. Sams Auftritt hat übrigens in weniger als 10 Stunden mehr als 1,8 Mio Aufrufe und über 6000 Kommentare bei Youtube erhalten. Außerdem liebe ich, dass das Vereinigte Königreich letztes Jahr null Punkte bekommen hat und dieses Jahr so erfolgreich ist. Einfach eine tolle Story.
Vermutlich werde ich aber nie wieder abstimmen, denn es deprimiert mich am allermeisten, dass die Buchmacher immer Recht zu haben scheinen. Warum also soll man noch mitmachen? Übernehmen wir ab nächstem Jahr doch einfach ihre Einschätzung.

15 Gedanken zu „Eurovision Song Contest 2022 – Resüme

  1. nettebuecherkiste

    Es ist eben eine Geschmacksfrage. Mein Favorit (Frankreich) landete auf dem vorletzten Platz. Der britische Beitrag war für mich ehrlich gesagt ganz gut, aber nichts Besonderes. Von den vorderen Plätzen war für mich der ukrainische Song mit Abstand der beste. Völlig unabhängig vom Krieg (ich habe wie gesagt für Frankreich gestimmt). Ich bin daher absolut einverstanden mit dem Ergebnis. Ich fand die Konkurrenz insgesamt deutlich schwächer als letztes Jahr.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Der französische Beitrag war definitiv interessant und in bretonischer Sprache eine Ausnahme. Leider wurde er auch für mich zu wenig beachtet.

      Der britische Beitrag hat mein Herz so erwärmt. Die Stimme von Sam Ryder ist unglaublich toll und der Song hat mich richtig abgeholt. Liegt vermutlich an meiner Liebe für GB und seine Musik.

      Und für mich war es ein sehr starker Jahrgang. Witzig, wie unterschiedlich die Wahrnehmung ist. Aber das macht den ESC ja auch spannend.

      Ukraine ist schon gut und ich gönne es ihnen von Herzen.

      Gefällt 1 Person

      Antwort
      1. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Für mich hatte der Song etwas sehr Besonderes. Etwas besonders Britisches und 70’s-Rockiges. Aber wie gesagt, Geschmäcker sind unterschiedlich und er hat halt genau meines Musikader getroffen.
        Ja, der Song der Ukraine ist interessant, aber in „normalen“ Jahren wohl kein Siegersong. 🙂

        Gefällt mir

  2. Fraggle

    Ich gestehe, jetzt nicht soooo der ESC-Fan zu sein, mich dann aber doch immer wieder jedes Jahr gut unterhalten zu fühlen, wenn ich denn wieder semi-genötigt werde, mir die Sendung anzusehen.

    Gestern hat mir allerdings irgendwas zur vollständigen Zufriedenheit gefehlt:

    Mal ganz davon abgesehen, dass Sam Ryder ein tatsächlich hochsympathischer und gesanglich höchst ansprechender Kerl zu sein scheint, mit dem man, denke ich, gut mal ein Bier trinken gehen und sich köstlich amüsieren könnte, und dem ich den Sieg tatsächlich gegönnt hätte – dieser zauberhaften Schwedin allerdings noch ein ganz kleines bisschen mehr 😉 -, war irgendwie klar, wie das Ergebnis dann aussehen wird. Und das kann man dann durchaus auch kritisch sehen, denn die ukrainische Nummer hatte abseits des leicht nervigen, aber eingängigen Refrains jetzt nichts, was mich besonders abgeholt hätte.

    Nun ja, aber da die Ukraine auch im Jury-Voting auf Platz 4(?) lag, deutet einiges darauf hin, dass ich vielleicht auch einfach keine Ahnung hab. 😉

    Über manche Punktevergabe einiger Länder untereinander kann man sicherlich ebenfalls streiten, aber wie schon festgestellt: Das wird sich nie ändern. Grundsätzlich habe ich aber mit einer gewissen Freude festgestellt, dass sich wenigstens noch das Jury-Voting an der eigentlichen musikalischen Qualität ausrichtet.

    Ansonsten bleibt in der Rückschau für mich ein ESC voller Fragen:

    1. Kann man im Regularium für nächstes Jahr vielleicht ein Kopfstimmennutzungsverbot durchsetzen? Wenn gefühlt sechs von sieben Sängern ebenso gefühlt durchgängig klingen wie Matthew Bellamy von „Muse“ auf Helium und sich so durch ihren Beitrag weinen, dann finde ich das arg ermüdend. Ganz vorne hier mit dabei waren die italienischen Jungs und der australische Sportsfreund. Aber na ja, Geschmackssache und so … Matthew Bellamy und seine Band schätze ich dagegen sehr. 🙂

    2. Ging den spanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit ihrer Jennifer-Lopez-Gedächtnisnummer in der Vorbereitung ihres Auftritts das Geld, das Material oder beides aus, oder hat man sie gar gewungen, so semi-nackig auf der Bühne herumzulaufen? Der früh alternde Mittvierziger, der ich bin, fand das irgendwie billig. Und meine Musik war es auch nicht …

