[Filmkritik] Im Westen nichts Neues (Netflix)

Paul Bäumer hat sein Abitur frisch in der Tasche. Doch er hat es nicht 2022 gemacht, sondern 1917 und so statt der großen weiten Welt der erste Weltkrieg. Ebenso wie seine Klassenkameraden ist Paul jedoch voller Tatendrang, seinen Beitrag an der Front zu leisten. Sie wollen keine Feiglinge sein, sondern zu Helden werden. Er fälscht die Unterschrift seines Vaters und findet sich bald in einem Schützengraben in Frankreich wieder. Schneller als er sein Bajonett abdrücken kann, merkt er, dass dieser Ort keine Heldengeschichten hervorbringt.

Ich bin ja wahrlich nicht als Fan des deutschen Films bekannt und es gehört schon einiges dazu, dass ich mir überhaupt einen zu Gemüte führe. Wenn es aber so ist, handelt es sich zu 99% um Verfilmungen historischer Stoffe.
Lange schon habe ich im Hinterkopf, dass ich irgendwann mal Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque lesen sollte. Getan habe ich es nie, aber als ich erfuhr , dass es eine neue Verfilmung geben würde und die ersten positiven Stimmen vernahm, entschloss ich mich den Film zu sehen.

Wir erfahren nicht viel von Paul Bäumer. Er ist Gymnasiast, fälscht die Unterschrift seines Vaters, um mit seinen Freunden in den Krieg ziehen zu können. Sie wollen keine Feiglinge sein, sondern für Volk und Vaterland ihren Mann stehen. Er hat noch nichts erlebt, er hat keine Vorstellung vom Krieg, er ist eine leere Leinwand, die noch nicht gezeichnet ist. Doch das ändert sich sobald er die Front erreicht. Obwohl wir Zuschauer ihn also kaum kennenlernen (und das bis zum Ende so bleiben wird), binden wir uns an ihn. Tappen mit ihm durch die Schützengräben, über das Schlachtfeld und finden neben ihm in den wenigen ruhigen Momenten trotzdem keine Ruhe. „Tappen“, weil wir ebenso wie Paul orientierungslos sind. Wir wissen nicht, was im nächsten Moment geschieht, welche neuen Gewaltexzesse dort auf ihn und damit uns lauern.
Die Schrecken des Kriegs zeigen sich auf Felix Kammerers Gesicht, in seinen Augen und es wirkt so echt und unmittelbar, dass man sich unweigerlich in Pauls Situation hineinversetzt und mit ihm mitfühlt. Er sticht damit aber nicht hervor, sondern steht vielmehr stellvertretend für jeden einzelnen Soldaten. Egal, auf welcher Seite der Kampfeslinien. Felix Kammerer verkörpert diesen „Jungen ohne Eigenschaften“, dessen Enthusiasmus schnell durch Desillusionierung ersetzt wird, absolut eindrucksvoll. Dies ist übrigens seine erste Filmrolle, zuvor spielte er ausschließlich am Theater.
Auch Albrecht Schuch als Stanislaus Katczinsky und Edin Hasanovic als Tjaden Steckfleet spielen sehr überzeugend und werden in Erinnerungn bleiben.
Das lässt sich nicht wirklich über Daniel Brühl und Devid Striesow als Matthias Erzberger und General Friedrich sagen. Sie arbeiten routiniert und gut, haben defacto aber nicht viel zu tun. Erfährt man über Erzberger noch etwas mehr Persönliches, so ist Friedrich lediglich als Vertreter der soldatischen Obrigkeit von Belang.
Insgesamt erfährt man über alle Figuren wenig. Es sind ihre Funktionen, die hier von Bedeutung sind, auf die sie aber nicht durch den Film, sondern durch den Krieg reduziert werden.
Im Westen nichts Neues unterstreicht außerdem den „industriellen“ Charakter des 1. Weltkriegs, wenn man es so nennen kann. Einerseits machen schon die ersten Szenen klar, dass der Krieg wie eine industrielles Werk abläuft. Männer melden sich, ziehen als Soldaten in den Krieg, sterben, ihre Kleidung wird gereinigt, repariert und dem nächsten gegeben. Immer wieder, immer weiter, wie am Fließband. Andererseits wurden im 1. Weltkrieg das erste Mal Panzer, Giftgas und Flammenwerfer eingesetzt und die Kriegsführung damit effektiver. Wie Paul und seine Kameraden das erste Mal auf gegnerische Panzer treffen und dabei ungläubig ob der neuen Bedrohung reagieren, unterstreicht, dass mit diesem Krieg eine neue Stufe erreicht wurde.

