Schlagwort-Archive: Auschwitz

[Rezension] Ein bedrückendes und gleichzeitig eindrucksvolles Hörerlebnis

1963 hofft Eva Bruhns, dass Unternehmersohn Jürgen endlich um ihre Hand anhält. Auch ihre Eltern, die Wirtsleute des gutbürgerlichen Gasthofs „Deutsches Haus“, freuen sich über die gute Partie ihrer Tochter. Da erhält Eva das Angebot, bei einem großen Prozess in Frankfurt als Übersetzerin mitzuwirken. Obwohl weder ihre Eltern noch Jürgen begeistert sind, nimmt sie an. Fortan übersetzt die junge Frau die Aussagen polnisch sprechender Zeugen in einem der größten und wichtigsten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Welche Bedeutung ihm zuteil wird, ahnt Eva noch nicht, die von dem Ort Auschwitz zuvor noch nie etwas gehört hat. Weiterlesen?

[Rezension] Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldor

Pici

Robert Scheer besucht seine neunzigjährige Großmutter Elisabeth genannt Pici in Israel. Er möchte diese vielleicht letzte Chance nutzen, mit ihr über die Vergangenheit sprechen. Über die Welt der ungarischen Juden, Picis Familie und wie die Nationalsozialisten schließlich beides zerstörten. Vom Leben in den Ghettos und den unzähligen Gefahren und Schrecken von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern. Mit großer Offenheit und Reflexionsgabe erlaubt sie ihm und dem Leser Einblicke in ihr Leben und ihre Gedanken. Erzählt ihrem Enkel sogar von Dingen, die sie seit vielen Jahrzehnten verfolgen und die sie bisher gegenüber niemandem preisgegeben hat.  Weiterlesen?

[Rezension] Die unsägliche Komik des Schreckens

Das Lachen

Der erfolgreiche Komiker Ernst Hoffmann lebt und arbeitet in Amsterdam. Als die Deutschen das Land besetzen, muss er sich verstecken, da seine Mutter Jüdin war. Schließlich wird er doch bei einer Razzia festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Im Zug lernt er Helena kennen und verliebt sich trotz der widrigen Umstände in sie. Doch schon auf der Reise beginnt er zu ahnen, dass ihm und den Mitreisenden eine schwere Zeit bevorsteht. In Auschwitz begegnet er dem Unfassbaren. Die Häftlinge werden allem beraubt, sogar ihres Lebens. Doch seinen Humor kann dem Komiker niemand nehmen und er hilft ihm, ein kleines Licht der Hoffnung für sich und andere zu entzünden.

„Ein Kapo und ein Blockältester rauchten eine Zigarette am offenen Fenster und unterhielten sich über die Unverzichtbarkeit von strengen Regeln im Lager. „Alle Juden sind von Grund auf schlecht und verdorben“, sagte der Kapo barsch. „Dasselbe gilt für sämtliche Eskimos“, sagte ich von meiner Pritsche aus. Er sah mich überrascht an. „Wieso denn Eskimos?“ „Wieso Juden?““ (S. 134).

Das Lachen und der Tod ist ein großartiges Werk über das Wesen der Menschen an einem unmenschlichen Ort. Auschwitz wirkt wie aus der Zeit und Welt gefallen und selbst vor Gott scheint es sich verborgen zu haben. Aber die Verbrechen fanden nicht heimlich statt. Jeder Häftling wusste bald, was seinen Angehörigen geschehen war und welche Dinge ihm drohten. Das Grauen war real. Pieter Webeling hat sich nicht nur der schwierigen Aufgabe gestellt, diese Monstrosität in Worte zu kleiden. Darüber hinaus hat er einen Komiker zu seiner Hauptfigur gemacht. Und Ernst Hoffmann ist ein ganz besonderer Protagonist. Er stellt sich der unfassbaren Unmenschlichkeit und dem Zynismus der SS-Leute mit den einzigen Waffen entgegen, die ihm zur Verfügung stehen. Sein Humor und sein Feinfühligkeit helfen ihm, zu überleben, seine Menschlichkeit zu bewahren und seine Mitgefangenen für wenige Augenblicke von ihrer hoffnungslosen Lage abzulenken.

Es ist schlicht beeindruckend, dass Pieter Webeling solch einen authentisch wirkenden Roman verfassen konnte, ohne die Schrecken selbst erlebt zu haben. Er hat mit Zeitzeugen gesprochen und Literatur zu Rate gezogen. Und schließlich hat er Fiktion und Realität überaus gekonnt und sensibel verwoben und verdichtet. Die Geschichte und ihre Figuren sind in all ihren Bestandteilen glaubwürdig, tiefgründig und ihr Kern ist derart wahrhaftig, dass es den Leser nur in Erstaunen versetzen kann. Der Autor meistert die schwierige Herausforderung, Humor und Auschwitz in einen Zusammenhang zu stellen. Auf wenigen Seiten lässt er den Lageralltag mit all seinen großen Scheußlichkeiten und winzigen Menschlichkeiten aufleben. Die Geschichte entwickelt einen derart starken Sog, dass es schwerfällt, nicht Seite um Seite bis zum Ende zu lesen.

Die Sprache beschreibt in kurzen Sätzen Gegebenheiten, Situationen, Menschen, Gefühle so präzise, dass es sprachlos macht. Die Worte werden zu Nadeln, die ins Bewusstsein des Lesers stechen. Sie werden bis zum Anschlag versenkt. Die Brutalität und Grausamkeit des Lagers werden injiziert und produzieren Fassungslosigkeit und Traurigkeit, die sich ausbreiten und noch lange wirken.

Das Lachen und der Tod ist ein absolut empfehlenswerter Roman. Trotz der fast unüberschaubaren Fülle an Literatur zum komplexen Themenfeld des Holocaust, stellt er einen wichtigen, er-/kenntnisreichen, empfindsamen und unglaublich berührenden Beitrag dar. Ein Meisterwerk!

5/5 Schreibmaschinen

5Writer

Pieter Webeling, Das Lachen und der Tod, Karl Blessing Verlag 2015.

[Rezension] Die Tänzerin von Auschwitz

Tänzerin

Paul Glaser besucht mit seiner Frau und einigen Kollegen Krakau. Am dritten Tag wollen sie gemeinsam das ehemalige KZ Auschwitz besichtigen. Doch plötzlich spürt er eine Beklemmung, möchte eigentlich nicht mehr mitgehen. Seine Frau und die Freunde überreden ihn und schließlich steht er vor einem Schaukasten mit unendlich vielen Koffern. Da fällt sein Blick auf einen weit vorne liegenden, der den Namen „Glaser“ trägt.

Paul Glaser ist in einer katholischen Familie aufgewachsen, die wenig Kontakt zu den Verwandten väterlicherseits hat. Nach seinem Erlebnis in Auschwitz begibt er sich auf die Spuren seiner Vorfahren und findet schließlich jüdischen Wurzeln sowie die tragische Lebensgeschichte seiner Tante Roosje. Weiterlesen?