    3. Was, um alles in der Welt, war dieser serbische Art-House-Beitrag, der mich irgendwie an Pontius Pilatus erinnerte?

    4. Muss Deutschland erst eine Nummer von Stock, Aitken, Waterman komponieren lassen, die dann von den Stones persönlich dargeboten wird oder vielleicht auch Gildo erst wieder irgendwelche Aufbauten hochklettern lassen, um Punkte zu bekommen? Und wenn das so ist: Muss man dann zwingend noch daran teilnehmen? Und was unterschied Michael Schulte von den anderen deutschen Beiträgen der letzten Jahre, in denen man, wenn ich mich nicht irre, dreimal Vorletzter und dreimal Letzter geworden ist? Und kann man den Schulte nicht vielleicht einfach nochmal schicken? Vielleicht auch mit demselben Song? Und dann einfach darauf hoffen, dass das niemandem auffällt? 🙂

    5. Und überhaupt: Wo waren die ganzen, von mir so geschätzten, gitarrelastigen, meist skandinavischen Randale-Bands der Vorjahre? Und nein, „The Rasmus“ zählt nicht? 😉

    Tja, Fragen über Fragen … 🙂

    Gefällt 2 Personen

    Antwort
    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Also, wie man gemerkt hat, bin ich ja schon ESC-Fan, wobei der Level je nach Jahr mal mehr mal weniger groß ausfällt 😀 . Nichtsdestotrotz gebe ich dir an vielen Stellen Recht.

      Schweden hatte einen starken Song, allerdings fand ich ihn doch etwas zu vorhersehbar. Dennoch hat sie verdient einen guten Platz erreicht.
      Der Ukraine-Song bedient natürlich verschiedene Kästchen (Rap, Folklore…) und hätte daher m.M.n. auch in regulären Jahren Chancen auf eine gute Portion Punkte gehabt. Aber nicht auf den Siegerplatz. Ich finde den Beitrag zwar sehr eingängig, aber nach mehrmaligem Hören auch etwas nervig.
      Die Jurys kann ich leider schon seit Jahren nicht besonders ernstnehmen. Mal abgesehen davon, dass sie ihre Nachbarländer gerne mal bevorzugen, hat gerade Spanien gestern gezeigt, dass da wohl auch nicht immer das Lied das wichtigste Kriterium ist. Hier ging es wohl eher um Choreografie und naja…wackelnde Hinterteile.

      Das Jahr war extrem balladenlastig. Mir fehlten auch schnellere, rockigere Nummern. Kopfstimme mag ich mal ganz gerne, aber bitte nicht so geballt und melodramatisch. Bannen sollte man die Kopfstimme deswegen aber nicht gleich, denn sonst entgeht uns vielleicht noch etwas. 😀

      Deutschland ist eine Sache für sich. Mir ist generell die deutsche Chart-Musiklandschaft zu provinziell. Die meisten Sachen hätten international kaum eine Chance, glaube ich. Das Piefige gilt mit Ausnahme der Online-Eurovision.de-Präsenz auch für den NDR. Hier muss man wirklich anders an die Sache herangehen. Out of the box denken und auffälligere Vertreter zum ESC schicken. Dazu sollte der Vorentscheid ganz anders organisiert werden. Wir müssen mehr auffallen und Krasseres machen, es aber gleichzeitig ernstnehmen. Keine Ahnung, was Michael Schulte anders gemacht hat. Ich war erstaunt vom Abschneiden, denn mir hat das Lied damals nicht soo gefallen.

      Serbiens Erfolg bei den Zuschauern kann ich gar nicht nachvollziehen. Mir zu sehr Arthouse und anstrengend von ihr angestarrt zu werden. Vergleich mit Pontius Pilatus hat was :D.

      Gefällt mir

      Antwort
  3. tedthethief

    Das ist doch logisch. Ich glaube noch nie in einem Contest wurde das beste Lied zum Singer. Da sind immer politische Schiebereien dabei, deshalb schneidet zum Beispiel Deutschland immer so mies ab.

    2014 hab ich für Griechenland locker 5 mal gevotet und übel gehyped und die haben nicht gewonnen, oder 2014 Frankreich war der Hammer und die sind letzter geworden. Ich guck mir jedes Jahr die Lieder ab, stopf meine Favoriten meine Playlisten und wurscht wer gewinnt. Andernfalls wirst du nie glücklich.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Das glaube ich nicht. In den letzten Jahren hat für mich zumindest sehr oft das beste Lied gewonnen, z.B. mit Portugal und Niederlande. Mit denen bin ich durchaus glücklich geworden.
      UK ist das beste Beispiel, dass die politischen Einflüsse nicht ins Gewicht fallen. Die Politik hat sich seit letztem Jahr nicht geändert, das Ergebnis jedoch schon.

      Ja, du hast Recht. So sollte man es machen. Rational sehe ich es ein und werde es versuchen, aber dieses Jahr wurde ich echt von meinen Emotionen mitgerissen, weil der Song alles in sich vereint, was ich als britischer Rockfan zu schätzen weiß.

      Gefällt 1 Person

      Antwort
  4. Wortman

    Einen gewissen Grad „gemogelt“ wurde schon vor 40 Jahren beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson. Länder, die sich nicht grün waren, gaben dem Anderen max. 1 – 2 Punkte oder Länder aus gleichen Ecken haben sich die großen Punktzahlen zugeschoben.

    Heute war es sicherlich ein Solidaritätssieg und kein echter Gesangssieg…

    Gefällt 2 Personen

    Antwort

Möchtest du einen Kommentar verfassen?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.