Auch die Handlung ist begrenzt. Begrenzt auf das Kriegsgeschehen, die seltenen Momente der Feuerpausen, die aber keine Ruhe bringen. Es lassen sich Parallelen zwischen unserer Erfahrung als Zuschauer und denen der Soldaten ziehen. Auch wir werden nicht geschont, bekommen eine brutale, blutige Szene nach der anderen aufgezwungen, reagieren intuitiv und überlegen vielleicht aufzugeben. Was ich den Machern wirklich extrem hochanrechne, ist dass es absolut keine Szene gibt, die als heroisch fehlinterpretiert werden könnte. Durchaus eine Schwierigkeit, die nicht alle Kriegs- bzw. Antikriegsfilme meistern. Hier ist hingegen durchgehend glasklar, dass Krieg einfach nur sinnlos ist. Sinnlose Verschwendung von Menschenleben, sinnloses Sterben von Menschen, die viellecht befreundet wären, wenn sie die Chance hätten, sich kennenzulernen.

Eingefügt in die Kampfhandlungen und ihre Schrecken werden die Friedensverhandlungen der deutschen und französischen Delegationen und Szenen, in denen der General sich dagegen sträubt. Ursprünglich im Roman nicht vorhanden, empfand ich sie hier als sehr passend. Zum einen dienen sie als eine Art Ruhepausen, so dass sich nicht Kampfszene an Kampfszene reihen, die die Zuschauer überfordern oder ermüden könnten. Zum anderen machen die Verhandlungen deutlich, dass die Soldaten für die Verantwortlichen (außer für Erzberger) lediglich Mittel zum Zweck sind.

Ein bisschen schwierig empfand ich die Chronologie bzw. das Timing. Während die Verhandlungen vermitteln, dass das Ende in greifbare Nähe rückt, verkündet ein Blick auf die Laufzeit, dass sie noch nicht einmal zur Hälfte erreicht ist. So wurde ich immer wieder von der Frage abgelenkt, womit die restliche Zeit gefüllt werden würde. Was aber weit schwerer wiegt, ist, dass ich mich bis ungefähr zur Hälfte emotional nicht besonders involviert fühlte. Der Grund ist vermutlich, dass man schon viele echte oder filmische Kriegsbilder gesehen hat. So hart/zynisch es klingt, aber man ist an derartige Bilder irgendwie „gewöhnt“. Dass es brutal zugehen würde, weiß man also. Leider wird die ein oder andere eindrucksvolle Szene zudem im Trailer verbraten, was wieder mal dafür spricht, die einfach nicht mehr zu gucken.
Aber eine bestimmte Szene legte den Schalter doch noch um und ließ die Tränen fließen. Die versiegten bis zum Ende nicht mehr, welches schließlich alle Schleusen öffnete. Obwohl es wehtat, war ich auch froh darüber, denn es wäre mir falsch vorgekommen, wenn dieser Film keine tiefgreifende emotionale Wirkung auf mich gehabt hätte. Leider war das bei 1917 nahezu der Fall.
Ein bisschen schade fand ich aber, dass der Filmtitel am Ende nicht wie im Buch erklärt wird. Um Spoiler zu vermeiden, kann ich das aber leider nicht weiter ausführen.

Von Anfang an haben mich dafür umso mehr die visuelle und akkustische Umsetzung eingenommen. Die Bilder sind überraschend ruhig angelegt. Selbst die Schlachtszenen zeichnen sich nicht wie so oft durch hektische Schnitte und Perspektivwechsel aus. Die Farbpalette vereint passender Weise fahle Grau-, Braun- und Grüntöne. Die Landschaftsaufnahmen wirken seltsam unbelebt und eintönig und ergänzen damit die Bilder der Kampffelder nach der Schlacht.
Am meisten hat mich das Sounddesign und der Score beeindruckt. Allen voran das Dreiklang, der die Militärhandlungen ankündigte und an Hans Zimmers Dune-Score erinnern. Diese Töne werden mir noch lange gegenwärtig bleiben. Sie gehen unter die Haut, strahlen eine unidentifizierbare Bedrohung aus und bleiben in der Luft hängen. Es fühlt sich an, als würde sich plötzlich eine unsichtbare Wand vor einem aufbauen. Man kann sich vorstellen, dass die Soldaten angesichts der nahenden Gefahr ähnlich fühlen.
Auch sonst wird der Score sparsam, aber effektvoll eingesetzt. Er schafft eine stetige Spannung, die in der Luft zu hängen scheint. Sanfte, melodiöse Töne unterstreichen umso stärker die allgegenwärtige Brutalität der Bilder.

Um es direkt vorweg zu nehmen: Im Westen nichts Neues ist sicher der bisher beste Film, den Netflix produziert hat. Okay, dass ist nicht die große Kunst, aber auch wenn man andere Maßstäbe anlegt, schneidet der Film wirklich gut ab. Man muss allerdings eine Warnung aussprechen: Der Film ist sehr schwere Kost und wie die ist er nicht leicht zu verdauen. Man muss sich überlegen, ob man sich darauf einlassen kann und möchte.

Der Ukraine-Krieg zeigt, dass Remarques Werk nichts an Aktualität und Dringlichkeit eingebüßt hat und der Film fängt diese Botschaft glasklar ein. Die Botschaft, dass ein Menschenleben im Krieg nichts gilt und nur als Kanonenfutter dient. An einem Krieg gibt es nichts Heroisches. Letztlich bleiben nur Verlierer.

8/10 Tickets

Im Westen nichts Neues
Regie: Edward Berger
Laufzeit: 147 Minuten
Seit dem 28. Oktober 2022 bei Netflix und in ausgewählten Kinos

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18 Kommentare zu „[Filmkritik] Im Westen nichts Neues (Netflix)

  1. Ich halte eigentlich auch nichts von deutschen Filmen aber der war schon recht beeindruckend gemacht.
    Was mir „gefallen“ hat: Der Franzmann wurde auch als rücksichtslos brutal dargestellt. Nicht immer nur die Deutschen, wie es bei den meisten Kriegsfilmen – zumindest zum WK II – der Fall ist.

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    1. Tatsächlich habe ich, wenn ich mich recht erinnere, noch nie einen Film gesehen, der auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkriegs spielt. Kriegsfilme sind üblichereweise gar nicht „mein Genre“ und das trifft genau wie bei Dir auch auf deutsche Filme zu. Sind ja leider auch viel zu oft echt unterirdisch, was man schon bei der Inhaltsangabe merkt 😀 .

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      1. Ich hab jede Menge Kriegsfilme gesehen und es hat mich immer wieder geärgert, dass die Deutschen oftmals als Deppen dargestellt wurden oder eben als die einzig Brutalen.
        Im Stile von diesem Film her – eben die Sinnlosigkeit – da empfehle ich dir „Die Brücke“ von 1959 und „Steiner – Das eiserne Kreuz“.

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      2. „Die Brücke“ kenne ich natürlich und habe ihn mehr als ein Mal gesehen. Auch ein sehr eindrücklicher Film über die Sinnlosigkeit des Krieges und die Verblendung vieler.
        Ansonsten werde ich jetzt kein Anti-Kriegsfilm-Gucker. Irgendwie nicht mein bevorzugtes Genre.

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  2. *wink* Eine sehr interessante Kritik. Einerseits macht sie mich sehr neugierig andererseits grummelt mein Magen. Was aber sicher daran liegt das ich den Film sofort mit älteren Fassungen vergleichen würde, welche ich in der Schulzeit gesehen habe, nachdem wir das Buch gelesen hatten.

    Was mich aber hinter dem Ofen hervorlockt ist dann doch deine Schilderung des Looks, Authentischer Schrecken und Score z.B.
    Ich glaub wenn es mir wieder möglich ist, werde ich auf jeden Fall mal einen Blick riskieren, denn wie gesagt finde ich die Kritik klasse und sie weckt das Interesse. Top Arbeit 🙂

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    1. Vielen Dank! Deine Worte freuen mich wirklich sehr! Nach meiner Erfahrung mit 1917, der mich sehr unterwältigt hatte, und der vorherigen Info, dass Im Westen nichts Neues sehr schonungslos ist, war mir auch nicht sehr wohl bei der Sache. Dennoch war mir irgendwie klar, dass ich ihn sehen würde.
      Es hat sich „gelohnt“, wenn man das überhaupt so formulieren darf. Es war eindrucksvoll und mir war danach schnell klar, dass ich eine Kritik dazu schreiben muss. Allein, dass zeigt, dass er großen Eindruck auf mich gemacht hat.
      Obwohl ich die Version von 1930 nicht kenne, glaube ich, dass er den Vergleich nicht scheuen muss. Bin gespannt auf deie Meinung, wenn du ihn irgendwann gesehen hast.

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      1. Den Vergleich zu 1917 kann ich nicht ziehen, da der Film bei mir noch offen ist. Das Original von „Im Westen nichts Neues“ hab ich 2x gesehen, einmal im Original S/W und dann nochmal Coloriert, wobei ich erstere besser fand, auch wenn es wie das lesen des Romans schon eine Weile her ist. Beides kann ich dir bei Interesse aber nahe legen.

        Es ist toll das sich der Film für dich gelohnt hat, und somit eine Kritik deinerseits entstand. Immerhin zeigt sie ja Wirkung. Und mit seiner Meinung sollte man eh nie hinter dem Berg bleiben.

        Wenn ich ihn gesehen hab kommen sicherlich auch einige Worte meinerseits dazu 🙂 auch wenn das noch dauern wird.

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      2. Wir haben uns in der Schule kaum mit dem 1. Weltkrieg befasst und auch während des Studiums gab es kaum Veranstaltungen zum Thema. Den Roman besitze ich tatsächlich schon. Ich sollte ihn endlich mal lesen, dazu muss ich ihn allerdings erstmal suchen 😀 .
        „Gelohnt“ würde ich jetzt zwar nicht sagen, aber es war durchaus eine interessante Filmerfahrung. Irgendwann werde ich ihn mir sicher noch mal ansehen.

        Nur keinen Stress!

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